Heimkehr?

Das Schlimmste in Wojenskij sind die Nächte. Ich schlafe im dritten Stock, und wir alle haben Reizblasen und müssen mehrmals des Nachts die Suppe loswerden. Aber die Latrinen sind auf dem Hof! Das ist ein ewiges Treppauf, Treppab im Halbschlaf und Dunkel und ein tastendes Suchen nach dem Schlafplatz auf den durchgehenden Pritschen, auf denen eingemummt und angezogen die Kameraden dicht bei dicht auf den nackten Brettern liegen. Wir entwickeln nicht nur Zeitinstinkt nach Magenknurren und Sonnenstand, auch ein Hordeninstinkt erwacht, und ein Ortsgefühl wie bei einem Herdentier.

Am Sonntag, dem 15. Juni wird ein Holzverladekommando zusammengestellt. Ich bin dabei. Stundenlang sitzen und liegen wir im Sand des Hofes, bis wir zum Bahnhof geführt werden. Aus verschiedenen Brigaden wurde das Kommando zusammengestellt, keiner kennt den anderen. Sind Leute unter uns, die zur Flucht verleitet werden sollen? Da steckt doch der Blaue dahinter? Bei jeder Vernehmung werde ich nach Werner Hortung gefragt, und kann immer nur sagen, daß er kurz vor Kriegsende versetzt wurde. Er war Dolmetscher in unserem Stab für Russisch und stammte aus Posen, heute also polnischer Machtbereich. Auf Volksdeutsche hatte es der Russe immer schon scharf. Oder es ist einfach eine Schikane des Antifachefs von Wojenskij, eines Hamburger Rabauken, der sich brüstet, als Fahnenflüchtiger wochenlang im Gängeviertel von Hamburg versteckt gelebt zu haben, und von der Strafkompanie übergelaufen zu sein. Hier aber stolziert er in Lackstiefeln und friedensmäßiger Offiziersuniform herum, und hat besonders jene „ins Herz geschlossen", die diese einst trugen.

Uns begleitet Dr. Svierkot als Arzt und Koch! Da können wir nun sehen, daß die Verpflegung gar nicht so schlecht wäre, würde nichts unterschlagen, fräßen nicht so viele Oberplennies, Läufer, Putzer, Spitzel und sonstige Privilegierte von - unserem Pajok - der Ration. Es gäbe Doppel- und Nachschläge! Dr. Svierkot entdeckt nahe eines Panjehauses einen Liebstöckelstrauch! Damit zaubert er schmackhafte Hirsesuppen!

Das Kommando ist gut. Kein Zaun, kein Lager. Wir sind auf einem kleinen Bahnhof in einem Schuppen untergebracht, der nachts versperrt wird. Wir verladen langes Rundholz auf Rungenwagen. Nur ein Posten! Viel Freizeit, wenn keine Waggons da sind. Der Posten strolcht oft herum. Oben auf dem Stapel Stammholz liege ich in der Sonne und wiederhole oder lerne auswendig meine Daten auf den Papierstreifen, insgeheim. Ich werde auch den Verdacht nicht los, daß der eine oder andere ein agent provocateur ist; allzu unbekümmert wird Fluchtmöglichkeit erörtert. Wo wir sind, wissen wir nicht, aber von Kiew fuhren wir ziemlich weit nach Westen.

Eines Morgens fehlt mir die Eprouvette mit den Papierstreifen! Ich suche verstohlen das Strohlager durch, vergebens. Wir müssen in Hemd und Unterhose schlafen, auf Befehl des Postens, der uns abends einsperrt. Meine Hose war das Kopfkissen, aber die Taschen sind leer. Ich war nachts zweimal auf der „Barascha", dem Kübel für unsere Notdurft. Wer ist mein Nebenmann? Ich kenne weder den rechten noch den linken, keiner hat ein Galgenvogelgesicht.

Dr. Svierkot sagt, wir seien in der Nähe von Shitomir. Oft schauen wir den Zügen nach, die nach Westen rollen. Bisweilen halten sie an unserem Bahnhof. Aber wie weit würde ich kommen, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse, bei den Sperren und Kontrollen?

