Im Bunkerlazarett

Im neuen Jahr arbeiten wir wieder in der Sandgrube hinter dem Lager. Der Jänner 1947 ist sonnig, glasklar, grimmig kalt. Aber wir ersparen uns die elende Fahrt auf dem Lkw und kommen pünktlich ins Lager. Aber der Sand ist tief gefroren, auf dem Panjefahrzeug liegt jeweils nur ein Häufchen Sandbröckchen. Die Panjepferdchen ziehen kaum die Wägelchen, so klapperig sind die Tiere. Bald löst uns Schmidt ab, wir leisten zu wenig. Der Sand wird für einen neuen Bunker im Lager gebraucht. Nächste Woche müssen wir Schotter schlagen.

Am Samstag, dem 4. Jänner 1947, herrscht große Aufregung im Lager. Zur üblichen Arbeitskommissionierung, bei der jedes einzelnen Plennys Kräftezustand festgestellt wird - Gruppe I, II, III, OK, Dystrophie I, II, III (schon verhungert) - kommt ein Besuch aus dem Hauptlager Borispol, der Uprawlenije, der Verwaltung des Gebiets. Gleich schwirren Parolen! Und das Essen scheint eine Spur besser zu sein.

Am Sonntag, dem 5. Jänner, um 5 Uhr früh Feueralarm! Unser Bunker brennt! Während wir ziemlich phlegmatisch unsere Klamotten ins Freie tragen, schaufeln andere Brigaden Schnee auf das brennende Schilfdach, ohne Erfolg. Wir holen das schmutzige Waschwasser aus der Banja in den Granatkartuschen und Blechwannen, aber der Bunker brennt ab.

Noch vor dem Mittagessen werden die Obdachlosen aufgeteilt. Nun liegen wir noch enger. Die Garnison nimmt uns ohnehin immer das Holz weg, das die Brigaden versuchen hereinzuschmuggeln.

Wie konnte der Bunker abbrennen? In der Nische neben dem Bunkereingang hausen die Oberplennies, die Kommandoführer, Brigadiere, der Normirowtschik. Einer erjagte den feisten Küchenkater und haute ihn in die Pfanne. Es sollte aber schnell gehen, damit die gehässigen Normalplennies das Treiben nicht spitzkriegen. Das Ofenrohr begann zu glühen, und setzte das Schilfdach in Brand.

Ich bin immer noch in der Arbeitsgruppe II. Eine schwächere Einstufung gibt es für Offiziere offenbar nicht. Die Kommission aus Borispol besichtigt die Unterkünfte und nimmt Bitten und Beschwerden entgegen. „Sag´s du ihr!" Irgendjemand stößt mich vor, und ich, der ich mir vorgenommen hatte, mich nie mehr zu exponieren, weil meine Zeit ja vorbei sei und ich nichts mehr zu sagen habe, ich packe vor der Dolmetscherin aus.

Anna Krukowa spricht verhältnismäßig gutes Deutsch. Die vollen Formen, die warme Stimme lassen mich Vertrauen fassen zu der jungen Frau mit der Stupsnase und dem runden Gesicht unter der roten Pullmanmütze. Sie trägt Stiefel, dunkelblauen Rock, khakifarbenes Russenhemd in Uniformschnitt mit Stehkragen, darauf zwei Messingknöpfe, auf denen der Sowjetstern prangt. Sie ist meines Alters und überragt mich um einige Zentimeter.

Ob die Zählung nicht besser organisiert werden könne? Jetzt im Winter hätten wir gern die Sprotten, die uns im Sommer so mörderischen Durst verursacht hatten. Vermeintlich schlechte Arbeiter ließen die Konvois bis aufs Hemd ausziehen und ohne Handschuhe die Schaufel hoch über dem Kopf halten, und wenn die Arme niedersänken, schlügen sie zu. Die Samstagnächte müssten die Arbeitsbrigaden Wäsche waschen; nach der Schicht würden uns immer weniger Lastwagen ins Lager bringen, als uns am Morgen zur Arbeit brächten.

