8. Mai 1945 - Kapitulation

Dieser Nachmittag des 8. Mai 1945! Man geht von Bunker zu Bunker, sucht die Kameraden, weiß nicht recht was reden, und wartet. Und weiß, daß die bange Ungewißheit in den nächsten Minuten grimmige Wirklichkeit werden wird. Das schon schräg einfallende Sonnenlicht vergoldet die Kiefern. Plötzlich sind die Russen da!

Still, freundlich - auch sie wissen mit der neuen Lage nichts anzufangen. Die Maschinenpistolen tragen sie umgehängt, niemand wird bedroht oder beraubt. Wie sie gekommen verschwinden sie im Buschwerk des Zufahrtweges.

Das Abendrot verglüht, die Dämmerung wird dichter. Aus den Bunkerfenstern schimmert Kerzenlicht. Die Öffnungen werden nicht verdunkelt. Was gestern noch ein Regimentsgefechtsstand war, ist heute ein friedliches Walddorf ...

Ich packe meine Siebensachen. Alles, wovon ich meine, daß ich es daheim brauchen kann, stopfe ich Tor in den Rucksack. Den Photoapparat, dessen Deckel ein Granatsplitter eingebeult hat, damals, bei Tiraspol am Schwarzen Meer, stecke ich wieder in die linke Brusttasche der Uniformbluse. Die heiß ersehnten, erst vor wenigen Wochen von der Heereskleiderkasse bekommenen Bergschuhe lasse ich zurück. Die von Granatsplittern durchlöcherten Reitstiefel ziehe ich an - ein Andenken. Außerdem, denke ich, werden die mir die Russen nicht ausziehen. Nach Mitternacht befiehlt der Kommandeur, warum, weiß niemand, den Abmarsch. Vielleicht hält er das befohlene „Warten in den Räumen" nicht mehr aus. Waffen, und das auf Gefechtswagen verladene Gepäck, nehmen wir mit. Alles, was ich habe, trage ich bei mir.

So wandern wir am Saum des fahl schimmernden Meeres entlang Libau zu. In den Rohren einer verlassenen Flakbatterie stecken Äste, an denen weiße Fetzen flattern. Über dem weiten Sumpf von Grobin graut der Morgen dieses ersten Nachkriegstages. Plötzlich stockt die Kolonne. Russische Posten. Palaver. Keiner versteht den anderen. „Urr jest?" Die ersten sind ihre schwarzen Wehrmachtsuhren los. „Dawai!" Der Gewehrkolben weist die Richtung. Wir stolpern querfeldein, nach Osten, auf die Rollbahn zu. Es wird hell, und nun erkennen wir, daß wir nicht allein sind. Von allen Seiten bewegen sich Gruppen und Kolonnen heran.

Auch das uns unterstellt gewesene Füsilierbataillon unter Hauptmann Hutterich ist auf einmal da. Er bringt die Weisung, von irgendeiner sowjetischen Kommandostelle, bei einem nahe gelegenen, ehemals deutschen Heeresverpflegungslager Lebensmittel zu fassen und dann nach Süden zu marschieren, immer der Rollbahn entlang. Und schon macht da ein Gerücht die Runde, das erste von vielen, die uns in den nächsten Jahren in Hoffnung und Verzweiflung stürzen werden: In 15 Tagen, heißt es, müssen alle Kriegsgefangenen aus dem Baltikum entfernt sein!

„Dawai, domoi!" rufen die Soldaten an den Straßenrändern, „Los, vorwärts! Nach Hause". Und sie rufen uns lachend zu „Woina kaputt", „Gitler kaputt!"

Und wir formieren uns wieder in Marschsäulen und rechnen uns aus, wieviel Kilometer Tagesleistung wir zurücklegen müssen, um die Reichsgrenze zu erreichen!

Was tuts da schon, wenn ein russischer Major einen von uns vor einen Lastwagen stößt, vielleicht unabsichtlich, und dem armen Teufel das Vorderrad über beide Beine fährt? Wer weiß, was ihm erspart bleibt?

