Abgestumpft

Wie abgestumpft man wird! Im Krieg schauderte ich, sah ich oder packte ich gefallene Kameraden an, die einen kurz vorher angeschaut oder angerufen hatten. Hier ist fast alles gleichgültig, was einen nicht unmittelbar angeht. Oft ist man einfach zu müde, die Gegenwart, den Nächsten wahrzunehmen. Wir sind in der Mühle; aber was aus uns wird, dieses Mahlgut ist wohl zu nichts zu gebrauchen.

Wo die Toten wohl hingetragen werden? Registriert werden sie gewiß nicht. Ob die Angehörigen jemand verständigt? Jetzt ist alles bedeutungslos. Aber einmal wird das große Fragen beginnen. Auf der breiten Anschlagtafel in der Birkenallee hängen die Aussagen der Hauptkriegsverbrecher vom Nürnberger Prozess. Daneben erschrecken Lichtbilder, auf denen sich Berge Verhungerter aus den Vernichtungslagern türmen. Wer hat sie meterhoch aufeinander gehäuft? Und die Amerikaner oder Russen dazugestellt? Die Haufen nackter, geschorener, ausgemergelter Opfer und die uniformierten, feisten, ehrfurchtslosen Statisten rundum wecken Erschütterung und Abscheu. Auf einem anderen Bild "Sortierung nackter Juden beiderlei Geschlechts" geeignet zur Fron, geeignet für Seife... Die Kinder zu nichts zu gebrauchen. Unwert. Vergast. Wenn das alles wahr sein soll, dann gnade uns Gott!

Ich wende mich ab, und gewahre hinter mir vier zerlumpte, ausgemergelte Gestalten mit eingefallenen Gesichtern, OK-Leute, die eine Bahre zum Lagertor schleppen mit einem "Kiefernast", unter der Zeltbahn verborgen.

Meine eben noch tief gefühlte Erschütterung verebbt. Niemand verlogener als der Sieger, der sich zum Richter aufwirft. OK. bedeutet übrigens nicht, was wir darunter verstehen, sondern otdychajuschtschaja komanda - „geschwächtes Kommando". Urplötzlich müssen wir in Baracke eins umziehen. Feindselig empfangen uns die Zusammengepferchten. Mit dem Zollstab wird der Liegeraum ausgemessen. Nicht einmal ein halber Meter kommt auf den Einzelnen.

Trost - es wird auch hier nicht geheizt aber - die Baracke hat einen Lautsprecher! Hören die Soldaten auf der Butka, dem Wachlokal, Musik, hören wir mit. In der Silvesternacht - längst haben wir uns an die Enge gewöhnt - knackt plötzlich der Lautsprecher, und es ertönt der Donauwalzer! Heimatklang aus einer Welt, von der wir schon nicht mehr wissen, wo sie liegt. Der Donauwalzer! Wir halten uns umarmt, wie wir auf der Pritsche liegen, in unseren muffigen Lumpen, heißes, unbezähmbares Schluchzen drängt in die Kehle, und nicht nur ich weine, lautlos, ungehemmt.

Mitte Jänner 1946 werden auch Offiziere zum Arbeitseinsatz herangezogen. Ohne Arbeitskleidung zum Wechseln, ohne Gummistiefel müssen wir mit Feuerhaken angeflößte Baumstämme aus der Düna, die nahe hinter dem ehemaligen KZ-Salaspils fließt, herausziehen. Die wenigen Schritte, die wir aus dem Lager gehen, scheinen ein trügerischer Gang in die Freiheit. Doch die bellenden, in Schafpelz eingemummten Posten rufen mit dem Kolben schnell in die Wirklichkeit zurück. Erst einmal am Ufer, hinter uns der Stacheldraht, vor uns der Fluß, machen sie sich, mürrisch, kaum bemerkbar.

Aber die Morgenröte des frühen Tages, der schönste Rauhreif auf den Birken, der blaßgrüne Himmel, der stahlgraue Fluß, nur in der Mitte noch offen - wie schön ist die Welt! Freilich, bald sieht die Sache anders aus. Wir hacken das Eis auf, zerren die Stämme an Land, stapeln sie im Sand auf. Aber die Kraft fehlt, wir sind weder die Anstrengung, auch die kalte Luft nicht gewöhnt. Was sich Kleidung und Schuhwerk nennt, wird naß, wir frieren erbärmlich. Gott sei Dank, auch die Russen frieren. Noch vor Mittag heißt es "dawai, domoi!" - Los, nach Hause!, wie das klingt! Beim Ausmarsch wurden wir am Torflager der Küche vorbeigeführt, nun verschwinden unter den Mänteln Torfziegel um Torfziegel. Endlich etwas, das sich als Klopapier verwenden läßt.