Wir werden in die Zivilistensauna beim Bahnhof geführt. Noch nicht dort, wildes Schreien, Kommandos, Schüsse! Eine Frau, nein, ein als Frau verkleideter Partisan läuft in die Felder, erreicht sie, bleibt aber angeschossen liegen. Barbarisch gepackt, ohne Rücksicht auf seine Verwundung wird er niedergeworfen, gefesselt, abgeschleppt. Wir debattieren erregt. Fliehen hat wirklich keinen Sinn. Früher oder später liefen wir, wenn schon nicht der Miliz, so doch den Partisanen in die Hände, willkommene Mitkämpfer, weil uns gar nichts anderes übrig bliebe.

Eine Woche später läßt uns der Posten in einem breiten, sandigen Bach baden! Wenn ich dem Posten den Rücken kehre, welch Gefühl der Freiheit! Wiese, Sonne, Himmel, und wir nackt im Wasser schwimmend, übermütig einander anspritzend...

Am 2. August werden wir ins Lager Wojenskij zurückgebracht. Schon am Lagertor hören wir, daß die Österreicher heimfahren! Tatsächlich werden sie aus allen Lagern der Uprawlenie hier zusammengezogen.

Mit einem andern Plenny werde ich zum Dnepr gebracht und vom Posten den Leuten auf einem Flußbagger übergeben. Ich werde an einen der Container gestellt und soll die Klappen, wenn er voll ist, in der Flußmitte öffnen. Mit einer Schaufel soll ich den Schlamm, der hängenbleibt, von den Blechwänden ins Wasser stoßen. Wir Plennies stehen an den Klappenhebeln. Eine schöne Arbeit. Die Russen auf dem Bagger lassen uns in Ruhe, teilen mit uns ihr Essen, spenden einen Schluck Samogonka. Die Zeit, bis der Kasten wieder voll ist, braten wir in der Sonne.

Als die Russen vertraut mit uns sind, dürfen wir auch um den Bagger herumschwimmen, natürlich in Respektentfernung von Schaufelrad und Förderband. Ich drücke den Hebel herunter, rumpelnd rutscht Sand und Schlamm in den Fluß, ich stoße nach, dazu muß ich in den Kasten klettern. Als ich mich wieder an Deck schwingen will, rutsche ich aus, fahre den Blechkasten hinunter und tauche in den Fluß. Nur weg vom Schiff, mein erster Gedanke! Gut, daß das Schaufelrad steht. Als ich auftauche, sehe ich wenige Meter vor mir das Steuerruder. Es ragt nur wenig aus dem Wasser, kein Blechblatt, wie ich immer dachte, sondern ein Kasten, verschweißt, etwa 15 cm breit. Ich schwinge mich hinauf. Ich höre die Russen aufgeregt palavern. Als ich an Deck klettere lachen alle erleichtert.

Auch der Posten muß gehört haben, daß die "Afstritzky" (Österreicher) repatriiert werden. Er ist Usbeke, und versucht, uns irgend etwas abzuhandeln. Begründung: "Skoro domoi!, „ Bald nach Hause". Sein Kamerad ist ein Perser, ein Iraner, den die Sowjets bei ihrem Abzug aus dem Iran verschleppt haben! Er ist scharf auf mein blaues Wehrmachtstaschentuch. Bevor er es mir wegnimmt, schenke ich es ihm.

Der Usbeke erzählt von daheim. Er stammt aus einer Musikerfamilie. Sein Vater, seine Brüder, er selbst, alle haben bei muslimischen Festen aufgespielt.

„Mnogo kuschatj, mnogo pitj!" - viel zu essen, viel zu trinken, Fleisch, Kartoffeln, Wein.

„Schto! Wino na prasdnik? Tüj Musulman, tibije wino saprijetno!" Was! Wein auf der Schmauserei? Du bist Moslem, dir ist Wein verboten!

„Jibi twoju matj!" entfährt ihm, erstaunt oder wegwerfend, wer kann es sagen? Ein Bayer hätte gesagt - Leck mich am Arsch!

9. August 1947 "Österreicher raustreten"! Im Hof warten die Posten, wir werden gefilzt, ohne das geht es nicht, immer finden sie etwas, machen "zapzarap".

Wir treten den Marsch nach Raswilka an. Es ist nicht weit. Raswilka bedeutet Abzweigung, Weiche, Straßengabel. Ein Sandlager. Die Wohnbunker sind, wie einst in Bsow, halb in den Sand eingegraben, kaum, daß die Fenster Licht bekommen.

Nun stehen wir vor dem doppelflügeligen Tor, das aus einem Balkenrahmen besteht, mit Stacheldraht bespannt. Jenseits sammeln sich Neugierige, auch wir sind gespannt, ob wir Bekannte treffen. Im Bunker links hinten vor dem Holzplatz weist man uns Pritschen an.

