Arbeitskommandos

Die Arbeitskommandos handeln mit allem Möglichen, auch mit Bierflaschen voll Sonnenblumenöl. Unser Schäferhund daheim hatte es gut; immer, wenn in der Suppe ein paar Kuttelfleckstückchen schwimmen, denke ich an ihn, wie er knurrte, kam ihm einer dem Topf zu nahe voll Graupen und Kutteln!

Es geht los! Der Barackenälteste notiert auf einer Liste, was einer arbeiten will. Wie beneide ich Ärzte, Ingenieure, Handwerker. Was soll ich bloß angeben? Ich habe nichts gelernt. Wer nichts kann, ist Schwarzarbeiter. So lasse ich mich eintragen. Dr. Wenzel verabschiedet sich von mir. Er soll nach Estland in ein Plennylager bei den Ölschieferbrüchen kommen. Vielleicht begegnet er Oblt. Hans. Wieder ein Abschied. Immer noch nicht abgestumpft genug.

Am 8. März 1946 werden wir, dreißig Mann, mit einem Lkw nach Riga gebracht. Unser Zug kommt ins Lager 5, später in 8 umbenannt. Es liegt direkt an der Düna. Wenn die Posten nicht schössen, könnte man das Wasser mit Händen greifen. Dr. Küster und der Kölner Peter Behm, mit dem wir uns angefreundet haben, sind auch mitgekommen. Morgen werden wir in die Fabrik „Rote Textilarbeiterin" geschickt. Frühschicht von 6 bis 14 Uhr, dann ohne Arbeit im Lager. Auch nicht schlecht. Der Antifa-Leiter begrüßt uns. Keine Politphrasen. Nur der Wunsch, wir mögen uns "wohl" fühlen in seinem Lager. Die Gefangenschaft sei eine Zeit der Selbstprüfung und der Vorbereitung auf die Heimkehr in eine veränderte, neue Heimat.

Erste Überraschung! Auf den Holzpritschen liegen Strohsäcke! Die nächste - das Essen ist schmackhaft und reichlich. Ich werde satt! Die Enttäuschung über den geringen Auslauf, die baum- und -strauchlose Öde des Antreteplatzes weicht, die Erinnerung an das parkähnliche Lager in Salaspils schwindet. Die Eingangsfilzung war korrekt. Und was die Altmannschaft vom Arbeitseinsatz berichtet, macht uns neugierig und erwartungsvoll.

Nach vierzig Minuten Marsch durch schlecht gepflasterte Vorstadtstraßen, während dessen sich die Posten ruhig verhalten, auch wenn riesige Pfützen die Marschordnung durcheinanderbringen, stehen wir vor dem Tor des Werksgeländes „Rote Textilarbeiterin". Sobald es sich hinter uns geschlossen hat werden wir gezählt. Dann beziehen die ersten Posten die Turmstände auf der Fabriksmauer; solange müssen wir warten. Die alten Brigaden verziehen sich auf ihre Plätze im Hof und den Werksabteilungen. Der Rest des Wachkommandos tritt in die Butka, das Wachlokal, ab.

Wir warten auf den Meister, um uns dumpfes Summen aus dem Gebäude. Einige weiß dampfende Rohre durchbrechen die Mauern. Ein feister, behäbiger Onkel in grauem Arbeitsmantel und blauer Schlägermütze begrüßt uns auf deutsch, teilt uns den mitgebrachten Plennybrigadieren zu. Wir stolpern das enge Treppenhaus hinter der eisernen Eingangstüre empor, vor einer anderen Eisentür im zweiten Stock wartet der Meister, bis alle beisammen sind, dann drückt er die Klinke nieder - ein ohrenbetäubender Lärm empfängt uns. Taub und stumm sind wir fürs erste.