Aufregung! Vor dem Tor stehen Neue! Alles strömt hin. Wir reißen die Augen auf! Weiße Schafpelzschiffchen auf dem Kopf, fast bodenlange hellgraue Lodenmäntel über gutem Schuhwerk - sie kommen aus Schweden! Es sind Wehrmachtsangehörige, die noch vor oder bei Kriegsende auf abenteuerlichste Weise über die Ostsee nach Gotland flüchteten. Zu Schiff, im Schlauchboot, in Pionierlandungsbooten, mit dem VW-Schwimmwagen, rundum behängt mit Wehrmachtskanistern, so wagten sie sich auf See, der gewissen Gefangenschaft den kaum weniger sicheren Tod vorziehend. Denn unbarmherziger als das winterliche Meer lauerten die Sowjets, aber auch - die Engländer! Über, auf und unter der See auf ihre Opfer. Federlesens machten sie nicht mit den Entdeckten. Flugzeuge versenken, Schiffe und U-Boote rammen, alles was da schwamm. Wer endlich die Insel Gotland erreichte, faßte sein Glück nicht.

Von dort auf das Festland gebracht, wurden sie interniert und unter den Schutz des Roten Kreuzes gestellt. Wir können kaum glauben, daß diese Fahnenflüchtigen oder Kapitulanten in Schweden Zivilkleidung trugen, Postverbindung mit der Heimat hatten, auch Pakete empfangen durften, so die Angehörigen in der Lage waren welche zu senden, mehr noch, sie durften das Lager verlassen, gewannen Familienanschluß! Knapp 3.000 glaubten, dem Schicksal entronnen zu sein, darunter etwa 150 Österreicher.

Eines Tages stellte die UdSSR ein Auslieferungsbegehren. Erst hielten es die Schweden geheim, als aber das Gerücht von wohlmeinenden Schweden durchdrang, stritt die Regierung es ab, eine Panik unter den Internierten befürchtend. Schließlich bestätigte sie das sowjetische Begehren, erklärte aber, eine Auslieferung käme nicht in Frage.

Eines Morgens zeigt eine rote Leuchtkugel den Beginn der Räumung des Internierungslagers Ränneslätt an. Was die „Schwedenfahrer" uns berichten, ist erschütternd. Alle Vorkommnisse seien vom Roten Kreuz gefilmt und protokolliert worden. Manche hängen sich auf, andere stürzen sich aus den Fenstern. Ein Oberfeldwebel sei am Hackstock gestanden und habe Unterschenkel amputiert. Pulsadern werden aufgeschnitten, Gegenstände geschluckt. Die Schweden sind, obwohl sie mit Verzweiflungstaten gerechnet hatten, macht- und hilflos.

Der erste russische Frachtkahn wird zurückgeschickt. Menschenunwürdig. Vor einem Schalter am Ende eines Barackenganges werden die Auszuliefernden sortiert. „Bitte gehen Sie rechts, bitte gehen Sie links". Wer englisch spricht, oder der SS angehörte, wird nicht ausgeliefert. Alle anderen, von denen die Schweden annehmen, daß sie bei den Sowjets durchkommen, werden mit dem Zug nach Trelleborg gebracht. In den Abteilen sitzt jeweils ein Polizist neben einem Landser. Dennoch hechten manche durch das Fenster.

Am Kai werden, im Angesicht der „Kuban", später der „Bjelostroj" Seesäcke und Koffer zusammengestellt. „In der Sowjetunion tragen Offiziere kein Gepäck!" Niemand sieht seine Habe wieder. In Riga werden die Unglücklichen ausgeschifft und ins Hauptlager gesteckt. Der Sturz ist schrecklich. Was wir Kurländer in Wochen erlebten, drängt sich bei den Schwedenfahrern in Tage zusammen. 74, die sich selbst verstümmelt haben, und Kranke sind zurückgeblieben. Nach wenigen Tagen sind die Schwedenfahrer nicht mehr von uns zu unterscheiden. Die Russen ziehen die schwedischen Uniformstücke ein, verpassen ihnen die gleichen zerlumpten Wattejacken, die wir tragen.

Wie gut wäre es, könnte ich noch Stärke in die Wassersuppe einkochen. Aber bald nach Neujahr wurde die „Bummerl-Arbeit" eingestellt. Der Ärztin zu wenig ergiebig. Jede Woche werden wir gewogen. Ich habe 52 Kilo. Es heißt, auch Offiziere werden in die „Wiedergutmachungsarbeiten" einbezogen. Beruhigungspille für die mißgünstigen Landser, oder Manipulation? Denn schon überlegt mancher, daß ein erträglicher Arbeitseinsatz durchaus besser wäre, als das stumpfe Warten auf die nächste Wassersuppe. Vielleicht kann man auch etwas lernen; so schnell wird die Gefangenschaft kein Ende nehmen, wenn man gesund bleibt.

Die Lagerleitung befiehlt, alle Bücher müssen abgegeben werden. Der Politoffizier persönlich sammelt sie ein. Ich bin die Odyssee los. Zu viele wissen, daß ich sie habe. Es schmerzt, mich von dem Buch zu trennen.