Ich treffe einen Gefreiten vom Nachrichtenzug. Hans ist Sudetendeutscher, hat sich, glaube ich, als Österreicher ausgegeben. Wir plaudern abends, was wir seit der Kapitulation alles erlebt haben.

Sind es 400, die hier zusammengezogen wurden? Die große Anzahl Landsleute macht uns hoffnungsfroh. Noch nie waren wir so viele Österreicher beisammen. Was macht es, daß wir am nächsten Tag wieder zur Arbeit getrieben werden?

Die Sonne scheint, es ist herrlich warm, einer träumt davon, bald in der Alten Donau baden zu können.

Aber vorläufig betonieren wir an der Darnitzabrücke die Widerlager. Der Beton wird mit Schubkarren eingebracht, Ununterbrochen dreht sich der Kreis der Gefangenen, die Karren über die Laufplanken schieben. Das geht so den ganzen August. Schließlich werde ich zum Packlagepflastern kommandiert. Täglich zweimal donnert ein Schnellzug mit grüner Lokomotive vorbei, einer hin, einer her. Woher? Wohin? Wir wissen es nicht.

Zwischen dem Lager Raswilka und unserem Arbeitsplatz, der Eisenbahnbrücke, dehnen sich Sanddünen, spärlich mit Kiefern bewachsen. Hinter dem Küchen-, Banja- und Kulturgebäude liegt ein sumpfiges Gelände. Nachts spannt sich ein herrlicher Sternenhimmel über den menschenleeren Antreteplatz. Morgens um vier auf dem Weg zur Latrine höre ich eine Nachtigall! Auf dem Marsch zur Arbeit kommen wir an einer alten Flakstellung vorbei. Sie ist von Obdachlosen bewohnt. Während eines Haltes kommen wir - verstohlen - mit einem Mann ins Gespräch. Er behauptet, Major der Luftwaffe gewesen zu sein. Ohne Haß wünscht er uns eine baldige Heimkehr, und sich eine Wohnung.

Die Wohnbunker sind schrecklich verwanzt. Kaum liegt man auf der Pritsche, und wir zünden eine Funzel an, sehen wir, wie sie aus Ritzen und Fugen anmarschiert kommen, die roten Sauger. Da lege ich mich lieber in den Sand zwischen die Baracken. Die Sandflöhe gehen nicht auf mich. Auch ziehe ich die kühle Nachtluft dem stickigen Mief drinnen vor.

Noch viel inniger als im Kriege tauche ich in das nachtblaue Firmament und such Deneb, Wega und Atair. Wenn ich den Kopf zurückbiege, finde ich den Arkturus, und über mir steht die Gemma in der Krone. Manche Nachtstunde denke ich über meine Vermessenheit nach, mir ein ungewöhnliches Schicksal in jugendlicher Maßlosigkeit gewünscht zu haben ...

Wenn ich nun manchmal hadere und rechte, das Funkeln der Gestirne besänftigt mich, daß ich mich dreingebe und ruhig werde.

Der Sinn des Lebens bestehe darin, die Forderung des Tages zu erfüllen? Das Gesetz in mir und der gestirnte Himmel über mir ... Nach Hause, zu ihr, die so wenig schrieb, kaum etwas von Dieter, den ich nicht kenne, war er doch erst wenige Wochen alt im November 1943. Und die Eltern ...

Und wieder schlägt im Morgendunkel die Nachtigall, süß und sehnsüchtig.

Einst suchte ich neue Wege
und folgte manchem Traum -
Nun sind die Träume verloren,
die Wege finde ich kaum.

Doch wenn mir manchmal Zweifel
und Gram das Herz verbrennt,
versenke ich meine Augen
ins tiefe Firmament.

Da schweigen alle Fragen
nach dem Woher, Wohin -
Ich bin trotz allem dankbar,
ja, dankbar, daß ich bin.

Immer wieder sage ich mir die zugeflogenen Verse auf, bis sie sich glätten, fließen und ich sie unverlierbar auswendig weiß. Daheim wird alles neu. Die Freude, kaum zu ertragen, die Liebe, neu entflammt, werden alle Zweifel verbrennen. Die Liebe macht alles neu.