Auf einmal drängen sich von allen Seiten Soldaten zwischen uns und beginnen zu filzen. Wehren hilft nichts. Sofort legen sie die Wintowka an und drohen, kurzen Prozeß zu machen. Leb wohl, Kamera! Ein paar Stiche in den Balg, doch kaum stecke ich sie wieder in die Tasche, ist sie mir auch schon entrissen.

Uns entgegen galoppiert eine Kalesche voll johlender Russen. Mich sehen und die Zügel reißen, daß sich die Pferde auf die Hinterhand setzen, mich packen und auf den Wagen zerren ist eins. Hinein in den Kiefernwald. An einem Sumpftümpel stoßen sie mich herunter. Im Nu ist in jeder Blusentasche eine Hand. Ein kleiner Bub hält mir die Maschinenpistole vor die Nase und reißt mir das Signalpfeifchen aus dem Knopfloch. Dann zerren sie mir die Feldbluse von den Schultern, so daß meine Arme gefesselt sind. „Ruki werch!" - „Hände hoch!" Als sie merken, daß das nicht geht, ziehen sie mir die Bluse aus. Die Hände im Nacken, stehe ich am Rand des Tümpels. In seinem schwarzen Wasser spiegeln sich Sumpfdotterblumen und der blaue Himmel. Hinter mir tuscheln und kichern die Betrunkenen, und ich höre, wie sie die Pistolen spannen. Im Auge das Himmelsblau und das Gelb der Blumen, kreist durch das Gehirn ein einziger lächerlicher Gedanke: „Knie durchdrücken, Knie durchdrücken!"

Immer wieder spult der Satz wie von einem Tonband ab. Ich bete nicht, ich denke nicht an Zuhause, meine Kniegelenke schmerzen. Einzige Sorge, den Russen meine Todesangst nicht zu zeigen. Ich sehe nur die Dotterblumen, und warte auf den Schlag der alles auslöschen wird.

Nichts wirft mich vornüber. Die Feldbluse fliegt mir um die Ohren, einer schreit „dawai!", und ich renne, als gelte es noch immer mein Leben, aus dem Wald. Vielleicht knallen sie mich doch noch ab? Aber sie grölen nur hinter mir her. Schweißüberströmt erreiche ich die sonnenüberflutete Rollbahn. Sonderbarerweise sind weit und breit keine Landser zu sehen. Ich bin ganz allein, als die nächsten Russen mich anhalten. Dem Oberleutnant sind nicht einmal meine durchlöcherten Reitstiefel zu schlecht. Ich muß sie ausziehen, er wirft mir seine hin, an denen sich die Sohlen gelöst haben. Kunststoffstiefel mit kurzen Schäften, aber sie sind so klein, daß ich nur barfuß hineinfahren kann. Bald habe ich Blasen. Da werfe ich sie in den Straßengraben. Erst mit umgewickelten Fußlappen, später bloßfüßig marschiere ich in die Gefangenschaft. Ich habe nichts mehr außer dem Brotbeutel, und darin ein grünes Wehrmachtshandtuch.

Gegen abends finde ich meine Truppe wieder. Aber es ist, als sei ich ein Fremder. Obwohl ich unsern Zahlmeister oben auf dem IVa -Gefechtswagen nicht anspreche, steht ihm die Angst im Gesicht, ich könnte ihn um Schuhwerk bitten. Wir verkriechen uns im Jungwald. Dem warmen Maitag folgt eine Nacht, die die Pfützen mit Eis überzieht. Die Russen feiern den Sieg. Alle Munition, vor allem Leuchtspur, wird verschossen. Schrecklich das Kreischen der Frauen, derer sie habhaft werden. Wir sehen, wie sie hinter ihnen herrennen. Um uns kümmert sich niemand. Am Morgen gibt mir jemand ein paar Schuhe und einen Fetzen, groß genug für ein paar Fußlappen, gerade, als ich die Füße aus dem Brotbeutel ziehe und sie massiere. Sie haben noch nicht gelitten. Dankbar richte ich mich auf, hastig wickle ich die eiskalten Zehen ein und fahre in die Schuhe. Sie passen!

Ich schaue auf, aber der Spender ist nicht mehr da, und so sehr ich frage und suche - niemand weiß, wer es war!

