11. September 1947. Als hätten wir die Krätze, so werden wir gemieden. Wir 23 halten uns zusammen, wir werden auch nicht auf Brigaden aufgeteilt. Wir treten zur Arbeit an, marschieren hinaus, der Kommandoführer teilt uns irgendeine Beschäftigung zu und läßt uns in Ruhe.

Ein Wojenno-Konvoi, ein WK-Mann, Hilfspolizist, im KZ hießen solche Leute „Kapo" so einer pirscht sich an mich heran - nie vorher habe ich mit ihm zu tun gehabt - und fragt: „Ist es wahr, daß Du verschwiegen hast, daß Du bei der SS warst?" - „Ich war nicht bei der SS, habe auch keinen Vogel!"

Bei den Untersuchungen auf Arbeitsfähigkeit mußten wir den Arm hochheben. „Vogel iißt?" Es wurde die bei der SS eintätowierte Blutgruppe gesucht. Schlimm, wenn einer eine Narbe nach einem Schweißdrüsenabszeß hatte: er wurde noch hinterher der SS zugereiht.

Der WK-Mann redet mir zu, doch diesen Irrtum zu klären, sodaß ich tatsächlich am Abend zum Blauen gehe. Es ist das zweite Mal, daß ich mich selbst zur Vernehmung einlade, und das letzte Mal, daß ich zum „Fürst" zur „Beichte", eben zum blaubemützten NKWD-Offizier freiwillig gehe.

Wieder die 46 Fragen, dann kommt er zur Sache. Es geht um die drei Monate, die wir südlich Leningrad Partisanen bekämpft hatten, und um Werner Hortung, unseren Dolmetscher aus Posen. Ich kann aber nichts anderes sagen, als daß Werner noch vor der Kapitulation weggekommen ist. Das ist den NKWDisten zu wenig. „Du adin zäh, du adin zäh!" Immer wieder dasselbe. Ich verstehe das nicht. „Du warst auf Ball, mit Zivilisten!" Das ist nun gar absurd. Wo werde ich in Rußland auf einem Ball gewesen sein, nach dazu mit russischen Zivilisten? „Du ljugen! Faschist! Dawai! Saftra budet strafnaja brigada! Na kameni!" - Jetzt hab ich´s. Morgen im Strafzug. Steine klopfen.

Vom 12. September 1947 bis zum 27. März 1948 schufte ich auf den „Steinen". Wer eine Unterhose an Zivilisten verscherbelte auf der Baustelle, blieb zwei bis vier Wochen im Strafzug. Ich ein halbes Jahr. Über den Winter.

Abends kommt Hans zu mir und schnorrt mich um Tabak an. Er bekennt, daß er beim Blauen gewesen und über meine Tätigkeit beim Sicherungsregimentstab 130 befragt worden sei. Er habe gesagt, ich sei „Zugleutnant" gewesen. Das stimmt nun gerade nicht, da ich Ordonnanzoffizier war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich längst angegeben, daß ich kriegsgefangene Partisanen vernommen hatte, um Stärke, Bewaffnung und Angriffsziele zu erfahren. Verschweigen wäre zwecklos gewesen, da bei der ersten Vernehmung im Lager Windau noch der ganze Stab samt Männern und Unteroffizieren beisammen war. Nun weiß ich, warum ich nicht „der Repatriierung unterlag".

Wenige Tage später kommt Norbert Küster aus dem Bunkerlazarett nach Raswilka - und landet prompt im Strafzug! Er war Ic - Abwehroffizier - bei einer Sicherungsdivision. Mir fällt wie Schuppen von den Augen: „Du adin zäh!" Du warst Ic! Aber diese Abteilung gab es nur von der Division aufwärts; für mich ändert das nichts: Ich hatte Partisanen vernommen und damit Abwehrtätigkeit ausgeübt.

