Korea

Ende Juni verbreitet sich ein ungeheuerliches Gerücht mit Windeseile von Brigade zu Brigade, so aufregend, daß wir zu arbeiten aufhören und nur debattieren. Einer der russischen Lastwagenfahrer hat es gebracht. Es gebe Krieg! Nordkorea habe begonnen, Südkorea zu erobern.

Die Abendnachrichten bestätigen es. Ein Aggressionsakt Südkoreas habe den Gegenschlag Nordkoreas ausgelöst. Panzerverbände seien auf dem Marsch nach Seoul. Die UdSSR werde sich nicht einmischen. Der Sicherheitsrat solle die südkoreanische Aggression stoppen und die US-Truppen zurückziehen.

Manche meinen, das sei der Beginn des III Weltkrieges. Besonnenere halten den Einmarsch für ein Abtasten, für einen Testfall. Die UdSSR wolle erkunden, wie weit sie gehen könne. Am Brigadetisch sind wir uns einig: Eine Provokation! Auf etwaige Spitzel rundum nimmt niemand Rücksicht. Wer mit dieser Tour noch immer nicht die Heimkehr geschafft hat, resigniert womöglich noch tiefer als wir. Doch fühlen wir uns wie auf verlorenem Posten. Wer vergessen haben sollte, daß wir noch immer in Feindesland stehen, nun begreift er es.

Vor einem der Arbeiterwohnblöcke an unserem Weg zur Baustelle wird eine große Tafel aufgestellt, mit einer Landkarte Koreas. Quer durch den 38. Breitengrad, über den rote Pfeile die Stoßrichtung der kommunistischen Panzerverbände nach Süden anzeigen. Sie zielen auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul. Rote Fähnchen markieren die erreichten Stellungen.

Über der Tafel steht aufgemalt in leuchtenden roten Lettern:

Ruki protsch ot Korei!
Hände weg von Korea!

Wie verlogen! Die Russen karikieren ihre Propaganda selbst mit einem Spruch über ihre Parteizeitung "Prawda" - was  "Wahrheit" heißt: F Prawde ni adnowo slowa prawdij! (In der Prawda-Wahrheit - kein einziges Wort Wahrheit!).
Ein Lkw-Fahrer, dessen Wagen wir abladen, trumpft auf. Jetzt gehe es los! Aber zu unserem Erstaunen meint er, nur durch einen neuen Krieg, und ohne die Unterstützung der Amerikaner, mit der Stalin den letzten gewonnen habe, könne mit den bolschewistischen Unterdrückern abgerechnet werden. Dann würde Deutschland wieder vereint - und wir kämen nach Hause!

Wir äußern uns nicht. Ein agent provocateur? Wenige Tage später prangt eine größere rote Fahne auf Seoul, und alle Wandzeitungen jubeln. Keine Rede davon, daß die Sowjetunion der Hort des Friedens und Völkerfreundschaft ist! Nur Haßtiraden auf den einstigen Verbündeten, der nun seinerseits Landräuber und Kriegsbrandstifter beschimpft wird.
Der Vormarsch geht weiter, immer tiefer schieben sich die roten Pfeile und Fähnchen. Immer kleiner wird das von den Südkoreanern gehaltene Gebiet - und sie werden doch von US-Truppen unterstützt?
Im Juli triumphieren die Sondermeldungen aus unserem Barackenlautsprecher. Unaufhaltsamer Vormarsch! Nur zögernd stellen die Vereinten Nationen Kontingente.

Die Bevölkerung aber, zumindest die Russen, mit denen wir bei der Arbeit zu tun haben, nehmen offenbar wenig Anteil an dem erfolgreichen kriegerischen Geschehen. Sie scheinen auch andere Sorgen zu haben, wenn man ihren Klagen glauben darf. Der Lohn wurde ihnen nicht ausbezahlt! Es sei kein Geld von Moskau gekommen, sei ihnen gesagt worden. Wir schütteln den Kopf; wir haben uns bei der Arbeitseinsatzleitung angestellt und bekamen im Beisein des Brigadiers laut Liste 100 bis 150 Rubel ausbezahlt!

Die Partisanka in der Lagerkantine macht ein ganz gutes Geschäft. Groß ist ihr Sortiment nicht. Wie draußen in den Uniwermags, den Universalmagazinen, muß man auch bei ihr das kaufen, was gerade da ist. Nun, mein Lohn reicht für Margarine, Bulotschkis aus Weißbrot, ein paar Zuckerln; und für Schulhefte und Bleistifte zum Lernen.
Denn wir lernen, Englisch vor allem, auch Russisch, doch machen wir wenig Aufhebens davon, denn der Blaue ist gleich bereit, zu fragen, ob man vielleicht stiften gehen will?

Die Fähnchen auf der Koreakarte wandern immer weiter nach Süden. Nun wird ein Großangriff auf Taegu gestartet. Man kann nur noch von einem Brückenkopf der UN-Truppen sprechen. Das ist der Westen, der uns niedergerungen hat? Stimmt die Phrase vom faulenden Kapitalismus? Wir sind gedrückt, als sei das unser Krieg.