Die Garnspinnerei ist ein großer Fabriksaal mit Betonboden und einer Decke, die von schweren Stahlträgern gestützt wird. Offenbar befindet sich noch ein Maschinensaal über uns. Durch vielfach unterteilte hohe Fenster dringt trübes Licht herein. In zwei Reihen hintereinander stehen die surrenden Spinnmaschinen mit je 156 Spindeln. Auf einem Regal darüber sind große Spulen mit Vorgarn aufgespießt. Die Maschinen drillen aus dem lockeren, dickeren Baumwollgarn die festeren Garnfäden.

Einige werden eingeteilt, die Blechkästen, die die vollen Spulen aufnehmen, in die Zwirnerei über uns zu transportieren und leere Kästen mit passenden schwarzen Spulen vor die Maschine zu stellen. Andere fegen die Baumwollreste zusammen und entfernen die langen Lurchbärte, die sich überall an der Deckenkonstruktion abgesetzt haben. Ich werde einem Maschinenführer zugeteilt, der mich lehrt, leere Spulen anzuspinnen. „Du nimmst", zeigt der eingearbeitete Plenny, „eine volle Garnspule zwischen die Oberschenkel, reißt einen langen Faden von ihr ab, läßt eines seiner Enden von der sich drehenden leeren Spule ergreifen und führst das andere Ende mit einer violinschlüsselartigen Bewegung des rechten Zeigefingers an den wolligen Faden des Vorgarns, der von der großen Spule auf dem Regal herunterreicht. Noch einmal: Du nimmst..."

Die Maschine läuft in vier Stunden, einer halben Schicht, einmal voll; während dann die rechte Hand die vollen Spulen von der angehaltenen Maschine abzieht und in die Tasche der blauen Schürze steckt, stülpt die Linke eine leere Spule aus der anderen Schürzentasche auf die Spindel. „Die Produktion" wird in die Blechkisten entleert, die Maschine, übrigens in England gebaut, wieder angefahren und die leeren Spindeln angesponnen. Je schneller es geht, je geschickter die Finger arbeiten, je aufmerksamer der Arbeiter ist, um das Abreißen des Garnfadens zu vermeiden, um so voller werden die Spulen.

Die erste Maschine in unserer Reihe, zwölf sind es insgesamt, wird von einer jungen Lettin geführt. Anna erzeugt das beste Garn, und arbeitet schon lange hier. Die andere Reihe führen Mädchen, die aus der Ukraine, Gott weiß, warum, hierher gebracht wurden. Die Zwirnerei nimmt am liebsten das Garn Anna´s und - der Kriegsgefangenen: Es hat den geringsten Fitz, d. h., es wurde am wenigsten geknüpft. Die jungen Mädchen achten nicht sorgfältig genug auf den Lauf der Maschine. Wenn ein abgerissener Faden nicht gleich geknüpft wird, reißt der herumwirbelnde Faden gleich die nächste und übernächste Spule ab und so weiter, und am Ende der Schicht sind die Spulen erst halbvoll. Dann schimpft der alte Meister, der die Kästen auf der Waage überprüft.

Zwar ist alles neu, aber die Arbeit sinnvoll, ich bin geschickt, und fahre bald allein meine Maschine. Die Zeit vergeht so schnell, daß ich das Fehlen jeglicher Pause gar nicht bemerke. Als um 14 Uhr die Eisenbahnschiene bimmelt, kann ich das Anspinnen schon zur Zufriedenheit des Meisters. Ich bin wirklich stolz, etwas gelernt zu haben.

Im Treppenhaus fällt mir auf, wie schnell ich mich an den dröhnenden Lärm gewöhnt habe. Nur mein Rücken schmerzt; die Maschinen sind für kleinere Arbeiterinnen gebaut. Wir müssen gebückt arbeiten.

Im Hof wird das Kommando gezählt und gefilzt. Fünferreihe um Fünferreihe muß vortreten. Da fliegen auch schon einige Zwirnrollen, von Ängstlichen senkrecht in die Luft geworfen, aus den Reihen, und die Posten können nicht mehr feststellen, wer sie geworfen hat. Aber auch für den einen, der erwischt wird, setzt es keine üblen Folgen. Die Posten lachen.

