Fluchtversuch

Wieder ein Fluchtversuch. Diesmal aus dem berüchtigten Zementlager, das man von unserem Lager drüben jenseits der Düna sieht. Ein Flüchtling wird, wenn noch möglich, wieder in sein Stammlager zurückgebracht, übel zugerichtet, als abschreckendes Beispiel. Das Ölkommando, das mit Brigaden aus anderen Lagern zusammenkommt, erzählt, der Ergriffene sei mit Vierkanthölzern bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, dann in einem käfigartigen Verschlag auf dem Antreteplatz zur Schau gestellt worden. In das zerdroschene Fleisch wäre der Brand gekommen, und der arme Teufel sei nach zwei Tagen tot gewesen.

Eines Nachts, die Schicht ist noch nicht vorüber, bimmelt die Eisenschiene wie wild. Überstürzt müssen wir antreten, die Maschinen werden, fast vollgelaufen, abgestellt, die Produktion bleibt der Tagschicht. Die Streifenposten haben außerhalb von Mauer und Zaun Spuren entdeckt! Zählung, und noch einmal Zählung, es bleibt dabei - zwei Mann fehlen. Sie sind von der Platzpartie, die im ganzen Werksbereich herumkommt, und auch Geld verdient. Wir werden ins Lager getrieben, auf dem Marsch haben wir nichts zu lachen. Die Platzpartie wird eingesperrt, die Männer vom Blauen auf Mitwisserschaft vernommen, der Brigadier abgelöst. Wir dürfen gar nicht in die Baracke. Die Soldaten wühlen die Pritschen um und um. Wie nach einem Bombenangriff sieht die Unterkunft aus. Abends sind die Ausreißer wieder da. Bei ihrem Anblick vergehen einem Fluchtgedanken.

Ich habe das erste Geld meines Lebens durch Arbeit verdient! 45 Rubel werden mir ausbezahlt, das sind vier Buchanken Brot oder zwei Flaschen Sonnenblumenöl! Auf der Lagerbörse wird gehandelt, was man von draußen hereinbringen kann. Wir von der Textilfabrik Garn und Zwirn. An Zwirn komme ich nicht heran. Garn bringt wenig. Eine Garnrolle mißt zwölf Zentimeter im Durchmesser. Aus einer Schnurschlinge, die ich zwischen den Beinen durch und über die Schulter führe - am Körper natürlich - mache ich mit Hilfe eines Brotbeutelkarabiners eine Tragevorrichtung. So kann ich mir eine Garnrolle zwischen die Beine hängen.

Wir kennen ja die einzelnen Posten, wie sie filzen. Greift wirklich einer zwischen die Beine, so ziehe ich, als ob ich mich kratze, die Schnur an der Brust herunter, und die Rolle wandert den Rücken hinauf. Meist aber tasten die Posten nur unter den erhobenen Armen den Körper ab. Wenn ich Glück habe, bringt eine Garnrolle eine Bulotschka, einen sämmelähnlichen Wecken. Norbert, der Richter, kann nicht stehlen. Zwei- oder dreimal hänge ich mir also zwei Rollen zwischen die Beine. Ich muß nur darauf achten, daß mein Gang nicht allzu schwerfällig wirkt.

