30. Geburtstag

Welche Schicksale hier, welche daheim? Mein 30. Geburtstag. Ich fühle mich wie ein Verblutender. Wie mag es Norbert gehen? Immer noch bete ich für ihn. Ob Ludwig und Fritz heimgekommen sind? Immer wieder versuche ich, aus den alten Rot-Kreuz-Karten herauszulesen, was nicht in ihnen steht. Hoffentlich schickt mir niemand ein Paket. Ich hätte nichts, um das horrend hohe Auslösegeld aufzubringen. Mit Ludwigs Glasperlenkettchen bete ich unter den alten Bäumen den Rosenkranz. Aber ich merke, wie die Kraft nachläßt, Zweifel und Hoffnungslosigkeit überwuchern und die Angst des entgleitenden Lebens verblassen läßt, was Ludwig an Vertrauen aufgebaut hat. Der 12. Psalm. Ungehörter Aufschrei.

Stoße der Brust einen Riegel vor! Auch meine Kameraden im Bunker haben sich einen Panzer um die Brust gelegt. Auch die, mit denen ich mich gut verstehe. Wir lernen miteinander, debattieren - aber näher, so nahe wie Norbert oder Fritz oder gar Ludwig kommen wir uns nicht. Jeder fühlt - es ist die Ruhe vor dem Sturm.

In einem Nachbarbunker wohnt ein ESAK, eine evangelische Sündenabwehrkanone, wie wir lästernd im Kriege sagten: ein evangelischer Divisionsgeistlicher. Mit ihm gehe ich manchmal spazieren. Aber den Trost, den Mut, die Hoffnung, die mir Ludwig zu geben vermochte, kann er mir nicht spenden. Zwar trägt er tapfer und ergeben sein Schicksal, doch die Antworten klingen so eingelernt, ich möchte meinen, verkrampft, daß ich wenig damit anfange. Er borgt mir sein Liederbuch, und siehe, was er nicht vermochte, schafft Paul Gerhard!

Wenn ich auch gar nichts fühle von Deiner Macht,
Du führst mich doch zum Ziele,
auch durch die Nacht.
Das ist die gleiche Frömmigkeit wie die des baltischen Mädchens.
Weiß ich auch nicht den Weg,
Du weißt ihn wohl.
Das macht die Seele still und friedevoll ...

Ankündigung auf dem schwarzen Brett: Sonntag ist heilige Messe! Auch ein KASAK, eine katholische Sündenabwehrkanone ist im Lager! Man ließ dem Divisionsgeistlichen seinen Meßkoffer. Auf dem Hügel, unter den Zwetschkenbäumen wird ein Altartisch aufgebaut und geschmückt. Außenkommandos brachten weißes Mehl herein, die Bäckerei buk Hostien, und von irgendwoher wurde sogar einigermaßen unverfälschter Wein aufgetrieben. Wüßten wir´s nicht anders, könnte man versucht sein, zu sagen, das NKWD sei ja gar nicht so.

Aber alles, Filmvorführung, Theaterspielen, Musik- und Schatzkästleinabende ebenso wie der genehmigte Gottesdienst sollen uns von der Tätigkeit des Vernehmungsoffiziers ablenken, bei Laune halten, und über das, was auf uns zukommt, hinwegtäuschen. Es ist ein sonniger, stimmungsvoller Morgen, an dem der Plennypriester die Messe zelebriert. Tenor der Predigt: "Alle Eure Sorgen werfet auf den Herrn!".

Wieder eine Trennung. Wanecek kommt im Einzeltransport weg. Aber das ist nur der Anfang. Immer mehr werden weggebracht, mit und ohne Vernehmung. Am 24. Mai, nach nächtlicher Vernehmung, bin auch ich dran. Als ich vor dem Tor des Lagers 7062/2, dem Fabriklager Darnitza stehe, stehen hinter dem Zaun alle Vorausgegangenen und winken.

Der rote Ziegelbau, mehrstöckig aufragend, wirkt nach dem grünen Lager in Kiew drohend und niederdrückend. Auch das hier ist ein NKWD-Lager, aber mit den Annehmlichkeiten ist´s vorbei. Hier hausen 900 Mann in einem Saal! Alle gehen zur Arbeit, in Tag- und Nachtschichten. Ein ewiges Kommen und Gehen. Da hilft nur eine Haltung: Laß nichts an Dich heran. Die Welt ist in Dir beschlossen.

Die Offiziersbrigade arbeitet auf einem Objekt, das „Metallsbit" heißt. Wanecek hat sich geweigert. Zwei Posten führen ihn ab. Er wird in den Lagerkarzer gesperrt. An hämisch grinsenden Mannschaftsbrigaden vorbei machen wir uns auf den Weg. Die Posten sind offenbar besonders vergattert worden, denn auf dem Weg zur Baustelle haben wir nichts zu lachen. Sie verlangen im tiefen Sand strikte Marschordnung, treiben zum Aufschließen an, Sprechen ist verboten. Es hat auch niemand Lust dazu.

