Etwas auf der Strecke bleiben dabei Mitlernen und Üben. Die doch etwas unüblichen Ausdrucksformen dieser sanften Kommunikation fordern, meine ich, einiges mehr an Beispielen, Anleitung und eben Übung, als der Autor in diesem Buch anbietet. Klar, ein Buch kann niemals ein Seminar ersetzen. Soll es auch gar nicht - und gerade deshalb fehlt mir in diesem Buch etwas, was ich hier einfach brauche. Was hat ihn eigentlich davon abgehalten, den ohnehin vorhandenen Übungsteil von einigen rein diagnostischen Tests auf eine Sammlung echt praxisbezogener Übungen zu erweitern? Das hätte dem Besuch seiner Seminare nicht nur nicht geschadet - die Lust auf mehr wäre wohl eher noch gestiegen.
Eine gewisse Inkonsequenz steckt, mit Verlaub, im Begriff ?Gewaltfreie Kommunikation": In seinem Text verweist Rosenberg durchwegs auf die elementare Bedeutung positiver und aktiver Formulierungen, er verwendet sie selbst mit äußerster Konsequenz und begründet auch absolut schlüssig, warum er das tut. Und er erwähnt selbst, dass für seine Kommunikationsform auch der Begriff ?Einfühlsame Kommunikation" verwendet wird - für mich die beste Bezeichnung, die ich mir vorstellen kann. Was mag ihn wohl bewegt haben, sogar bei der Übersetzung ins Deutsche bei der Negativ-Formulierung zu bleiben und sein Werk durch etwas zu beschreiben, was es nicht ist?
Von diesen beiden Kritikpunkten abgesehen: ein großartiges, tiefsten menschlichen Bedürfnissen entsprechendes und erfolgreich umgesetztes Vorhaben und ein hervorragendes Buch.
In einem denkbar einfachen und ebenso ehrlichen Konzept leitet Rosenberg dazu an, klar und unmißverständlich aber dennoch individuell und respektvoll zu kommunizieren. Das beste Mittel gegen den Alltagstrott in Beruf UND Familie.
Der Titel ist m.E. leicht mißverständlich: Statt "gewaltfrei" wäre "spannungsfrei" vielleicht treffender. Es geht NICHT um gewaltbereite Menschen, sondern um Alltagssituationen.
Als ich das Buch schließlich in den Händen hielt, auf gut Glück irgend eine Seite aufschlug und anfing zu lesen war ich vollkommen platt: DAS BIN JA ICH, ÜBER DEN ER DA SCHREIBT!
Und so geht es mir beim Lesen immer wieder - als schaute ich in einen Spiegel, erkenne ich permanent Strategien und Abläufe, denen ich vollkommen unreflektiert genau wie beschrieben "anhänge".Und hier liegt der Schlüssel dieses Buches: Es sensibilisiert jeden, der es liest unweigerlich für die EIGENE Art der Kommunikation. Und das allein ist mehr, als viele andere Sachbücher schaffen.
Und so ist der Titel in seiner provozierenden Art tatsächlich etwas irreleitend, denn besser hieße es "(Selbst-) Bewusste Kommunikation".Aber würde das schon kaufen?!