Kriegsverbrecher

Es ist wahr, mehr als sonst in den letzten Tagen sucht jeder den Kameraden, die Nähe des Leidensgefährten. Keiner fühlt sich als Kriegsverbrecher, keiner glaubt an die fünfundzwanzig Jahre. Wenn wir sie durchstehen müßten? Ein Vierteljahrhundert im Zwangsarbeitslager? Bis Dezember 1974? Dann bin ich fünfundfünfzig. Sollte ich dann noch leben und „repatriiert" werden, brauchte ich mir keine Berufssorgen machen.

Ich hocke bei Hans Raspe, besuche Oberst Kastor, dem ich während der U-Haft nähergekommen bin, und als ich mich wieder auf meine obere Pritsche verziehe, beginnt mein Nachbar von norddeutschen Weihnachten zu erzählen, und ein anderer wie es in der Pfalz war.

Schließlich beginnt einer unter uns, in der Dämmerung kaum sichtbar, sein Weihnachtserlebnis 1944 zu schildern:

***

Die Stadt war zerbombt. Ich konnte erst am nächsten Tag weiterfahren. Auch wenn ich schon einmal hier gewesen wäre, hätte ich mich in der schwer getroffenen Stadt nur mühsam zurechtgefunden. In der Wehrmachtsunterkunft wurde mir ein Schlafplatz angewiesen. Der Film im Soldatenkino hatte schon angefangen. „Cora Terry" mit Marika Rökk in einer Doppelrolle.

Im Soldatenheim versuchten die Rot-Kreuz-Schwestern einen Hauch Heiligen Abend hervorzuzaubern. Zwischen den verdunkelten Fenstern stand eine Fichte mit Kerzen und Äpfeln. Mit der Serviererin kam ich ins Gespräch, später, als sich das Heim leerte, setzte sie sich zu mir. Sie war gut zwanzig Jahre älter als ich. Viel haben wir nicht gesprochen. Ihr Sohn war gefallen. Einen Mann erwähnte sie nicht. Sie war schlank, das schwarze Kleid paßte zu ihrem Typ. Als ich in die Unterkunft zurückkehren wollte, fragte sie mich, wann ich weiterführe, und lud mich ein zu sich. Sie bekäme als Rot-Kreuz-Helferin echten Bohnenkaffee, und Kuchen habe sie auch gebacken. Es wäre ihr lieb, müßte sie am Heiligen Abend nicht allein sein. Sie werde bald abgelöst, und weit sei es auch nicht.

Im stockdunklen Treppenhaus nahm sie mich bei der Hand. An der Tür hieß sie mich warten, sie müsse erst verdunkeln. Sie deckte den Tisch, stellte einen winzigen Christbaum, wie man ihn für´s nächste Jahr aufheben kann, auf den Tisch und brachte zwei innen vergoldete Tassen herbei. „Wenn mein Sohn auf Urlaub kam, haben wir daraus getrunken". Aus dem Volksempfänger erklang ein Knabenchor. Über ihre Wangen liefen Tränen. Ich dachte an zu Hause, mir wurde weh und weich ums Herz. Als sei es selbstverständlich, rückte ich meinen Sessel neben ihren und ergriff ihre Hand. Nach einer Weile legte sie ihre auf meine, und streichelte sie. Ich spürte den Knopf ihres Strumpfbandgürtels. Die Wärme des Oberschenkels machte mich beben. Immer noch streichelte sie meine Finger.

Ich wollte gehen, weil mich die Stunde bedrückte, und wollte bleiben, um sie nicht allein zu lassen. Mir fiel die Wehrmachtsunterkunft ein. „Ich muß gehen", sagte ich, und stand auf. Sie stand schneller auf, als ich es erwartete, und umschlang meine Schultern.

„Du mußt gehen, und bist morgen wieder draußen, und ich gehe morgen wieder durch diese Trümmer! Oh dieser gottverdammte Krieg! Wir gehen alle am Leben vorbei! Ich bin alt, vierundvierzig, aber Du bist jung und hast noch nicht gelebt. Was hast Du von all dem da!", dabei spielte sie mit Eisernen Kreuz und dem Verwundetenabzeichen. „Was für eine elende Zeit!" Ich wollte ihr widersprechen. Sie verschloß mir den Mund, ehe ich ein Wort gesagt hatte. „Bleib! Lebe! Gib mir von Deinem Leben!" Sie drängte sich an mich, und das Kleid war dünn. „Ich weiß, ich bin nicht mehr jung; aber wir können die Kerzen löschen, und meine Wärme fühlst Du auch im Dunkeln, bleib!".

Sie begann meine Uniformbluse aufzuknöpfen, und das Hemd, sie wand sich in meinen Armen, die sich schon begehrlich um sie geschlungen hatten. Es war, als öffnete sich der Zippverschluß von selbst unter meinen zitternden Fingern. Ich hörte noch, wie meine Stiefeln zu Boden polterten, dann wurde mein Schatten groß an der Wand hinter ihrem Bett. Und dann preßte ich meine Augen zusammen, und stürzte mich in das Gesicht, schmeckte salzige Wangen und roch warme Haut, raufte gelöstes Haar und tauchte in die Feuchte der Frau. Sie nahm mich wie ein Stück Brot. Wie sie mich umklammerte und sich öffnete, erwachte meine Gier. Ich wünschte, für immer unterzugehen und nie mehr aufzutauchen. Je heftiger ich mich in die roten Wogen warf, umso grimmiger schlug mir ihre Brandung entgegen, daß ich nichts mehr wußte von mir, und was um mich her vorging. Bevor meine Besinnung verströmte, bäumte sie sich auf und jauchzte: "Jetzt fickt die alte Else, jetzt fickt die alte Else! ..."