4. September 1947. Nun glauben auch die Pessimisten, daß es nach Hause geht! Wir werden entlaust, am ganzen Körper geschoren! Wie geniere ich mich, vor der russischen Feldscherin die Arschbacken auseinanderzuziehen, habe auch Angst, ihr Rasiermesser könnte mich schneiden. Aber alles geht gut. Jeder wird in blaues Schlossergewand eingekleidet, fabriksneu und appretiert. Hochgefühl erfaßt auch die Zurückhaltenden. Wir hocken beisammen, machen Pläne, singen Wiener Lieder. Ob ich noch studieren werde können? Oder wenigstens Volksschullehrer werden? Auf´s Land ginge ich gerne ...

„Antreten!" Der Antifaschist hält einen Vortrag. Stalin habe der österreichischen Regierung unsere Heimkehr versprochen, und Stalin hält seine Zusagen. Wenn wir geläutert nach Hause kommen, sollen wir die Wahrheit über die Sowjetunion berichten, den Hort des Friedens und der Völkerfreundschaft ...

Der russische Lagerkommandant liest Namen von einer Liste; komisch klingen unsere Namen aus seinem Mund. Die Waggonbesatzungen werden zusammengestellt. Noch einmal schaue ich mich um, mir das letzte Lager, das achte, einzuprägen.

„Boog Jogan Leopoldowitsc". Immer haben die Russen meinen Namen gedehnt; und oft gewitzelt: „Bog" bedeutet Gott! „Hier!" - „Njelsa!" „Nicht möglich!..."

Und weil ich, wie vom Donner gerührt, stehen bleibe, sagt der deutsche Lagerleiter: "Hol´Dir Deine alten Klamotten!"

Ich bin wie betäubt. Fast wanke ich zur Kleiderkammer und gebe meinen „Heimkehrersmoking" ab; ich stecke wieder in irgendwelchen Lumpen. Stumpf, unfähig zu denken, hocke ich auf der Pritsche in der leeren Baracke.

Der Läufer des Blauen, ein Plenny, ein Deutscher, holt mich in das „Dom Kultura", in den Versammlungssaal neben der Küche. „Du kannst doch russisch schreiben?"Ich muß in dieser Verfassung die Listen der Waggonbesatzungen schreiben. Immer wieder fragen sich mich, warum ich zurückgestellt wurde, immer wieder. Ich weiß es nicht.

Als ich fertig bin, holt mich Oblt. Schorsch Scherer aus Tirol, führt mich zur russischen Ärztin. „Er kann russisch schreiben, hat jetzt die Transportliste geschrieben; er kann statt meiner die Menju raskladka, den täglichen Speisenzettel, schreiben" - „Ladno", „in Ordnung, genehmigt" - ist gut.

„Vielleicht ist Dein Partisaneneinsatz schuld, wer weiß, was noch kommt. Aber mit dieser Arbeit kommst Du über den Winter!" Scherer hatte mir angeboten, zu ihm zu kommen, wenn ich in Wien nichts Vernünftiges finden würde; er habe so seine Pläne: Transport, Spedition, ähnliches. Eine Landwirtschaft sei auch da.

Er übergibt mir die Kalorientabellen, die von ihm vorgezeichneten Tabellenformulare, zeigt mir, wie ich die Lebensmittelmengen für Frühstück, Mittagessen und Abendkost einsetzen muß, aufs Gramm genau. Quer- und Endsummen müssen stimmen. Für jede Mahlzeit werden die Kalorien errechnet, und schließlich die Tageskalorienmenge. Ergibt die reinste Schwerarbeiterzuteilung - um die 3.000 - theoretisch! Grundlage für die Berechnung bildet der Empfangszettel, den ich jeden Morgen um 4 Uhr früh aus der Küche holen werde; um 5 Uhr muß die fertig geschriebene Menju raskladka der Ärztin vorliegen, wenn sie die Graupen-, Hirse- oder ähnliche Suppe kostet.

Ich komme im Bunker gerade zurecht, wie mir einer mein Brot aus dem Beutel stehlen will! Er haut ab, schon stehen die Österreicher am Tor. Nach einer letzten Filzung marschieren sie durch das Stacheldrahttor, ziehen die Dünen hinauf, verschwinden dahinter, die Staubwolke verweht. Keiner hat sich umgedreht.

23 sind wir, die zurückgestellt wurden, darunter einige Sudetendeutsche; auch der Gefreite Hans vom Nachrichtenzug mußte hier bleiben. Ich teile meinen Tabak mit ihm. Und auch Sturm, der alte Sozialdemokrat, der mich beim Pflastern in "Bürgerkunde" unterwies, steht neben mir.