Am nächsten Morgen muss ich allein im Lager bleiben, ich allein. Niemand sagt mir, warum. Um 11 Uhr weiß ich es. Zum Blauen. Erste Vernehmung seit Windau, aber die gleichen 46 Fragen. Dann kommt´s: Ich sei ein Verräter der Arbeiterklasse! Ich muss wohl sehr dumm dreingeschaut haben. Klar, wenn der Vater Schneider und die Mutter Dienstmädchen war, dann gehöre ich nicht in den Mittelstand, wie ich angegeben habe, sondern in die Arbeiterklasse!

Ob ich in Russland auf einem Ball gewesen sei? Absurde Frage. Ich solle nachdenken. Aber so sehr ich mein Gedächtnis durchforsche, ich habe im Krieg weder zuhause noch in Russland an einer Tanzunterhaltung teilgenommen. „Sie lügen!" Und der Blaue: „Dawai! Na Kamenij" - Steine schlagen!

Da sitze ich nun auf dem Straßendamm, den Kragen der Schuba hochgestellt, den Rücken notdürftig geschützt durch den hohen Steinhaufen, den ich auf Schotterkorngröße zerschlagen soll. Eine Lehre mit einer 6x6 cm großen Öffnung hat man mir gegeben. Norm pro Tag ein Kubikmeter. Überall zwischen den Haufen sitzen, meist unsichtbar, Steinschläger. Wenn das Pfeifen des Windes nachlässt, ist von allen Seiten das „Pink, pink, pink" zu hören.

Bis zum Abend habe ich vielleicht ein achtel Kubikmeter geschlagen. Der Frost ist so streng geworden, dass mir beim Pinkeln die Finger weiß werden. Ein Kamerad knöpft mir die Wattehose zu, es ist zum Heulen. Dabei muss ich bald wieder austreten, und kann oft genug nicht rechtzeitig die Hose öffnen...

Endlich ein freier Sonntag. Norbert und ich riskieren es, auf dem Hof das Hemd auszuziehen und die erstarrten Läuse abzusuchen. Auf der Pritsche sagen wir einander alle Gedichte auf, an die wir uns erinnern. Oder wir fragen englische Vokabeln ab, die ich auf Zementsackpapier gesammelt habe. Klägliche Versuche, das Hirn nicht einschlafen zu lassen.

Rund um uns liegen sie auf den Pritschen und schlafen oder dösen den ganzen Tag. Nur die Mahlzeiten können sie veranlassen, von den Pritschen herunterzukriechen. Die Gedanken, die gerne nach Hause wandern möchten in eine Wunschzukunft, bleiben stecken. Alles trostlos um uns. Norbert, Peter und mich beseelt nur ein Gedanke: Irgendwie den Tag, die Stunde bewältigen, nur oben bleiben, nicht unterkriegen lassen! Die Scheidelinie für solche Gesinnung scheint der Wille zur Körperpflege zu sein. Wer sich nicht mehr wäscht, keine Läuse sucht, kein anderes Interesse hat als die Krautsuppe und, wie viel Kuttelfleckstückchen daraus er für das Abendessen wird aufheben können, der ist auch bald so abgestumpft, dass er sein Wasser oben auf der Pritsche ins Kochgeschirr abschlägt. Manchmal gibt es wüste Szenen, wenn so ein Gefäß umfällt. Wir scheinen nur mehr voll Hass und Wut zu sein.

Mitte Jänner muss ich wieder in die Sandgrube. Es ist schon egal, wo ich friere, der grimmige Frost lässt nicht nach. Nicht einmal im Pferdestall, von wo wir morgens die Klepper abholen, ist es dunstig warm wie sonst in einem Stall. Es kostet Mühe und Schläge, die Tiere auf die Beine zu bekommen. Manchmal halten wir eine Stange unter ihren Bauch, bis sie nicht mehr umfallen und sich auf den Beinen halten können. Die armen Viecher werden genau wie wir auf Arbeitsfähigkeit kommissioniert - und auch genauso zuschanden gerackert.

