Jänner 1948

Ein neues Jahr. Arbeitsfrei. Ich habe die „Menju raskladka", den Speiseplan, abgeliefert und krieche noch einmal auf die Pritsche, weil wir heute nicht ausrücken. Bis zur Zählung kann ich noch zwei Stunden schlafen. Aber die Gedanken halten mich wach. Was wird dieses Jahr bringen? Wie lange noch im Strafzug? Nur Norbert und ich sind immer noch darin, längst sind die, die im September hineingesteckt wurden, wieder bei normalen Arbeitsbrigaden. Wage ich an die Heimkehr zu denken?

Nachmittags treten wir an. Im Kino der Seidenfabrik sollen wir einen Film sehen. Bei der vorhergehenden Zählung hält der Antifaschist eine Ansprache. Durch unsere Arbeitsleistung bestimmen wir den Zeitpunkt unserer Heimkehr, behauptet er. Unsere Rabotiererei diene dem Frieden, sei ein Beitrag zur Wiedergutmachung der Schäden, die wir angerichtet haben, als wir die Sowjetunion, diesen Hort des Friedens und der Völkerfreundschaft, überfielen. Wenn wir hier gelernt haben, was wahre Demokratie des Volkes bedeutet, werden wir in die Völkergemeinschaft des Sozialistischen Lagers entlassen. Wer aber in den kapitalistischen Westen zurückkehrt, sei zu bedauern ... Alles schon wiederholt gehört.

Am Tor treten wir in Fünferreihen an, Reihe nach Reihe marschiert gezählt hindurch. Als meine Reihe dran kommt, befiehlt der taghabende Deshurnij-Offizier: „Stoj! Tüj njelsa!" - Halt, Du nicht, Dir nicht erlaubt. Ich darf nicht aus dem Lager, ich bin ein Saprietnik, ein Gesperrter, ein Zonenhäftling! Wie sehr muß ich der Lagerverwaltung „empfohlen" worden sein, daß mich sogar der Taghabende aus der Masse erkennt!

Recht deprimiert kehre ich in den Bunker zurück. Bin ich so gefährlich, oder fluchtverdächtig, oder aggressiv? Norbert hat erst gar keinen solchen Versuch unternommen. Er sagt, ich solle mich beruhigen, das gehöre doch zur „psychologischen Kriegsführung". Weich sollen wir geklopft werden, nicht nur durch Schläge, innerlich sollen wir gebrochen werden. Der Russe schießt mit Kanonen auf Spatzen.

„Du hast eben nicht so gespurt, wie der Blaue es wünschte". Vielleicht hat auch er eine „Norm", muß Erfolgsmeldungen abgeben. Warum sollte er kein „Prozentebrot" in Form von Prämien bekommen? Und wenn du hundertmal keine Vertrauensleute (V-Leute) und Kollaborateure nennen kannst - „wie der Schelm ist, so denkt er".

Zu meiner eigenen Verwunderung keimt in mir der Wille, mich nicht klein kriegen zu lassen, mag kommen, was wolle. Auch erkenne ich: wenn ich zu plaudern begänne, irgendetwas „gestehte", und wenn es auch nur Larifari wäre, um endlich Ruhe zu haben, es gäbe keine Ruhe. Der Blaue würde immer weiter bohren, immer mehr Druck ausüben, es würde nicht bei Schlägen bleiben, bei Strafzug und Zonensperre. Immer weiter würde es heißen: „Sie ljugen!".

Längst weiß ich, wie gefährlich es ist, irgendeinen Kontakt zum Russen zu haben. Wer aus der Masse gehoben ist, vom WK-Mann angefangen bis zur Schicht der Oberplennies, wer zu den Nachschlagempfängern gehört, läuft Gefahr, für das bißchen besseres Plennydasein früher oder später bezahlen zu müssen.

Das beginnt ganz harmlos mit „Stimmungsberichten" über die Brigade oder ganz allgemein über das Lagerleben. „Wir wollen nur wissen, wie es Ihnen geht, welche Wünsche Sie haben, was zu verbessern wäre!" Weh dem, der sich da willfährig zeigt. Der nächste „Auftrag" - porutschenie - eine Frage, die bei Vernehmungen immer wiederkehrt, bezieht sich schon auf die Arbeitswilligkeit der Brigade im allgemeinen, später auf die einzelnen Mitglieder. Wer hält die Kameraden von der Arbeit ab, wer sabotiert die Leistung, macht Werkzeug unbrauchbar usw. Beteuerungen, nichts von all dem bemerkt zu haben, nichts zu wissen, nichts davon ereigne sich, löst nur die drohende Beschuldigung aus, man lüge, verschweige, mache mit. „Wir wissen alles!" Und dann setzt es Prügel. Schon ist man in der Tinte, wenn man nicht von Anfang an hart bleibt. Die Schwelle, bis zu der man Drohungen, Postentzug, Versetzung in schlechte Brigaden - SS-Brigaden zum Beispiel! - Strafzug oder Straflager aushält, diese Schwelle liegt beim Einzelnen sehr verschieden hoch oder tief, wie man es beurteilen will.

Noch etwas merke ich erstaunt. Bisher steckte ich mitten in der Mühle, bangte ängstlich, besorgt um die Chance, heimkehren zu können. Nun lege ich einen Zwischenraum, einen Abstand.