Der Strafzug verläßt als erstes Arbeitskommando das Lager und kehrt als letztes zurück. Meist stehen schon die aus dem Steinbruch kommenden Pullmanwagen, 60-Tonner, auf dem Industriegeleis, wenn wir heranstolpern, Wir öffnen die Schmalseiten der Bordwand, legen Laufplanken und schleppen die Brocken, so groß, daß sie ein Mann unter Aufbietung aller Kräfte tragen kann, neben das Gleis. Andere stapeln sie zuhauf. Wenn wir uns durch den Waggon gearbeitet haben, marschiert die Reihe bei einer Tür hinein und beladen bei der anderen hinaus. Sobald die vier, sechs oder noch mehr Wagen entladen sind, ohne Pause, wegen der Stehzeit, sitzen wir um die hüfthohen Stapel herum und schlagen mit dem Fäustel Schotter, der durch eine Lehre, 6 x 6 Zentimeter, gehen muß. Die Geschickteren unter uns, die einen Blick für die Schichtung haben, zertrümmern die Blöcke mit einem Kowalda, einem Vorschlaghammer. Die Körnung wird vom Prorab, Abkürzung für Prorabotnik, Vorarbeiter, einem Ukrainer, überprüft. Der Stein ist schöner, grüner, glasiger Granit. Einmal schlage ich eine Druse violetter Amethyste

auf. Ich zeige sie herum, da pfeift auch schon der Posten, der Vorarbeiter kommt gelaufen, gerade, daß ich ein kleines Stück für mich retten kann. Pawel, selbst „Strafnoi" - Bestrafter, weil er mit den Deutschen zusammengearbeitet hat, drangsaliert uns nicht. Von einer Norm von einem Kubikmeter Schotter wie in Bsow ist hier nicht die Rede, zumindest besteht er nicht darauf. Und daß oft genug der Steinzug kurz vor Ende unserer Schicht angedampft kommt, und wir lange Überstunden machen müssen, dafür kann er nicht. Doch wenn es zu lange dauert, und es dunkel wird, lassen die Konvois den Zug stehen, und treiben uns nach Hause.

Im Lager sind wir Strafniki, Ausgestoßene, mit denen keiner was zu tun haben will. Von der Knochenarbeit, Wind und Wetter ausgesetzt, dem „strengen Regime" durch die Konvois abgesehen, ist die psychische Belastung durch die Ablehnung schwer zu tragen.

Eines Morgens steht kein Stein- sondern ein Kapustazug auf unserem Geleis! Helle Aufregung! Besonders die ungarischen und rumänischen Gefangenen, die auf dem weiten Gelände arbeiten, entwickeln emsige Tätigkeit. Neben den Schienen stehen alte Holzlagerschuppen. Sie werden aufgesperrt. In ihre leeren Boxen tragen wir die Krautköpfe hinein. Die Ungarn und Rumänen bauen ganze Krautmieten aus den Felsbrocken, natürlich auch welche von uns. Ich denke an die Textilfabrik; als Offiziere Kraut stehlen - lieber nicht. Wer weiß, wozu der Blaue ein solches Delikt aufbauschte. Pawel merkt wohl, was vorgeht. Plötzlich holt er mich von der Laufplanke herunter und sagt. „Du stiehlst kein Kraut? Setz Dich her und iß, soviel Du kannst!" Und er lacht.

Nun ist November. Es ist schon kalt, wenn wir noch im Stockdunkeln aus dem Lager marschieren. Immer noch arbeiten Norbert und ich auf den „Steinen". Zum Strafzug kommt die Feldküche zuletzt; die Suppe ist meist kalt, und Kascha gibt es oft gar keinen mehr. Die Küchenbullen wissen, wie man dem Blauen gefällig ist. Vom Strafzug beschwert sich keiner! Da es keinen Aufenthaltsraum gibt, sind wir froh, wenn der Posten „na rabotu!" ruft.

Am 9. November gibt es zur Feier der Oktoberrevolution eine Rot-Kreuz-Karte. Leute vom Erholugskommando haben eine Losung darauf gemalt.