Der 29. Jänner ist ein frostklirrender, strahlender Sonnentag. Der Sand ist 1,70 cm tief gefroren. Ich soll einen aus der Wand ragenden Pfeiler untergraben, der den Fuhrwerken im Weg ist. Wie schwer ist die Kreuzhacke! Bis 11 Uhr habe ich kaum eine kniehohe Höhlung herausgepickelt. Das Herz klopft bis zum Hals. Als ich mich aufrichte, um Luft zu schnappen, wird mir schwarz vor den Augen, die Sandwand scheint auf mich zu stürzen - aus.

Im Krankenrevier - ein Panjefahrer hat mich ins Lager gebracht - schält mich der Münchener Arzt aus den Lumpen. Es riecht schneidend nach Salmiakgeist. Schmidt beugt sich über mich. „Da hast du aber Schwein gehabt! Wenn du markiert hättest, wär´s dir schlecht ergangen!"

Der Arzt sagt keinen Ton. Auch die Ärztin nicht, die dazu kommt. Ich bleibe aber im Krankenrevier und bekomme dreimal täglich einen Löffel Baldriantropfen. Wieder koste ich die Ruhe, Wärme und Sauberkeit im Krankenrevier aus. Wie banal klang das früher: Sich wie im Himmel fühlen! Man muss nur tief genug unten sein, dann ist er bald zu erreichen.

Am 10. Februar werde ich von der Ärztin arbeitskommissioniert. „Hose runter!", sagt sie auf Deutsch, und „kehrt!" und zwickt mich - wie üblich - in die Arschbacken, deren gute Entwicklung ich bisher immer der zweiten Gruppe zu verdanken hatte. „OK-Grupa; na Lager - ich kann Sie nicht mehr halten". Ich werde gewogen - 46 Kilogramm.

„Erholen Sie sich, kommen Sie in die Ambulanz". Schmidt steckt mich in die Lagerwäscherei. Tag- und Nachtschicht.

Am 12. Februar - ich habe 39 Grad Fieber - sperrt mich Schmidt in den neuerbauten Bunker ein. Damit er austrocknet, soll ich den Koksofen die Nacht durchheizen. Am nächsten Tag bin ich so fertig, dass ich nicht in die Ambulanz um den Baldrian gehe. Ein Kamerad flüstert mir zu, er habe gehört, wie die Ärztin nach mir gefragt habe, wahrscheinlich sei ich wieder gesund. Schleppe mich zu ihr und werde auf die Liste eines Transports ins Hauptlager Borispol gesetzt!

Der Arzt findet keine Zeit, mir das Buch von Tauchnitz „The Moon and Sixpence" zurückzugeben. Er kommt auch nicht, als ich schon auf dem Lkw liege. Endlich ist auch der Blinddarmkranke verladen. Schmidt hat die Stirn, sich von uns zu verabschieden. „Was brauchst du das Büchel? Im Lazarett wird dir ohnehin alles abgenommen!"

Die Plache wird geschlossen. Kein Blick mehr auf Bsow, diesen Arsch der Welt. Unterwegs stirbt der Blinddarm.

In Borispol ergattere ich in der Krankenbaracke einen Pritschenplatz neben dem Ofen. Wir sollen auf den Weitertransport ins Bunkerlazarett Kiew warten. Das Essen ist besser als in Bsow. Satt und warm wickle ich mich in die Kotze. Heute ist unser fünfter Hochzeitstag.

