Katja

„Glaubst Du, daß ich jemals wieder einen Ständer bekomme?" Alle sind sofort hellwach, als einer Dr. Raspe die Frage aller Fragen stellt. Es ist wahr, seit Jahren rührt sich nichts, nicht einmal in der Früh. Hans beruhigt. Wenn wir erst wieder kräftige, vielseitige Kost haben werden, und wieder Frauen da sind, die sich umwerben lassen, sind sicher unsere gegenwärtigen Sorgen bald vergessen. Überhaupt ist Hans der Mittelpunkt unseres Feierabends. Er ist ein witziger, sprühender Erzähler, seine Geschichten stammen meist aus dem ärztlichen Alltag, etwa, wenn er einmal bei einem dunklen Vorhaben seine Brille als Objektträger verwendet hat. Nach wie vor ist er überzeugt, und er hat recht, daß das Schweinigeln den Blauen nicht interessiert.

„Wie kommt´s, daß Du ein solch guter Unterhalter bist?" „Schau mich an! Ein Blick in den Spiegel hat mir gesagt, daß wenig an mir ist, was Frauen anziehen kann: Kleiner Wuchs, rote Haare, Sommersprossen, Stupsnase, blinzelnde Augen, da kurzsichtig. Ich schau aus wie Sokrates. Also mußte ich andere Fähigkeiten entwickeln, interessant plaudern, charmant werden, mehr als die anderen mußte ich auf mein Äußeres achten. Ich wurde ein guter Tänzer..."

Anfang März werde ich zur 57. Vernehmung geholt. Wieder die 46 Fragen. Der Blaue ist uninteressiert; Prämie ist keine mehr zu holen. Viele müssen zum MWDisten. Die Nichtverurteilten sollen heimfahren, und etliche Begnadigte auch, will ein Gerücht wissen. Es gibt Leute unter uns, die meinen, wir sollten ein Begnadigungsgesuch schreiben. Lebhafte Debatten entbrennen. Wenn wir uns unschuldig wissen, und das immer wieder beteuert haben, wie sollen wir dann um Begnadigung bitten? Und wenn unsere kollektive Verurteilung ein politischer Schachzug war, und wir nun um Begnadigung bitten, bestätigen wir die Stalin´sche Justiz. Einige setzen Gesuche auf; da sie es aber geheim halten, erfahren wir nicht, ob sie Erfolg hatten.

Katja, das Mädchen an unserer Stellage, ist eine freundliche, derbe Schönheit von vielleicht achtzehn Jahren. Seit wir Plennies auf der Baustelle sind, hat sie statt der Schlägermütze ein buntes Kopftuch um das flachsblonde Haar gewunden. Auf dem Overall steckt das Komsomolzenabzeichen das sie als Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes ausweist. Eines Tages, während sie hinter dem Schweißschirm über ein Werkstück gebeugt ist, hängt ein Kettchen mit einem Kreuz aus dem Kragen. Katja scheut sich nicht, mit uns zu plaudern; ihre Anwesenheit hat unsere Umgangsformen gezähmt. „Was ist das? Du hast ein Kreuz?"

„Schau her: Das," dabei zeigt sie auf das Abzeichen, "ist für´s Brot; das aber, das Kreuz ist fürs Herz!".