Die Mittelschicht sagt mir am wenigsten zu. Zwar nütze ich auch den Vormittag zum Lesen, Lernen. Die Lagerbibliothek enthält neben der unvermeidlichen Politliteratur auch Beletristik, aber die Zeit ist zu kurz. Zuerst belegt die Frühschicht die Tische, dann die hereinkommende Nachtschicht; bis ich mich niederlassen kann, ist bald Mittagsempfang.

Obwohl ich an der Maschine Englisch lerne, vermeide ich Fitz. Der zweite Meister, ein etwa 40jähriger Lette, der im allgemeinen die Mädchenseite beaufsichtigt, ertappt mich beim Vokabellernen. Am nächsten Tag winkt er mir, auf die Toilette zu kommen. Mit wacher Vorsicht gehe ich ihm nach, bereit, sofort aus dem Verschlag zu springen.

Was zieht er unter seiner Bluse hervor? Ich traue meinen Augen nicht! Es ist Thomas Mc Callum´s Buch „Englisch lernen, ein Vergnügen"! Welche Erinnerung! Thomas McCallum hat vor dem Krieg die Englischstunde in Radio Wien gehalten.

Jedes Wort des Dankes wehrt der Meister ab. Ich solle nur niemandem sagen, von wem ich es habe - weg ist er. Wenige Tage später bringt er mir ein Tauchnitzbändchen. Somerset Maugham´s Moon and Sixpence". Ich habe wieder einige Bücher! Reich komme ich mir vor.

Wenn die Maschine reibungslos läuft, sitze ich mit Norbert Küster auf den Spulentruhen. Wir plaudern von zu Hause, von Frau und Kind, was ich wohl anfangen werde. Volksschullehrer scheint dem Älteren fraglich; wer weiß, welche Verhältnisse daheim herrschen. Er, der Richter, meint, im Grundbuch könne ich arbeiten.

Meister und Brigadier kümmern sich nicht um uns, solange die Produktion in Ordnung ist. Russen sehen wir den ganzen Tag keinen. Manchmal streife ich im Block herum, mache mich bei den Lettenfrauen durch kleine Handreichungen nützlich. Ein Stück Brot oder ein Ei fallen allemal ab.

Anna, die Lettin aus Riga, hat mit uns Mittelschicht, von 14 bis 22 Uhr. Täglich. Aber sie geht abends nicht nach Hause; mit anderen Frauen schläft sie im Baumwollager. Erst wenn es hell wird, wagt sie sich auf die Straße. Aber eines Morgens, als wir zur Frühschicht kommen, hockt sie mit zerschlagenem Gesicht und blutender Nase an ihrer Maschine. Sie ist überfallen und ausgeraubt worden. Schlimmeres konnte sie verhindern, weil sie wir irr um sich schlug und schrie - geholfen hat ihr niemand. So flüchtete sie wieder in die Fabrik. Die überflüssige Frage, wer es gewesen sei, beantwortet sie nur mit einem Achselzucken.

Wie mag es unseren Frauen daheim gehen? Drüben in der Weberei steckt eine alte Frau die Spulen für die Weberschiffchen auf ein nagelgespicktes Brett. Manchmal helfe ich ihr. Sie sitzt allein in einem türlosen Raum, so kann also jeder sehen, wann ich bei ihr bin. In der Weberei arbeitet ihre Tochter, etwa meines Alters. Sie habe noch während des Krieges an der Rigaer Oper getanzt, und ich erzähle ihr, ich habe während des Studienurlaubs, nach meiner zweiten Verwundung, hier das Ballett "Schwanensee" gesehen. Sie seufzt, und meint, da müsse sie wohl mitgetanzt haben. Nun gehe es aber nicht mehr, sie habe sich verletzt.

