Das Lager Norinsk

Wieder einmal erleben wir, wie schnell einem hier das Lachen ausgetrieben wird. Ein Schwarm Blauer kommt ins Lager, sofort beginnen Vernehmungen. Mitten in der Nacht bin ich dran. Wieder die 46 Fragen, dann, ob ich in Oredesh war und Partisanen vernommen habe. Längst zugegeben und ausgesagt. Geschlagen oder „beleuchtet" werde ich nicht. An Schlaf ist diese Nacht nicht zu denken. Wer „dran" war, tuschelt mit denen, die fürchten, noch geholt zu werden. Es sind mindestens zehn Kommissionen, so zählen wir, und nicht alle sind human. Rudi Krach geht mit einem blauen Auge und aufgeschlagenen Lippen zur Arbeit. Als wir wieder einrücken sind es schon sechzehn Teams. Ein erster Trupp von 50 Mann kommt weg, laut Antifaschist zur „Entnazifizierung" - nach vier Jahren Hunger und Knochenarbeit. Es sei ein schwerer, aber kurzer Arbeitseinsatz, aber dann führen sie nach Hause. Wer das glaubt! Man munkelt, sie kämen in den Steinbruch.

Am 15. September 1949 stehe ich am Tor. Meine privaten Daten habe ich vernichtet, eingedenk gemachter Erfahrungen. Keiner der jüngst gewonnenen engeren Kameraden ist bei mir.

Aber der Panzer wirkt. Auch was vor mir liegt, wird durchgestanden.

„Nun schiebe der Brust einen Riegel vor, und nimmermehr rührselig werden ..."

Jetzt fällt mir der Anfang zu einem Gedicht ein? Oder hat das ein anderer geschrieben? Der Antifaleiter stellt sich vor uns hin, um uns zu „verabschieden." Seit nur mehr Untersuchungshäftlinge im Lager sind - wir haben oft und oft gegen die Bezeichnung „saklutschonnij" protestiert, vergeblich, und uns weiterhin als „plennies" bezeichnet - seither ist der Antifamann kaum viel in Erscheinung getreten. Lachen und Spott machen seine Werbung zur Farce.

Während wir reihenweise gefilzt werden, sagt er: „Eure Fälle sind geklärt! Und abgeschlossen. Ihr geht einem harten Einsatz entgegen, nach dem Ihr, gereinigt von faschistischer Vergangenheit, nach Hause fahren werdet!"

Meine Jahreszahlenkartons werden mir abgenommen, und Ludwigs Rosenkranz. Buchstäblich im letzten Augenblick, ehe wir durchs Tor gehen, bringt der Läufer vom Blauen ein paar Pakete an! Auch mir wird eines ausgefolgt, von den Eltern. Wie lange mag es schon im Lager liegen? An solche Zufälle vermag niemand zu glauben. Nicht einmal, daß der Zug nach Westen rollt, vermag unsere Stimmung zu heben. So voll wurde der Waggon gestopft, daß man sich auf der obersten Pritsche nicht aufsetzen kann. Nach Stunden landen wir in der Uprawlenie von Korosten, die nur Steinbruchlager verwaltet. Als uns der deutsche Lagerleiter in Norinsk am Tor begrüßt, meint er, wir sollten uns nicht vom Friedhof neben dem Lager beeindrucken lassen. Der russische Offizier, Lt. Soloterow, grinst. Über dem Lagertor steht, aus Birkenzweigen gefügt: „Durch Eure Arbeitsleistung bestimmt Ihr den Zeitpunkt Eurer Heimkehr". Das düstere Motiv aus „Carmen" kommt mir in den Sinn - und wird der Ohrwurm der nächsten Wochen.

Das Lager Norinsk 7110/4 ist eines der vier Steinbruchlager im Bezirk Shitomir. Das Hauptlager ist in Korosten. Der größte Teil der 500 Mann hier arbeitet in Tag- und Nachschicht auf vier Sohlen. Schichtwechsel nach vierzehn Tagen!

Als Neulinge bleiben wir vorerst von der Schichtarbeit verschont. Wir werden auf dem Abraum eingesetzt. Am Rande der senkrechten Wände roden wir das Gebüsch, räumen Rasen, Erdreich und Lockergestein weg und führen es mit der Feldbahn auf die Deponie.