Immer noch in Borispol, schon den zweiten Tag. Offenbar werden hier alle Schwachen und Kranken gesammelt aus den vier oder fünf Straßenbaulagern des Distrikts. Natürlich schwirren die Heimtransportparolen durch das Lager. Es ist unwahrscheinlich, was die Leute alles unternehmen, um ihre Chance, nach Hause zu kommen, zu erhöhen! Viele trinken Machorkatee, andere essen tatsächlich die ranzige Seife, und tauschen noch Brot dafür ein. Tipps, wie man hohes Fieber hervorrufen kann, werden wie Kochrezepte ausgetauscht. Mit dem Essen zu spielen, ist allgemeiner Brauch. Ein Teil des Mittagskascha wird aufgehoben, um abends das Gefühl zu haben, satt zu sein. Manche sparen ihn auch über einen längeren Zeitraum auf, egal, dass er sauer wird. Aus Bierhefe, die die Kranken hier bekommen, und Brot wird ein gärendes Getränk erzeugt, das die Illusion von Alkohol weckt!

Mein Pritschennachbar und ich machen da nicht mit. Er erzählt mir seit gestern aus Falladas „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst". Ich revanchiere mich mit der „Feuerzangenbowle" von Spoerl. Um unser Glück vollständig zu machen, werden am Abend Rot-Kreuz-Karten ausgegeben. Wer hat gesagt: „Glück ist die Abwesenheit des Schmerzes?"

17. Februar 1947. Wir sind im Bunkerlazarett Kiew abgeliefert worden. Ich stehe unter der Brause, und halte die gelbe Lederbrieftasche mit Fotos und den wenigen Rot-Kreuz-Karten mit einer Hand aus dem Wasser. Alles andere verlor ich in Bsow und Borispol.

Ich liege in einem kleinen Erdbunker. Vier Stufen führen von draußen herunter. Zwei kleine Fenster rechts und links der Holztüre sind so hoch angebracht, dass ich nicht hinaussehe. Die Stockbetten sind aus ungehobelten Brettern und Pfosten zusammengefügt. Ich liege unten; das Bett ober mir ist leer. Man hat mich gewogen: 51 Kilo - Dystrophiker - Unterernährter, und ich liege auch in einer Dystrophikerbaracke. Es sind noch fünf andere Kranke hier drinnen, alle schlafen. Die schräge Bunkerwand ist weiß getüncht. Ich habe ein sauberes, kragenloses Hemd und eine lange Unterhose mit Bändchen an. Alles in mir fühlt sich wohlig, ich schlafe ein ...

Zur Zählung muss ich nicht draußen antreten; wir werden im Bunker gezählt. Einzig das Essen! Die Dystrophikerkost, die mir der russische Arzt verordnet hat, ist schmackhaft, aber wenig! Sie wird in fünf Mahlzeiten gereicht, aber die Portionen sind schrecklich klein, das Hungergefühl werde ich nicht los. Da hilft nur wieder schlafen, schlafen, schlafen. Eines Tages sagt der deutsche Arzt, das gehe nicht so weiter mit der ewigen Schlaferei, ich müsse an die frische Luft! Draußen sei schöner Frühling! Ich bin schrecklich wackelig. Kaum, dass ich mich auf die Bank neben dem Türpfosten schleppe.

Das Bunkerlazarett liegt am Hang eines Bachtales, dessen Wässerchen zum Dnjepr fließt. Der Strom und die Ebene dahinter dehnen sich rechts von mir, einen Ausschnitt gibt der Talausgang frei. Wie gut geht es mir! Die Vögel werden frühlingswach und singen, was die Kehle hergibt, die Birken umfliegt ein grüner Schimmer...

