Anfang September werden wir in die große Halle kommandiert, deren Säulen alle schon stehen. Auch der Hallenboden ist schon betoniert. Der erste große Binder soll hochgezogen werden. Händisch! Je eine Brigade an einer großen Winde. Zuerst muss er aufgerichtet werden. Die Windenkurbel wird durch ein Eisenrohr verlängert. Endlich steht er. Noch zwei Winden müssen her. Kaum wagen wir aufzuschauen, als er sich hebt. Einer hat nur auf die Sperre am Zahnrad zu achten. Die Brigadiere lenken uns nach den Anweisungen des Prorab.

„Rechts, halt! Links, etwas höher!“ Wir schwitzen wie die Galeerensklaven. Hoffentlich reißt kein Drahtseil! Und die Windenkurbel! Keiner spricht von seiner Angst, keiner sieht den anderen an. Im Schreien und Kommandieren der Brigadiere äußert sich unser aller Spannung. Keine Mittagspause. Erst muss der Riesenbinder oben sein. Wir winden Zentimeter um Zentimeter höher. Einzeln, Mann um Mann löst uns eine andere Partie ab. Die Russen auf unserem Gelände, auch aus der Nachbarschaft, umstehen in weitem Respektabstand den Hallenboden.
Immer höher schwebt der Binder. Wieder steht unsere Brigade. Hält der Sperrenzahn? Halten die Fundamentschrauben der Winde? Wo ist die nächste Deckung? „Halt!“

Der Binder schwebt in Höhe der Konsolen. Mit Seilen wird er in die richtige Lage gezogen, bis die Plennymonteure die Bolzen in die Löcher stoßen können. Wir werden wieder abgelöst und trollen uns müde zum Speisesaal. Mit der Suppe im Magen löst sich auch die Spannung. Gut, dass wir das hinter uns haben. Nun zeigt sich, dass jeder sprungbereit war, wenn es gekracht hätte…

Während ich abends an der Kantine anstehe und die prallen Semetschkibrüste der Partisanka betrachte, lerne ich einen Österreicher kennen, der schon im ersten Weltkrieg vier Jahre in russischer Gefangenschaft war! Nun ist er, sechzigjährig, krank geschrieben und verrichtet leichte Lagerarbeit. Was für ein Schicksal! Und noch immer dürfen wir nicht schreiben, bekommen auch keine Post…

Wie mag es Norbert Küster gehen? Ob Hans Raspe, Ludwig Scharf und Fritz Berghoff heimgekommen sind? Schon lange bin ich nicht so niedergedrück gewesen. Wie einsam man doch ist, sogar innerhalb der Baracke. Man kommt von der Arbeit, geht zu seiner Pritsche, kennt fast nur seine Nachbarn, die irgendwo anders arbeiten, und die Kameraden von der Brigade. Wer einige Pritschen weiter wohnt, ist schon fremd, wenn er nicht ein Landsmann ist, oder man ihn von einer anderen Brigade her kennt. Rechts von unserm Brigadetisch hausen die Ungarn. Mit ihnen haben wir ohnehin keinen Kontakt. Links liegen die Brigaden vom Hochbau, die in Dnepropetrowsk arbeiten. Auch die kennt man nicht. Es strebt auch niemand an, einen großen Bekanntenkreis zu haben. Die Kumpel bei der Arbeit genügen, und den einen oder anderen Vertrauten von früher.

Manchmal besuche ich den Oberstleutnant, der auch den Schweißerlehrgang besucht hat, und Oberst Masera, unseren österreichischen Rangältesten. Ein Altersleiden macht ihm Beschwerden, nachts muss er zur Latrine gehen, auch er hat schon fast ein Jahr keine Post und sorgt sich um seine Frau. Wie bat sie ihn, als er in den letzten Kriegswochen noch einmal kurz in Wien war, er solle bleiben, sie werde ihn verstecken. Doch er kehrte zur Truppe zurück, und wurde verurteilt, weil er eine Ortskommandantur geleitet hatte. Er, Schwager Bundeskanzler Schuschniggs, der 1938 der Gewalt weichen mußte, war der letzte Kommandant des Wiener Gardebataillons. Bei Oberst Masera erfahre ich ein Kuriosum: In seiner Baracke hausen zwei deutsche Kriegsgerichtsräte; der eine wurde verurteilt, weil er durch seine strengen Urteile die Kampfmoral der Truppe erzwungen, der andere bekam 25 Jahre, weil er durch seine - erwiesenen milden Urteile eben diese Moral untergraben hatte!

In Korea wendet sich´s! Der Lkw-Fahrer, der damals die Kriegsnachricht brachte, erzählt nun, die Amerikaner seien zum Gegenangriff angetreten. Obwohl uns der Krieg nichts angeht, hebt sich unsere Stimmung. Sind wir wirklich nicht betroffen? Warum ist es plötzlich aus mit produktiver Arbeit? Woher kommt das Gerücht, wir würden nach Osten verlegt? Mengen alten Schrotts werden angeliefert. Wir lernen Nieten abzuschlagen. Schwere Keile an langen Haltestangen liefert die Schmiede. Die einen halten die Keile über die Nieten, die Treffsichereren hauen mit dem Kowalda drauf. Schließlich gelingt es im Rundumschlag. Drei Schläge, die Niete ist ab. Aber mit dem Verdienst ist es Essig. Wir machen halblang und genießen die Herbstsonne. Die roten Fähnchen bleiben im Süden stecken! Keine Jubelmeldungen mehr. Korea wird vergessen.