Das Lager ist klein. Durch den Zaun sieht man in den Bruch hinunter. In einer der hellen Baracken hausen 150 Mann. Die Stockpritschen aus Rundstahl stehen an den Wänden und in der Mitte, sodaß rundherum ein Gang frei bleibt. Die Verpflegung kommt uns gut vor, aber noch hat die schwere, ungewohnte Arbeit nicht angegriffen. Ob wir die Norm von 1 m3 gebrochenen Gesteins erfüllen können, hängt sehr stark davon ab, wie die Russen in der Zeit des Schichtwechsels, das ist von 16 bis 20 Uhr, und in der Früh von 4 bis 8 Uhr sprengen. Manchmal brauchen wir nur die Loren zu laden, händisch, wenn gut gesprengt wurde. Meist aber müssen wir große Blöcke mit Keil und Kowalda teilen. Dann schaffen wir es nicht.

Sehr bald lernen wir wie die „Alten" zu lauschen, ob viele oder wenige Sprengschüsse detonieren. Entweder mangelt es dann an Tol, wie sie den Sprengstoff nennen, oder sie haben sich etliche Bohrlöcher geschenkt. Noch aber arbeiten wir auf dem Abraum. Interessant, wie wellig und buckelig die Oberfläche der obersten Schicht gewachsenen Gesteins ist, wenn die lockere, brüchige und verwitterte Decke fortgeräumt ist. Leichtsinnig fahren manche mit den Loren bergab; wer denkt an die Gefahr des Entgleisens? Ich denke daran, wie ich im Strafzug abgerutscht bin, und unterlasse solche Scherze. Der Arbeitseinsatz soll ja nur kurz sein; vielleicht sind wir zu Weihnachten wirklich zu Hause? Aber noch ist September, es ist schön und sommerlich warm. Warum mir nur das Carmenmotiv nicht aus dem Sinn geht?

Mit Monatswechsel kommen wir in die erste und zweite Sohle hinunter. Da Steine schlagen nicht meine Stärke ist, setzt mich der Brigadier als Verlader ein. Also stemme ich die Brocken in die Loren. Wenn einer abgestellt werden muß für andere Arbeiten, bin meistens ich dran. So komme ich zum Steinbrecher, oder - noch schlimmer, ich muß Bohrlöcher schlagen. Zu zweit wechseln wir uns ab. Einer hält den achtkantigen Bohrstab, der andere donnert mit dem Vorschlaghammer drauf. Der Bohrer muß immer im Loch weitergedreht werden. Jeder Schlag prellt fürchterlich in den Händen. Aber mir traut keiner zu, den Bohrer mit dem schweren Kowalda zu treffen. Die Arbeit zehrt an uns. Schon sind wir wieder glücklich, wenn wir einen Nachschlag ergattern können.

Die häufigen Quetschwunden nässen und heilen nicht. Dr. Raspe, ein Innsbrucker, erklärt dies mit Vitaminmangel. Verbandszeug gibt es nicht.

Ich versuche es wieder mit Urin, und siehe da - es bildet sich ein glatter, lederartiger, brauner Schorf, die Wunden heilen ab. Eifrig wird meine Therapie nachgeahmt. Noch immer hält das schöne Wetter an. Wir leiden sehr unter Durst. Gott sei Dank tritt aus zahlreichen Steinspalten Wasser aus. Jede Brigade hat ein solches Quellchen, und stellt eine Konservenbüchse auf, die Tropfen aufzufangen. Genau ist eingeteilt, wer dran ist, zu trinken. Werde ich aber abgestellt, bin ich auf „bittgarschön!" angewiesen.

Schwer fällt uns die Nachtschicht, vierzehn Nächte lang. Zwar arbeiten wir weniger als am Tage, aber die Nächte sind schon kühl. Mißmutig und schweigsam drängen wir um 4 Uhr früh zum Antreteplatz, wenn die Eisenbahnschiene gongt zum Einrücken, und wehe dem, der sich verspätet! Fehlt einer, oder stimmt die Zählung aus anderen Gründen nicht, beziehen die Posten nervös sofort wieder die Türme, der Rest der Wachmannschaft schwärmt aus, und die uns bewachen, werden barsch und grob.