Die Bibliothek des Bunkerlazaretts besteht aus handgebundenen Heften, auf deren Seiten aus Zementpapier Zeitungsartikel aus der „Neuen Zeit" geklebt worden sind. Sonst gibt es keine Bücher. Arno Fehringer, der Antifa-Mann, bemüht sich seit geraumer Zeit um Lektüre, bisher ohne Erfolg. Er ist ein netter Kerl, Offsetdrucker von Beruf, und kehrt weder den Antifaschisten noch den Kommunisten heraus; er sei Sozialist. Sechs Jahre älter als ich. Aus Mitteldeutschland. Viel, viel später höre ich einmal, dass er dem Russen „zu wenig antifaschistisch" gewesen sei und ins Bergwerk gesteckt wurde. Die von ihm redigierte Wandzeitung bringt Artikel, weit entfernt, von dem speichelleckerischen Geschmuse jener „Kascha-Antifaschisten", die ich bisher kennen gelernt habe. Auch im Gespräch kann ich mich mit seinen Ansichten durchaus auseinander setzen. Sein Adlatus dagegen ist aus der untersten Lade und höchstwahrscheinlich der Spitzel, der Arno ins Bergwerk brachte.

Ich schreibe einen Artikel, der auch prompt auf die Wandzeitung kommt. „Quo vadis, Austria!" Nur nicht wieder die lähmende Auffassung aufkommen lassen, Österreich sei nicht lebensfähig. Um nicht wieder von jemandem „angeschlossen" zu werden, müsse sich die wieder erstandene Heimat auf sich selbst besinnen und - ähnlich der Schweiz - ihren eigenen Weg gehen. Nach einer heißen Debatte schreibe ich gegen die Absicht auszuwandern. „Bleibe im Lande...!"

Arno lädt mich ein, im Ärztebunker zu schreiben. Erst verfasse ich kurze Skizzen, dann bald Novellen, und die beiden deutschen Ärzte, die sich der Einquartierung gegenüber anfangs recht reserviert verhielten - konnte ich doch ein Spitzel sein - lesen meine Sachen erst aus Langeweile, dann spornen sie mich an, und steuern selbst Stoff bei, eigene Erlebnisse, von denen sie meinen, ich könnte etwas daraus machen. So schreibe ich eine Geschichte vom Kastell Toblino, eingedenk der Radtour rund um den Gardasee, eine andere vom alternden Casanova, eine gruselige Schlossgeschichte, in der sich ein Himmelbett mit Baldachin in ein Schafott verwandelt, und auch Liebesgeschichten; eine sehr traurige, unerfüllte, in der der Held in ziel- und selbstlose Aufgabe flüchtet.

Was für eine Zeit! Ich vergesse, dass ich in Kriegsgefangenschaft bin. Glückliche Tage, gute Kameraden. Ein als Sanitäter arbeitender sächsischer Musiker schreibt meine Geschichten ins Reine mit hübscher Zierschrift und fertigt recht gute Tuschzeichnungen an. „Und immer müssen Vögel auf den Bildern sein, das belebt sie...!"

Eines Tages darf ich Arno ins Hauptlager „Wojenskij" begleiten. Wojenskij bedeutet „militärisch", und tatsächlich ist das Hauptlager in einigen Kasernenblöcken am Stadtrand von Kiew untergebracht. In diesen dreistöckigen Ziegelbauten, die mich an die Rossauerkaserne in Wien erinnern, möchte ich nicht hausen.

Aber der Fußsteg dahin windet sich durch Wiese und Buschwerk, manchmal sehen wir den grauen Dnjepr unter uns, und wir sind ganz allein! Kein Posten weit und breit - und doch stellt sich ein bängliches Gefühl ein. Nicht frei fühle ich mich, eher, als sei ich auf der Flucht, und jeden Augenblick könne mich einer anrufen und festnehmen. Arno beruhigt mich. Er habe einen Propusk, einen Erlaubnisschein, der für die Strecke zwischen Bunkerlazarett und Hauptlager gelte.

Die hellen Birken mit ihrem zarten Grün! Während des Gehens sage ich Münchhausens Gedicht: „Birke, du Schwankende, Schlanke..." Es ist das einzige Mal in zehn Jahren, dass ich einen Schritt mache ohne einen Posten hinter mir.