Inmitten des sandigen Geländes, das sich ostwärts von Kiew ausbreitet, erhebt sich das überdachte Gerüst einer hohen Werkshalle. Über eine 120 Meter lange Feldbahn schieben wir Loren, die wir mit dem Sand einer meterhohen Düne beladen haben. Eine Lore faßt 1,5 Kubikmeter. Wir sind neun Mann. Als die abgegrabene Sandwand so hoch ist, daß wir nicht in die Lore hinauf, sondern auf sie hinunterschaufeln können, schaffen wir 70 Loren täglich. Erschwernis verursacht die Drehscheibe, auf der manche Lore entgleist, und das Verlängern und Verlegen der Geleise. Angetrieben werden wir nur durch psychischen Druck: Der Arbeitsoffizier stellt sich schweigend in unsere Nähe und beobachtet uns, die Offiziersbrigade, stundenlang.

Nach drei Tagen Hungerstreik gesellt sich Richard Wanecek wieder zu uns; man hat von ihm und seinem Protest überhaupt keine Notiz genommen. Wir wechseln uns beim Schaufeln und Lorenschieben ab; mit einem Berliner Hauptmann, der wie ich an Geschichte interessiert ist, bilde ich eine Zweierpartie. Wenn wir beide schieben, klemme ich mit dem Daumen ein Kärtchen an der Lore fest, geschnitten aus dem Karton von Suppenkonserven.

Im Durchleuchtungslager in Kiew hatte einer das Lexikon „Schlag nach!" - ein Schatz. Aus dem, halbstundenweise verborgt, schrieb ich allerlei Daten heraus: Die sieben Weltwunder; die Bücher des Alten und Neuen Bundes; die Frauen Heinrichs VIII.; die Musen - die merkte ich mir mit einem mnemotechnischen Reim: Kliometertaleuerurpokal!, die Planeten - auf die gleiche Art: Kurvenerdarsjupsaturnto. Auch die großen und kleinen Propheten kamen auf Kärtchen, und verschiedene Herrscherhäuser: die Merowiner, Karolinger, Sachsen, Franken, Wahlkönige; die deutschen Kaiser. Aber auch die römischen. Auch auf Byzantiner, Spanier, Franzosen und Engländer vergaß ich nicht.

Beim Verlassen des Kiewer Lagers wurde ich nicht und in Darnitza nur oberflächlich gefilzt. So behielt ich die Aufzeichnungen. Schiebend lernen wir dabei, fragen uns gegenseitig ab und trachten mit großem Eifer, unsere geistige Habe filzungssicher anzulegen, d. h. auswendig zu lernen. Unser Bemühen, unsere Absicht - nur nicht versumpern!

Seit einigen Tagen versammelt sich beim Ausmarsch ein kleiner Kreis um mich, dem ich, sofern der Posten Unterhaltung duldet, die Abenteuer Odysseus erzähle! Wenn mich Professor Friemel hören könnte! Die Schule ersteht mir, die glückliche Jugendzeit. Meine Begeisterung überträgt sich auf die Zuhörer, die nicht genug hören können von Polyphem, Kirke, Kalypso, den Lästrygonen, der lieblichen Nausikaa, dem göttlichen Sauhirten Eumaios und der Heimkehr des Vieldulders Odysseus. Und mancher hofft, daß seiner daheim eine Penelope harrt.

Und keine Post. Aber auch die anderen, die mit mir aus Kiew gekommen sind, haben seit Monaten keine Nachricht von daheim. Aber es kommen Pakete! Wenige freilich, und meist von Behörden, Land oder Gemeinde, und sie werden ohne Auslösegebühr ausgegeben. Die Empfänger, erstaunlich oft ehemalige Gendarmeriebeamte, werden beneidet; aber uns alle erhebt das Gefühl, das Wissen, daß die Heimat, das Land, die Gemeinde, an uns denkt, sich um uns bemüht!

Manchmal, abends, lehne ich am Kesselhaus, wenn die Musiker proben, und lausche. Wie in allen Lagern begünstigt der Blaue die Bildung solcher "Kulturgruppen" und unterstützt deren Tätigkeit mehr oder auch weniger; offenbar gibt es dafür einen Posten im Lagerbudget, und der eine oder andere Politoffizier führt die Mittel auch dem dafür bestimmten Zweck zu. Bisweilen aber wird manch „Aktivist" zu Spitzeldiensten geworben oder genötigt, da heißt es wachsam sein.

Leo Weihßenböck, Musiklehrer, probt Soli aus dem Violinkonzert von Max Bruch. Ich lehne an der Ziegelmauer, die noch die Wärme des Tages ausströmt, schaue in den Sternenhimmel und lausche der süßen, romantischen Melodie, die Leo´s Geige in die Nacht singt