Und doch hat die Nachtschicht auch etwas Schönes! In unserer Brigade arbeitet auch ein Matrose, und der kennt den Sternenhimmel! Viele Bilder, manchen Einzelstern habe ich von ihm gelernt. Ich steuere dafür die klassischen Sagen bei.

Neben mir auf der Pritsche liegt einer, der sich brüstet, „zwei Pferdchen laufen gehabt zu haben". Ein Zuhälter. Er erweist sich als guter Kamerad, und unterhaltsam! Sonntags liegt alles bäuchlings um ihn herum und lauscht seinen Geschichten. Dr. Raspe, der Mediziner, meint: „Das beste Gesprächsthema! Euer Hormonhaushalt wird angekurbelt, und der Blaue und seine Zuträger fangen mit Thema-Eins-Geschichten nichts an!".

Wenn ich einmal nach Hause komme, wird es ein ganz anderes Leben sein. Ein neues Leben zu beginnen wird leichter sein, wenn es ein ganz einfaches Leben ist. Aber wird es das nicht zwangsläufig sein? Die Brücken zur Vergangenheit müssen abgebrochen werden. Wünsche begraben fällt leichter, wenn niemand und nichts an sie erinnert. Wo sollte das besser gelingen, als auf dem Lande? Wenn sie nur neu anfangen will mit mir.

Aber immer das Carmenmotiv. Die beiden dunklen Schläge lassen mich gar nicht hoffnungsvoll fragen, was wird sein, wie wird es sein, wie wird sie sein.

Nach schlaflosen Stunden bin ich froh, wenn die Schiene gongt. Aber auch hier wird mir unerwarteter- und wunderbarerweise Freude zuteil! Wie mir in Darnitza, als die sechzehn Kommissionen uns „fertig" machten, einer die „Abderiten" lieh, mit Erläuterungen, was diese Ausgabe besonders wertvoll machte, so fällt mir hier in dieser unbedeutenden Lagerbibliothek „Benvenuto Cellini" in die Hand! „Ich brauch eine Hand, die mich umhegt ... Es ist nicht die Hand, nach der ich mich so sehr sehne; es ist SEINE Hand. Ich bin nicht so gänzlich verlassen, wie ich manchmal wähne".

Außerhalb der Arbeitszeit im Steinbruch müssen wir auf einer Kolchose Erdäpfel buddeln, die die Landarbeiter aus irgendwelchen Gründen nicht rechtzeitig geerntet haben. Mitte Oktober ist der Boden schon oberflächlich gefroren, und die Kartoffeln zum Teil schon süß. Das macht uns nichts aus; wir stecken in die unten zusammengebundenen Hosen, soviel hineingeht, gerade, daß wir noch laufen können. Jeder soll eine endlos lange Furche hacken. Das ist nie zu schaffen, weil nach 16 Uhr bald die Dämmerung hereinbricht.

Der Kolchosnik treibt uns mit Schlägen an und springt von Furche zu Furche, schimpft und droht, schneller, schneller! - mit dem Erfolg, daß nun erst recht die halbe Ernte im Boden bleibt. Endlich begreifen wir, daß es ihm viel mehr um die gehackten Furchen geht, als um gefüllte Säcke! Endlich, er mochte protestieren so viel er wollte, lassen uns die Posten antreten. Es wurde ihnen denn doch zu dunkel. Wir halfen ein wenig nach, daß die Zählung erst beim dritten Mal klappte, so ließen die Posten nur eine oberflächliche Filzung auf dem Acker zu. Am Tor entfiel sie ganz. Die Beute war gerettet. Wenn mir die Erdäpfel unterm Strohsack nicht gestohlen werden, hab ich Zukost für einige Tage. Denn nun habe ich Zubesserung nötig: Ich arbeite auf der dritten und vierten Sohle. Die vierte ist naß, zum Teil unter Wasser.

Ähnlich wie im Strafzug werden auch hier gegen Schichtende Waggons hereingeschoben. Die müssen beladen werden, da hilft auch keine hereinbrechende Dunkelheit. Wir arbeiten im Scheinwerferlicht. Gestern kamen wir erst ins Lager, als die Nachtschicht schon ausrücken wollte! Ein vierzehnstündiger Arbeitstag!