Hat uns wer verpfiffen? Wird´s dem Wirtschaftsoffizier der Fabrik zu bunt? Die Posten filzen heute nach der Frühschicht wie verrückt. Jede Fünferreihe muß drei Schritte vortreten, das Hemd aufknöpfen. Sie greifen unter die Wattejacke, tasten den Rücken ab und - fassen zwischen den Beinen durch! Und schon fliegen die Garn- und Zwirnspulen durch die Luft, irgendwohin, nur weg! Ein paar Ertappte stehen schon vorne an der Butka und werden vom Wirtschaftsoffizier abgekanzelt. Ich zerre wie besessen, aber vergebens, an der Schnur. Im Wachlokal stehe ich nun vor dem Hünen, dessen blaue Schlägermütze in sonderbarem Gegensatz zu seiner olivfarbenen Offiziersuniform steht, nun sein Arbeitsgewand. Dienstgradabzeichen trägt er keine. Schweigend stehen wir uns gegenüber. „Du Affizer?" - Woher weiß er es? Die Spule liegt auf dem Tisch, ich knöpfe die Wattehose wieder zu. „Warum du gestohlen?" Er ist Jude, merke ich. Ich schweige. „Hast du Hunger?" Ich sehe ihm in die Augen. Ein Mensch! „Ja", sage ich zögernd, als müsse ich mich der Lage schämen, in die ich gebracht worden bin. Er sieht mich immer noch an. Geh! Und weil ich dastehe, irgend etwas erwartend, noch einmal, „Dawei, na Lager"...! In der Kolonne raunen sie mir zu: „Was war?" Ich zucke die Schultern. Im Lager werden sie mich wohl einsperren. Am Tor, nach der Zählung geschieht nichts. Auch nach dem Essen werde ich nicht zum Blauen geholt. Bei der Wehrmacht war´s klüger, man meldete einen Verstoß gleich. Aber der Antifaleiter sagt nur: „Wenn er dich angezeigt hätte, wärst du schon im Karzer!" Ein Mensch. Bin ich dankbar? Schäme ich mich? Wer weiß, was er im Krieg erlebt hat.

Der Antifa-Mann ist in Ordnung. Ganz anders als der unglaubhafte Politruk aus Graz im Hauptlager Riga. Aber vor den anderen muß man sich in acht nehmen, vor den „Wojenno-konvois", der Lagerpolizei aus unseren eigenen Reihen. Sie haben die Augen überall, sind die Laufburschen und Zuträger der Russen, arbeiten nicht, empfangen aber doppelte Verpflegung. Sie begleiten uns neben den russischen Posten auf dem Marsch und überwachen uns, auch nachts, nicht nur im Lager sondern auch auf der Arbeitsstätte.

Wie sie sich bei den stets mißtrauischen Russen für solche Vertrauensstellung empfohlen haben? Wer weiß! Im nächsten Lager haben sie wieder den gleichen Vorzugsposten. Eine entsprechende „Dienstbeschreibung" in ihrem Akt muß sie also begleiten.

Keiner weiß, ob der Nebenmann auf der Pritsche, in der Brigade „echt" ist. Aber man lernt, auf der Hut zu sein, beobachtet Verhaltensweisen bei anderen, die von der eigenen abweichen und entwickelt ein G`spür, eben jene „Wachsamkeit", die den Russen von klein auf, als Pioniere, Komsomolzen, in der Schule eingebläut wird. Dieses allgegenwärtig gezielt erzeugte Mißtrauen, das sich jedem tief ins Unterbewußtsein einfrißt, ist eines der bedrückenden Kennzeichen des bolschewistischen - und wohl jedes diktatorischen - Systems. Hat sich nicht der alte Meister in der Spinnerei dreimal umgesehen, als er mir die Füllfeder abkaufte? Und genau so vorsichtig war der Lette, der mir die englischen Bücher brachte. Den Stacheldraht, die Wachtürme gibt es überall, unsichtbar.

So kann der NKWDist bei der Vernehmung brüllen: „Ich weiß alles!" und „Sie lügen!", und dann prügelt er. Er hat einen Instinkt dafür, wen er weich machen kann, wer aus Angst, vom nächsten Transport zurückgestellt, nicht repatriiert zu werden, einen guten Posten zu verlieren oder einfach durch den Plennialltag zu brechen ist.

Gestern wurden wir von den Lagerpolizisten mit Gewalt und drohendem Schlagstock ohne Rücksicht auf Schicht und Nachtarbeit von den Pritschen geholt, um einen Vortrag des Politoffiziers mittels Dolmetschers über die Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 zu hören. In Paris sitzen die Außenminister der Sieger beisammen. Halb Ostpreußen an die UdSSR, die andere Hälfte an Polen! An Polen auch Ostdeutschland bis zur Oder-Neiße-Linie!