WERKTÄTIGE ALLER LÄNDER! ENTLARVT DIE NEUEN KRIEGSVERBRECHER! STEHT AUF DER WACHT FÜR DIE SACHE DES WELTFRIEDENS.

Die Kranken haben sich damit einen Nachschlag verdient. Da wir ohnehin nur 25 Worte schreiben dürfen, bleibt noch genug Platz. Ein Heimkehrer hat mir seinen fingerlangen Federstil dagelassen. Die blaue Tinte gibt mir Fritz, der Sani aus dem Krankenrevier.

"Liebe Eltern! Georgs und Oktoberkarte erhalten. Dank. Freude über Heimkehrerempfang. Weihnachtswünsche. Gesund. Gedenke Schorsch´s Plan. Hoffnungsvoll. Sonst keine Veränderung. Tante Frieda? Hedl? Denke an Euch. Johann".

Irgendwann im Krieg hatten wir uns ausgemacht, die Unterschrift „Johann" würde eine bedrohliche Lage bedeuten, oder der Inhalt sage das Gegenteil aus. Nun war ich schon zwei Monate im Strafzug, und in der Mühle des Blauen. Der große Österreicher-Heimkehrertransport war ohne mich abgefahren, die Hoffnung zerschlagen. Wieviele Landsleute mochten überhaupt noch in der Sowjetunion sein? Würden wir in der Masse der Deutschen, Ungarn, Rumänen nicht untergehen? All das hätte mich allein schon niedergedrückt genug. Eines Tages, wieder war ich nach dem „Ball" gefragt worden war, war mir klar geworden, daß es dem NKWDisten in der Hauptsache um die Leute ging, die mit uns gearbeitet hatten! So war gewiß Katja, unsere Aufräumerin in Oredesch, über mich und Werner einvernommen worden, wir hatten ja zusammen im Haus des zu den Partisanen gegangenen Ortskommissar gewohnt. Wahrscheinlich hatte sie schon damals Verbindung zu Widerstandskämpfern gehabt und über uns erzählt, was zu erzählen war. Und zum orthodoxen Weihnachtsfest - oder war es Neujahr? - waren wir beide mit ihr in ein großes Panjehaus gegangen, hatten mitgefeiert und uns ein gezeigtes Photoalbum mit Menschen und Ortsbildern angeschaut. Junge Leute hatten auch getanzt! Die Mädchen waren beim deutschen Wirtschaftskommando angestellt gewesen, und die Burschen? Waren vielleicht hereingekommene Partisanen, Banditen, wie sie in unserem Sprachgebrauch genannt wurden! Unsere Aufräumerin hatte mich aber wohl nicht belastet, sonst wäre mir schon früher der Prozeß gemacht worden. Hatte doch in Bsow, in Wojenskij und auch hier in Raswilka die Wandzeitung Anschläge gebracht:

Der Gefreite, der Unteroffizier, der Leutnant Sowieso wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, begangen während der Kampfeinsätze gegen Sowjetpartisanen, zum Tode durch Erschießen verurteilt; das Urteil wurde vollstreckt ...

Mehr als einmal hatte ich solche Urteile gelesen. Auf mich bezogen hatte ich sie nicht. Unser Regimentskommandeur wendete die Taktik des Nichtzurruhekommens an, jagte die Partisanen, sodaß sie immer wieder nach kurzer Zeit ihr Lager wechseln mußten und an der Ausführung ihrer Bahn- und Brückensprengungen gehindert wurden. So konnten wir auch nie große Erfolge melden, hatten aber auch wenig Verluste, und erreichten lange Zeit im großen und ganzen unsere Sicherungsaufgaben zur Zufriedenheit.

Da die NKWD Volksdeutsche aus dem Ostraum als Kollaborateure betrachtete und Jagd auf sie machte, wollte der Blaue unbedingt Werners habhaft werden, und er glaubte mir nicht, daß ich nicht wisse, wo er hingekommen sei. "Sie ljugen! ... "