Uns begleitet, so scheint es, kein Wachkommando. Wir gehorchen dem Herdentrieb. Vielleicht wär es besser, die Russen bewachten uns. Je tiefer wir in die Etappe eindringen, um so schlechter ergeht es uns. Weil sie nichts mehr finden, schlagen und bespucken sie uns.

Eines Tages tritt ein, was wir schon lange befürchteten. Schuster und Schneider der Stabskompanie sind zwei Russen, Hilfswillige, die sich irgendwann zu solchem Dienst gemeldet haben, um dem Stacheldraht zu entgehen. Sie werden entdeckt, zusammengeschlagen, hinter uns fällt ein Schuß. Wir hasten mit eingezogenen Köpfen weiter ...

Die ausgefaßte Verpflegung, so weit sie kalt genossen werden kann, ist verzehrt. Ich habe kein Kochgeschirr und keinen Löffel, aber wir haben auch keine Feldküche. Ein Gerücht kommt von vorne durch: Deutsch-Krottingen sei nicht mehr weit! Tatsächlich taucht vor uns ein parkähnlicher Garten mit Birkentor- und Zaun auf, darinnen mehrere Arbeitsdienstbaracken. Ein Schwarm Russen läßt uns auf der Wiese davor antreten. Die Gefechtsfahrzeuge werden abgestellt, die Pferde ausgespannt. Das noch vorhandene Gepäck wird abgelegt.

Es heißt, wir werden entlaust und verpflegt, ehe wir weitermarschieren. Die noch Wertvolles haben, versuchen, an ihr Gepäck heranzukommen. Andere verstecken es am Körper. Manche verscharren etwas in der Erde. Aber die Russen sind aufmerksam. Sie pirschen sich an die, die sich durch auffällige Bewegungen verraten heran, bellen sie an, drohen mit der Waffe ins Gesicht, und mit zielsicherem Griff schnappen sie den Ehering, die Uhr - unter den Füßen eines Offiziers graben sie eine Pistole aus! Große Aufregung! Der arme Teufel wird abgeführt, umringt von einer Schar Soldaten.

Entlaust werden wir nicht. Wir werden abgezählt und auf die Baracken verteilt. Auch zu essen gibt es nichts. Die Baracken werden verschlossen und umstellt.

Ich verziehe mich hinauf auf eine Doppelpritsche. Neben mich legt sich ein Leutnant der Artillerie, Siegfried Jahnke, Volksschullehrer aus Alzey, Rheinhessen.

Wir hängen unseren Gedanken nach, andere versuchen die Lage zu beurteilen, wieder andere erregen sich über den Verlust des Gepäcks.

Plötzlich marschieren wieder Soldaten vor den Fenstern auf, mit viel Gebrüll und Kolbenstößen werden wir aus der Baracke getrieben und einer rigorosen Filzung unterzogen. Das hat Methode: Wer schon wieder etwas versteckt hat, ist es nun los!

Es gibt doch noch Essen. Jahnke borgt mir Kochgeschirr und Löffel. Abends auf der Pritsche beginnt er leise zu singen: „Meerstern, ich grüße dich ..." ich falle in zweiter Stimme ein, zwei, drei um uns singen auch mit. Da erinnere ich mich - es ist ja Marienmonat ...

Zwei, drei Tage vergehen in diesem einstigen RAD - Lager, eine Woche, ohne daß sich etwas ereignet. Früh gibt es Krautsuppe und ein Stück Brot, mittags wieder Krautsuppe und ein Stück Brot, und einen Kochgeschirrdeckel voll Kascha, auf deutsch Brei, aus Hirse oder Gerste in Wasser gekocht, und abends wieder Krautsuppe, Brot und - einen Kaffeelöffel Kristallzucker! Die Brotportion soll 200 Gramm schwer sein.