Wie Münchhausen sich am Schopf aus dem Morast, so ziehe ich mich aus der Mühle heraus. Schweigen, nicht auffallen, keinen Angriffspunkt bieten. Und als Quelle der Hilfe für diese Haltung, meine Lage zu bewältigen, entdecke ich - den Trotz! Ihr Hunde bringt mich nicht um! Auf einmal tritt das Bild meines Vaters in solche Gedanken. Beschäftigt er sich mit mir? Denkt er so angespannt an mich? Die Frage, wie würde sich mein Vater jetzt und hier verhalten, steht auf einmal vor mir und erleichtert die Entscheidung: „Dennoch!" Mein Vater. Er, der am Isonzo beide Beine verloren hatte, ging er mit seinen Prothesen nicht aufrechter als manch anderer?

Ziegler hat sich heute Nacht in der Latrine erhängt! Er war ein sympathischer Bursch. Auch Zonenhäftling, auch „in der Ziehung". Wir sind erschüttert. Nun, da er tot ist, überdenkt mancher seine Ablehnung, seine Reserve, und bereut, vermutet zu haben, er „werde schon etwas auf dem Kerbholz haben", wenn ihn der Blaue so traktiert. Wir erörtern ohne Rücksicht, ob vielleicht ein linker „Schächer" zuhört. Der Arzt, der Katholik, sagt, er ruhe in Frieden. Jahn, der Schlaraffe, zitiert: „Wenn etwas stärker als das Schicksal, das dich schlägt, so ist´s der Mut, der´s unerschüttert trägt!"

Ein gutes Wort. Ich schreibe es auf, um es mir einzuprägen. Jürgen meldet sich aus seiner Koje: „Zieglers Frau hat ihm geschrieben, er brauche nicht mehr nach Hause kommen ..." Woher weiß er das? Hat er Zugang zu unserer Post?

Wir merken, daß auch die russische Lagerführung aus dem Alltagstrott geraten ist. Gewiß, da gibt´s Berichte, die man schreiben, peinliche Rückfragen vorgesetzter Stellen, die man beantworten muß. Das Beispiel könnte Schule machen. Auf einmal dürfen wir Briefe schreiben! Aber woher Schreibzeug nehmen? Für die meisten beginnt eine Rennerei, ein Suchen. Da ich noch immer die „Menju raskladka2 schreibe, werde ich im Nu auch von jenen umworben, die sonst Abstand halten. Norbert meint wohl richtig, die Briefe brauche der Blaue, um die Lagerstimmung zu erkunden. Später merke ich, daß mein Brief nicht angekommen ist.

Irgend etwas ist im Gange. Zu Ostern wird der bisherige russische Lagerkommandant abgelöst, gleichzeitig der Strafzug aufgelöst! Eine Hochstimmung überflutet das Lager. Latrinenparolen schwirren von Bunker zu Bunker. Am Sonntag gibt es wieder Kino in der Seidenfabrik. Norbert und ich treten am Tor an. Prompt heißt es: „Saprietniki ! Njelsa!"

Nun weiß ich es endgültig. Ich bin ein „Gesperrter", einer der das Lager nicht verlassen darf, weil er stets zur Verfügung des Blauen sein muß. Aber nichts Schlechtes ohne etwas Gutes dabei. Ab Montag teilt man mich der Banjamannschaft zu. Im Badebetrieb und Wäscherei arbeite ich sieben Monate. Hier sind lauter Gesperrte. Wenn ich während der Nachtschicht an der "Waschmaschine" stehe, habe ich Zeit zum Nachdenken.

Die Waschmaschine besteht aus einem Kasten, rechteckig, innen mit Blech ausgeschlagen, darin hängt, drehbar an zwei Stahlzapfen, ein halbkreisförmiger Korb aus Latten. Er kann mittels zweier senkrecht aufragender Holme hin und her bewegt werden. In die Lauge des Kastens wird die Wäsche, zwanzig Hemden oder ebensoviele Unterhosen gelegt, der Korb daraufgesetzt, und je nach dem Grad der Verschmutzung - eine Brigade arbeitet am Teerkocher - x-mal nach Anweisung des Banjachefs hin und her gezogen. Es wird genau gezählt. Die derart vorgewaschene Wäsche wird anschließend auf großen Tischen mit der Hand gebürstet. Das Schwemmen beendet die Nachtschicht. Die Tagschicht hängt die Wäsche auf, weicht ein und bedient die Arbeitsbrigaden. Tagsüber heißt es Wäsche abnehmen, falten, abgezählt dem Banjachef übergeben, der sie wegsperrt , damit keiner auf die Idee kommt, sie über ein Außenkommando zu verhökern.

Mir kommt in den Sinn, daß immer dann, wenn ich dachte, es ginge nicht mehr, ein Wandel in meiner Lage eintrat. In Bsow war es das Waldkommando, naturnah, sommerfroh und von den Posten unbelästigt. Später erholte ich mich im Bunkerlazarett, schrieb Märchen und Geschichten. Und jetzt, nach dem Strafzug geht es mir auch wieder gut! Wenigstens in materieller Hinsicht. Lenkt mich also doch eine Hand, die mich hält? Die Zonensperre und die Schichtarbeit isoliert mich noch mehr von den anderen Offizieren, auch von denen, mit denen ich trotz allem guten Kontakt hatte. Ich vermeide von mir aus, den Eindruck der Anbiederung zu erwecken. Wer vom Blauen unter Druck gesetzt wird, muß mit der Zurückhaltung der Kameraden, die ungeschoren bleiben, rechnen.