Mutter und Tochter sprechen sehr gutes Deutsch. Sie sind Russinnen von hier, aus Lettland. Die Mutter ist Gymnasiallehrerin gewesen für Russisch und Deutsch. Als der Krieg zu Ende war, steckten sie die Sowjets als Angehörige der „alten Intelligenz" in die Fabrik. Die Haltung der beiden Frauen ist beispielhaft. Ohne Pension, mit einem Hilfsarbeitergehalt, wie ihn ebenso die Tochter erhält, schlagen sie sich durch, Zubußen vom Schwarzen Markt sind bei dem bißchen Lohn unerschwinglich. Auch sie übernachten im Baumwollager. „Wir werden auch diese Zeit überstehen!" Ich sitze gern bei ihr. „Aber meine Tochter dürfen Sie nicht besuchen! Es gibt Zuträger". Sie freut sich, weil ich Tschaikowsky liebe. Sie denke sich Handlungen aus, wenn sie solche Musik höre. Zu Rachmaninow´s „Les Preludes" sehe sie sich in einer riesigen Kathedrale, einem gewaltigen Kuppelbau, hinter einer Säule versteckt. Mönche ziehen ein, singen Choräle, Weihrauch wölkt. Musik braust durch die Kuppel. Die sich immer leidenschaftlicher bekreuzigenden Mönche lösen das Cingulum und beginnen, sich zu geißeln. Aber auch der Abt, vor der Ikonenwand stehend, geißelt sich und fordert seine Mitbrüder auf, sein Bußstreben zu unterstützen. Nun schlagen die Mönche auf ihr Oberhaupt ein, immer wilder den Abt schließlich unter ihrer Last begrabend, ihn erstickend.

Zu Ostern wollen wir im Lager Theater spielen. Szenen aus dem „Faust"! Der Lehrer, der den Faust sprechen wird, lädt mich ein, die Rolle des Famulus Wagner zu übernehmen. Während die Maschine läuft, lerne und deklamiere ich - in dem Lärm hört mich ohnehin keiner. Abends wird geprobt auf der kleinen Bühne im Speisesaal. Auch im Gesangsquartett tue ich mit. Der Antifaleiter treibt Pappe und Glanzpapier auf, wir leimen Girardihüte zusammen. Pirmayr, der Bayer, der sich als Österreicher ausgibt, setzt die Stimmen, die Küster, ich und ein Lehrer Hans aus Schönberg am Kamp uns teilen.

Die alte Russin erzählt mir, wie die Frauen mit den Plennies das letzte Weihnachten feierten. Oft fällt der Strom aus. Dann müssen wir - besonders bei Früh- und Nachtschicht - im Hof antreten, werden gezählt, und dürfen erst wieder an die Arbeitsplätze, wenn das Licht angeht.

Auch am Heiligen Abend standen die Gefangenen im Hof, es schneite, als die lettischen Frauen mit einem kleinen Christbaum herantraten, vier oder fünf Kerzen entzündeten und auf lettisch „Stille Nacht, heilige Nacht" sangen. Und die Plennies stimmten ein. Die Konvois schauten, denn die orthodoxen Weihnachten fallen erst auf den sechsten Jänner, aber sie hinderten die Frauen nicht ... Zu Ostern bäckt die Küche sogar etwas wie einen Streuselkuchen! Das Quartett und die Heurigenlieder sind ein Erfolg. Auch Osterspaziergang und Studierzimmerszene, wer hätte das gedacht! Freilich wird der erfolgreichste Darsteller Opfer seiner Rolle: Ein arbeitsfrei geschriebener OK-Mann hatte es übernommen, bei Faust´s Worten „Es wölkt sich über mir, der Mond verbirgt sein Licht ..." fest aus seiner Pfeife Machorkarauch zu blasen. Der Gute paffte und paffte, bis ihm schlecht wurde und er aus der Kulisse fiel.

Abends sehen wir einen Film aus dem Wien der ersten Tage nach der Einnahme durch die Russen. Der arme Stephansturm ausgebrannt, die Gloriette und die Oper bombardiert. Aber vor dem Parlament tanzen die Wienerinnen mit den Eroberern den Donauwalzer, froh, daß der Krieg vorbei ist.