Die Mahlzeiten beherrschen den Tagesablauf, und sehr bald auch unser Denken. An Wehrmachtskost gewöhnt, und Brot, soviel man wollte, fühlt sich der Magen sehr bald erst gefoppt, dann genarrt durch die Wassersuppe und das feuchte Klitschbrot. Noch sind wir gut genährt, einmal kommt sogar ein Arzt - „Wratsch" lernen wir, und verteilt Zensuren für unseren Ernährungszustand, perwaja und wtoraja grupa, erste und zweite Arbeitsgruppe, aber die Untätigkeit zwischen den Mahlzeiten läßt den Hunger eher grimmiger spüren. Dennoch drängen sich anfangs nur wenige zum Arbeitsdienst, mit Hintergedanken. Als aber Kommandos, deren Arbeitsplatz außerhalb des Lagers liegt, mit Rüben, Gurken, und derlei Beute zurückkehren, und Handreichungen bei der Küche mit Nachschlag belohnt werden, melden sich immer mehr Arbeitswillige. Wir lernen eine Lebensform und Verhaltensweise, vom Leben hinter Stacheldraht diktiert.

Orden und Auszeichnungen, soweit nicht längst entrissen, sind versteckt. Die Dienstgradabzeichen tragen noch viele, auch Jahnke und ich. Der Russe hat sie weder verboten noch heruntergerissen. Auf Grußpflicht bestehen die Offiziere - hier noch nicht. Wie von selbst haben einige eine Funktion, ein Amt, haben etwas zu sagen. Aber es sind meist jene nicht, die noch vor kurzer Zeit befohlen haben. Nach Frühstück und Abendessen wird gezählt. Wir treten an, nicht zu dritt, sondern zu fünft. Einfacher zu zählen. Wieviele sind wir? Fünfhundert? Sechshundert?

Lehrer Jahnke und ich halten uns zusammen. Er erzählt von seinem Beruf, und mir wird bewußt, daß ich rein gar nichts bin. Während wir am Stacheldraht entlang trotten, der - bei unserer Einlieferung gar nicht so recht wahrgenommen - längst peinlichst beachtete Wirklichkeit geworden ist, erzählt er von Zuhause, seiner Ausbildung - und eine einklassige Volksschule auf dem Lande wird mir zum Inbegriff beruflicher Sehnsucht. Jahnke leidet an einer Sehnenkrankheit, die ihm den Zeige- und Ringfinger gegen die Handfläche drückt.

Kein Mensch weiß, was mit uns geschehen wird. Die langweilige, fast untätige Lage, in der man uns beläßt, reizt den einen oder anderen zu sticheln: Wenn das die gefürchtete russische Gefangenschaft ist, die ist auszuhalten! Also meinten die einst abgeworfenen Flugblätter in der Tat, was sie versprachen? Keiner von uns ist bis jetzt erschossen worden. Nazipropaganda! Wieviele auf einmal immer schon „dagegen" gewesen sind!

Eines Tages ist der Überläufer unserer Stabskompanie im Lager! Mit einer großen Büchse, größer als ein Wehrmachtskochgeschirr, und einem Überläuferausweis geht er an der Schlange vorbei zur Feldküche um seinen Doppelsuppenschlag zu holen. Da sind sie auf einmal alle wieder Soldaten! Am nächsten Tag steht er genauso in der Schlange wie alle anderen auch.

Anfang Juni 1945 sind wir noch immer hier. Fast jeden Tag macht ein anderes Gerücht die Runde. Der Rahmen wechselt, der Inhalt bleibt gleich: Es geht bald nach Hause. Jahnke vermutet, die Quelle sei der Russe selbst; er wolle uns bei Laune halten und Aggressionsakte vermeiden. Tatsache ist, daß alle diese „zuverlässigen" Nachrichten von eben jenen „Plennis" , jenen Gefangenen verbreitet werden, die mit dem Russen zu tun haben. Hieß es nicht am Anfang unseres Marsches in die Gefangenschaft, die „Kapitulanten" müßten Kurland in 15 Tagen verlassen haben? Eines dieser Gerüchte besagt, wir würden demnächst registriert. Und wir müßten - da Österreich wiedererstanden ist - nicht nur als Staatsangehörigkeit sondern auch als Nationalität „österreichisch" angeben. Um Mitternacht mahnt Hauptmann Gangl aus Wien die heftig Debattierenden zur Besonnenheit, den verlorenen Krieg und das „divide et impera" der Sieger anzuerkennen. "Versailles und St. Germain wird sich, und schlimmer, wiederholen. Vae victis!"