***

Die Behandlung ist nach der Verurteilung nicht anders als vorher. Nach wie vor sind wir in der großen Halle eingesperrt, aber man läßt uns in Ruhe. Arbeitseinsatz gibt es keinen. Offenbar wird auf neue Weisung gewartet. Lediglich kleine Kommandos holen die Russen für Dienstleistungen wie Schnee schaufeln, Holz hacken, Wachlokal reinigen. Längst ist der unbewaffnete Posten an unserem Tisch eingezogen worden.

Wir beschäftigen uns, so gut es geht. Die wenigen Bücher, mit Mühe durch die Filzungen gerettet, gehen nach einem strengen Stundenplan von Hand zu Hand. Darunter sind Bücher wie die Bibel - jüdische Offiziere drückten oft ein Auge zu - aber auch Balzac´s Tolldreiste Geschichten, schön illustriert, und etwas ganz Besonderes: Ein Buch von Havelock Ellis, die „Geschlechtsempfindungen". Wie das in die Gefangenschaft gekommen ist? Dreißig Jahre bin ich, und was habe ich versäumt!

Wer etwas weiß, hält Vorträge. Ein Gärtner spricht über Gartenbau, Rosenzucht, Kakteen. Ein Oberst nimmt uns mit auf seine ausgedehnten Reisen. Einer vom Reichssender Stuttgart läßt uns in den Rundfunkbetrieb schauen. Und Debatten gibt´s! Ein Insel-Bändchen mit Kolbe-Plastiken entzündet ein Streitgespräch, was an der Frau vor allem den Blick anzieht. Zwei Parteien bilden sich für und wider das getrennte Schlafzimmer.

Wenn ich nach solchen Diskussionen auf meine Pritsche zurückkehre und in das verdunkelte Dachgebälk der Halle starre, in dem das Abendlicht den einen oder anderen Sparren rot färbt, hab ich ein Gefühl, als sei ich aus einem Luftballon abgestürzt. Bis 1974. Dann bin ich 55. Das soll mein Leben gewesen sein?

Unter den Büchern, die die Runde machen, befindet sich Dostojeweskis Roman „Schuld und Sühne". Oben auf der Pritsche verschlinge ich das Buch. Tief bewegt mich der Epilog „... in einem Raum zusammen mit anderen Häftlingen untergebracht -" schreibt Sonja an Raskolnikows Schwester Dunja, schließt er sich gleichsam gegen alle ab, erwartet für die Zukunft nichts Besseres und hegt keine leichtsinnigen Hoffnungen, was doch bei den Menschen in seiner Lage doch so oft vorkommt ... „Meine Lage!" Raskolnikows Stolz, lese ich, war tief verletzt worden. Wenn er nur ein klein bißchen zur Ruhe kommen wollte, dann mußte er sich mit diesem sinnlosen Urteil abfinden ...

Mit dem Urteil abfinden? In Abänderung der Todesstrafe zu 25 Jahren Zwangsarbeit? Nein! Das wollte ich nicht, und würde ich nicht! Und die anderen rundum, soweit ich erkennen konnte, waren auch nicht gewillt, dies zu tun. Hatten wir nicht jedes Mal lautstark protestiert, wenn uns die Vernehmungs- und Gerichtsoffiziere als Wojennoprestupniki und Saklutschonnij, als Kriegsverbrecher und Häftlinge bezeichnet hatten statt als Kriegsgefangene?

Freilich hatten die Blauen nur mit den Schultern gezuckt. Sie führten Befehle aus und steckten die Prämien ein für jeden, den sie verurteilungsreif gemacht hatten. Ich habe die blauen Augen und wundgeschlagenen Gesichter von Darnitza und Kiew nicht vergessen.

Ich werde mein Schicksal tragen wie mein Vater, als ihm die Granate beide Beine abgerissen hat. Auch ich hätte ja verstümmelt werden oder gar fallen können. All das sind Lose, die den Soldaten treffen können. Das einzige, was sinnlos erscheint, würde die Frage sein, warum gerade ich? Der mich herausfordert, soll mich stärker finden als das Schicksal, das ER mir zugeteilt hat.

Wenn´s etwas gibt,
gewaltiger als das Schicksal, das uns schlägt,
so ist´s der Mut, der´s unerschüttert trägt.

Welches Schicksal ließ Geibel diese Zeilen dichten? So wie die Erinnerung an einen Sonnenstrahl, an eine Quelle Raskolnikows Mitgefangenen half, die Kette zu tragen, so will auch ich mich an die Stunden, die ich gelebt, an meine Erinnerungen halten, und sie sollen der unlösbare Anker sein, das Leben, dieses Leben auf mich zu nehmen, und mich hindern, davonzutreiben.

Mich begleitet freilich keine Sonja, wie sie Raskolnikow in die Katorga, in die Zwangsarbeit nach Sibirien folgt. Niemand wird mich am Lagertor besuchen, wo immer dieses Ausbesserungslager sein wird. Was für eine Zeit war das, da Sonja ihren Kettensträfling begleiten, auf dem Arbeitsplatz sprechen konnte? Und beide wußten, wie lange sie dieses Leben aushalten mußten. Sieben Jahre - nur sieben Jahre! Sie konnten Jahre, Monate, Tage zählen.

Ich habe keine Sonja, ich weiß es, keine. O Gott!