Die Draisine

Am 5. Mai 1950 erklärt die UdSSR die Rückführung der Kriegsgefangenen für abgeschlossen. Nur Kranke und Verbrecher befänden sich noch in den Lagern. Insgesamt seien seit der Kapitulation 1,900.000 Gefangene repatriiert worden. Der Stacheldrahtzaun um unser Lager wird durch eine sechs Meter hohe Planke ersetzt. Die Antifa berichtet, die Sowjetunion habe mit der Volksrepublik China einen 30jährigen Freundschafts- und Beistandspakt abgeschlossen, der sich gegen die japanischen Steigbügelhalter des amerikanischen Imperialismus richte. In einer Feier wird das einjährige Bestehen der Deutschen Demokratischen Republik unter ihrem Präsidenten Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht als seinen Stellvertreter hochgelobt. Eine neue Partei werde zugelassen: Die NDP - Nationaldemokratische Partei. In der Folge kommt neben dem "Freien Deutschland" - gelegentlich - die wesentlich interessantere österreichische "Volksstimme" und auch das Blatt der NDP ins Lager.

Die Serie Hochspannungsmaste, die unser 18. Zug des Stahlmontage-Kommandos fertigte, wurden von einer Kommission abgenommen und abtransportiert. Auf dem Industriegeleise werden große Doppel-T-Träger angeliefert, die ein Autokran ablädt. Aber die Flacheisen, bis zu 20 mm stark, müssen wir händisch abladen, eine gefährliche Arbeit. Unser nächster Auftrag ist eine Kranbahn. Unterdessen arbeite ich nicht nur als Anreißer, ich bohre in der Werkstätte die Bolzenlöcher und darf als E-Schweißer die Werkstücke zusammenheften. Der ukrainische Sommer ist gekommen. Wenn es irgend geht, arbeiten wir mit nacktem Oberkörper. Nach dem Abtransport der Begnadigten sind keine Neuen mehr ins Lager gekommen. Das große Werksgelände wirkt ziemlich menschenleer. Eine große Brigade hebt die Fundamente für eine riesige Halle aus und arbeitet - unsichtbar - in der Erde.

Eines Tages fährt eine blaue Draisine ins Werksgelände. Aufschrift: „Bahnhof Semmering“! Wir Österreicher umstehen das kleine Gefährt, als sei es ein lebendiger Bote aus der Heimat. Was schleppen die Russen noch alles weg! In einem Akt ohnmächtigen Protestes setzen wir uns während der Mittagspause in „unsere“ Draisine!

Auf Stahlmontage arbeitet auch eine kleine holländische Brigade. Ich lerne Hauptmann Hans Gouda kennen; er - ebenso wie seine zwanzig Kameraden - meldeten sich zum Kampf gegen den Bolschewismus, wobei ihnen versichert wurde, sie würden nicht gegen die westlichen Alliierten eingesetzt. Eingereiht in die SS-Division "Germania", wissen Hans und seine Kameraden, daß ihnen Gerichtsverhandlung und eine mindestens fünfjährige Freiheitsstrafe droht, wenn sie in die Niederlande zurückkehren, ohne Rücksicht auf die Verurteilung durch die Russen. Scharf verurteilt Hans die Handlungsweise eines deutschen Generals, dem es gelang, den Fahrer des Latrinenwagens unseres Lagers auszustechen! Der Kutscher des Scheißewagens kommt aus dem Lager heraus, und zwar unbewacht, und kann auf dem Schwarzen Markt einkaufen oder verscherbeln. Daß der General die Ablösung geschafft hat, setzt ihn bei uns in ein ganz schiefes Licht.

Eines Tages kommt eine mehrköpfige, gutgekleidete Gruppe von Zivilisten auf die Baustelle. Unser Kommandoführer und ein Brigadier sowie ein russischer Vorarbeiter werden in die Verwaltungsbaracke gerufen. Nach einer Weile bewegt sich der ganze Pulk zu einem Maschinenhaus, das die Brigade des Plennybrigadiers dicht am Zaun des Werksgeländes errichtet hatte. Nun sollte es abgenommen werden. Heftiges Gestikulieren, laute Debatte. Was ist geschehen? Das Maschinenhaus ist um 180° verdreht gebaut worden! Seine Vorderseite steht dicht an der Mauer des benachbarten Trusts!

Das Lachen vergeht uns aber bald. Der Russe versucht, die Schuld dem Plennybrigadier anzulasten, und spricht von Sabotage. Darauf kann die Todesstrafe stehen! Endlich, nach erregten gegenseitigen Beschuldigungen, legt sich die Aufregung. Das Urteil ist salomonisch: Das Maschinenhaus wird dem Trust zugeschlagen, die Mauer versetzt.