Ausbesserungslager - Februar 1950

Im Februar 1950, an meinem achten Hochzeitstag, stehe ich vor dem Tor des ersten Arbeitslagers. Es ist das Lager 460 in Dnepropetrowsk. Stacheldraht, Türme, Scheinwerfer, alles wie bisher gehabt. Vor der Butka, dem Wachhaus, ein paar Blumenrabatten, von morschem Schnee zugedeckt, kein beunruhigender Eindruck.

Während wir im knöcheltiefen Schlamm der Vorortstraße auf Zählung und Übernahme warten, machen wir eine Entdeckung, die raunend weitergegeben wird und Besorgnis erweckt. An „unser" Lager schließt sich ein anderes, und vielleicht noch ein zweites an, aber offenbar von russischen Strafgefangenen bevölkert!

Doch nun öffnet sich das Tor und wir ziehen zwischen niedrigen Ziegelbaracken in das langgestreckte Gelände ein. Die Zählung klappt beim ersten Mal, Offiziere und Konvois verhalten sich ruhig. Auf dem Weg zur Banja wieder eine Gartenanlage mit Bänken. Die wenigen Plennies, die jetzt während der Arbeitszeit zu sehen sind, wirken nicht bedrückt wie etwa damals in Bsow oder Borispol.

Wir werden entlaust und ziehen in eine Quarantänebaracke ein. Ich liege wieder oben auf der Pritsche, diesmal neben Dr. Raspe. Wir sind 144 Neuankömmlinge. Hans und fünf andere wurden nicht verurteilt. Keiner weiß, warum. Einige entdecken, daß wir uns trotz Quarantäne frei im Lager bewegen dürfen. Große Aufregung entsteht, weil heute bei der letzten Entlausung der Ofen abbrennt.

Neben uns ist tatsächlich ein Zivillager, noch dazu eines für weibliche Strafgefangene! Und bei uns gibt es eine Kantine, die nach dem Einrücken von der Arbeit geöffnet wird. Sie wird von einer Frau geführt - in einem Lager für angebliche Kriegsverbrecher! Die außerdem hier Geld verdienen können, auf Spezialkommandos! Zum Beispiel Stahlmontage.

Hans scheint recht zu haben mit seiner Auslegung, daß Tribunal und Verurteilung, das aberwitzige Strafmaß in Abänderung der Todesstrafe nach den §§ 17 und 19, welche Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahnden, oder gar die Anwendung des § 58, des Spionageparagraphen, und das alles ohne jede konkrete Beschuldigung - all das kann nur Mache, Theater und Spiegelfechterei einer scheinheiligen Siegerjustiz sein!

Hans beharrt darauf, daß wir nichts anderes als - Reparationsleistung sind. Nach der Genfer Konvention können wir - als Kriegsgefangene - nicht ewig gehalten werden. Wenn aber eine „rechtliche" Grundlage zurechtgebastelt worden ist, fällt es den Sowjets gewiß nicht schwer, die Verwandlung von Kriegsgefangenen in Kriegsverbrecher und Zwangsarbeiter als gerechte Maßnahme ganz im Sinne des Nürnberger Prozesses zu kaschieren. Ohne Zweifel spüren oder wissen das gar die Russen selbst.

„Nitschewo, skoro domoi!" hören wir immer wieder von Zivilisten und Soldaten, und manchmal klingt es nicht nur tröstend sondern auch gut gemeint.

Auch auf dem Transport hierher waren die Härten der Zählung und Verladung, das Antreiben bei Wasser- und Essenempfang, und die jämmerliche Art, durch ein Ofenrohr die Notdurft zu verrichten - besonders während der Fahrt - zwar menschenunwürdig, aber hier „normal" und nicht schlimmer als sonst.

Gewiß, es gab keinen Ofen; aber wir lagen ohnehin Brust an Rücken auf der Waggonpritsche, und wärmten uns selbst. Fast konnte man die Posten bedauern, die während der stundenlangen Stehzeiten die ohnehin verdrahtete und zugenagelte Garnitur umstehen mußten. Nachts durfte man nur flüstern, weil sie sonst mit dem Kolben an die Wagenwand schlugen oder gar in die Luft schossen. „Kontschai rasgowor!" - Aufhören mit der Unterhaltung! Behandlung und Verpflegung - nun, wir hatten schon Schlimmeres erlebt.

Manche der Lagerinsassen sind schon zu Ostern, und nicht erst in der kollektiven Verurteilungsaktion zu Weihnachten 1949 verurteilt worden! Und noch etwas gibt uns in unserem Quarantäneschuppen Gesprächsstoff. In einem gesonderten Verschlag nahe an einem Wachtturm haust ein Blitzmädchen! Aber Ilse bleibt fast stets unsichtbar.

Die Russinnen im Nebenlager sind weniger sparsam mit sich; wenn der patroullierende Posten, der in einem Stacheldrahtgang zwischen unseren Lagern hin und hergeht, sich abwendet, hocken sie sich nieder und zeigen interessierten Plennies, daß sie keine Unterhosen anhaben. Für eine Papirossi oder gar einen Rubel stellen sie einen längeren Anblick in Aussicht. Auch spricht sich bald herum, daß man von der Pritsche einer unbewohnten Baracke in eine des Frauenlagers sieht. Nach Einbruch der Dämmerung pilgern die Schaulustigen dorthin, um den Frauen beim Schlafengehen zuzusehen.