Gerade an meinem 28. Geburtstag bekomme ich eine Rot-Kreuz-Karte! Aber was soll ich schreiben, wenn die letzte dürftige Nachricht vom Oktober ist, und jetzt Mitte April?

414/1 K BL ist hier die Anschrift. 414 ist die Lagerverwaltung, 1 ist das Hauptlager, K ist Kiew und BL bedeutet Bunkerlazarett. Nur 25 Worte sind erlaubt. Was kann man damit mitteilen?

Liebe Eltern! Muttertagswünsche! Winter gut überstanden, hoffe auch Ihr. Neue Umgebung. Gut erholt. Letzte Wochen glücklich. Lese österreichische Mitteilungen. Bücher, Geige, Ersparnisse erhalten? Studieren alle? Werner, Kurt daheim?

Beim Sortieren einiger Säcke unzustellbarer Post, die im Bunkerlazarett gelagert worden war, weil - wie Arno sagte - „hier ja doch jeder früher oder später einmal landet", finde ich einige Rot-Kreuz-Karten für mich! Meine Mutter schreibt, Werner habe sich gemeldet und nach mir gefragt; also war er doch noch aus dem Kessel herausgekommen! Und ich erinnere mich an seinen Telefonanruf vom 6. Mai 1945: „Vielleicht sehen wir einander nie wieder".

Mitte Mai 1947 konnten mich die Ärzte nicht mehr länger im Bunkerlazarett halten; die russische Ärztin drängte. Verzweifelt wehre ich mich, ins Lager Bsow zurückgeschickt zu werden. Ein Gerücht sagt zwar, es sei jetzt ein Musterlager, Leutnant Koslow, der Lagerkommandant, sei wegen Veruntreuung abgelöst worden.

Auch als mein Freund Norbert Küster, mit dem ich seit dem Hauptlager Riga immer beisammen war, wenige Tage vor meiner Entlassung ins Bunkerlazarett eingeliefert wird, glaube ich ihm nicht, dass der neue Lagernatschalnik gemeinsam mit seiner Frau, der Ärztin, aus dem Vernichtungslager auf einmal ein Musterlager gemacht haben soll! Lieber lasse ich mich nach Wojenskij, ins Kasernenlager, versetzen. Mit Arnos Hilfe werde ich dorthin abgeschoben.

Wir entladen Beutezüge. „Kameraden! Entladet so, wie wir eingeladen haben!" So steht es mit Kreide auf den Waggons. Eines Sonntags mühen wir uns, auf freier Strecke Röntgenapparate auszuladen. Wir lachen sehr über die Kameraden im Nebenwaggon, die es nicht so gut haben wie wir. Sie haben eine Ladung Schmierseife erwischt. Die Fässer sind ohne Deckel verladen worden, längst ist während der Fahrt die Seife übergeschwappt, und nun rutschen und schwimmen sie fluchend in ihrem Waggon herum. Unsere Art zu entladen, dauert dem Posten zu lange. Er fürchtet um seinen Sonntagabend in Kiew.

„Faschisten! Saboteure! Parasiten! Huren!" flucht er, „ich werd´s euch zeigen!" Schreit´s, springt herauf, reißt dem Nächsten die Brechstange aus der Hand, setzt den Hebel an und schmeißt Kiste auf Kiste auf den Bahndamm hinunter. Wir schauen uns an und lassen uns das nicht zweimal sagen. Hei, wie das rasselt und klingelt, klappert und birst. Im Nu sind wir fertig. „Wot, tak rabota!" - auf einmal geht´s, das ist Arbeit! - Zufrieden grinsend marschiert er mit uns ins Lager.

Ich erinnere mich, dass in Riga einst eine Brigade Klomuscheln, eine ganze Schiffsladung voll, säuberlich in einen Schuppen stapelte, während eine andere Schiffsladung Klaviere und Flügel auf dem Kai, Wind und Wetter ausgesetzt, abgestellt worden war.