Morgenzählung im Lager

Am 6. Juni müssen wir zur Morgenzählung mit Sack und Pack antreten. Mich läßt die Filzung kalt. Den Löffel, den ich mir gegen Zucker eingetauscht habe, und die Konservenbüchse als Eßgeschirr werden sie mir nicht wegnehmen. Zu Mittag marschieren wir durch das Birkentor hinaus, durch das wir vor vier Wochen - noch nicht ohne Hoffnung - hereingegangen sind. Umringt von "Konvois - wieder ein neues Wort - dauernd bedroht mit den MPi's und angetrieben mit "Dawai! Dawai!", stolpern wir auf die Straße - und biegen genau in die Richtung aus der wir gekommen sind, nach Norden! Gut, daß uns die Russen nicht zur Besinnung kommen lassen mit ihrem Bellen und Schreien. Im Laufschritt schließen wir an die Spitze der Kolonne auf, die letzten spüren die Gewehrkolben. Endgültig und unwiderruflich auch für den rosigsten Optimisten und Scheißhausparolenverbreiter erfahren wir, was es heißt, Kriegsgefangener zu sein.

Was für ein Marsch! Von Libau hierher bestimmten wir selbst Marschtempo und Ziel. Nun bestimmen andere, und so wird es bleiben, vielleicht jahrelang. Ließ uns "Richtung Heimat" trotz aller Drangsal ausschreiten wie in alten Zeiten, so sind nun, enttäuscht und niedergeschlagen, die Füße bleiern. Bald aber verwandelt sich die ohnmächtige Wut in blanke Angst. Nur nicht zurückbleiben! Auch nicht umdrehen! Am Ende der Kolonne schreien die Geprügelten, und ab und zu, und immer öfter in den nächsten Tagen schnalzen Schüsse ...

Nachts liegen wir eng aneinander gedrängt auf irgendeiner Wiese, wagen nicht, den Kopf zu heben, nicht zu flüstern, verrichten die Notdurft liegend. Daß man doch immer noch eine Stufe tiefer gestoßen werden kann.

Zu essen gibt es auf diesem Marsch nichts. Hier sei den Lettenfrauen gedankt, die uns etwas zustecken, wenn wir vorüberstolpern und heimlich etwas bringen, wenn sie von den Konvois zum "Tränken" kommandiert werden.

Nicht auf der Rollbahn schleppen wir uns zurück; wir stapfen auf sandigen Fahrwegen nahe der Küste Richtung Libau. So gibt es kaum Zeugen für das, was sich abspielt.

Niemand wagt zu flüstern. Nur nicht zurückbleiben! Aber immer öfter müssen wir uns in der Kolonne hinhocken, obwohl der leere Darm nichts mehr hat, es herzugeben.

Die ärgste Not verlernt das Beten. Die Seele hilft sich, indem sie verstummt.

Auch beim Russen geschehen Wunder! Am vierten Tag wird die Begleitmannschaft abgelöst. Der neue Kommandant organisiert Fahrzeuge für die Erkrankten, verschafft Verpflegung, zweimal in den nächsten vier Tagen sogar warm! Das Kommando führt eine Feldküche mit, die auch für uns sorgt, und morgens und abends eine heiße Flüssigkeit ausgibt: "Tschai. Es soll Tee sein.

Keine Schüsse mehr. Auch das Schlagen hört auf. Unser trister Zug nimmt ein wenig die Form einer Marschkolonne an. Übernachtet wird in Scheunen, im Stroh. Auch wird die Möglichkeit zum Austreten geschaffen, auch nachts. Wir lernen zu rufen: "Na ubornuju!" - auf die Latrine.

Und dann erkenne ich die Gegend wieder, ein Dorf, durch das sich ein Panzergraben zieht. Wir marschieren an einem Schützengraben vorbei, der - ohne die Straße zu unterbrechen - an ihre beiden Seiten herangeführt ist: Mein Abschnitt des Festungsringes Libau, den unser Regimentsstab von Oktober 1944 bis Ostern dieses Jahres ausgebaut hat - als ob das alles Jahre zurückläge!

Wie es wohl meinen letzten Quartiersleuten, Alexander und Anna Christmann und ihrer Tochter Hertha ergehen mag, und Rita, der Braut des Sohnes, der lettischer Soldat war? Und der alten Nachbarin mit dem Enkelkind, dem Mädchen, das mir immer den Wecker aufzog, der dann in der Früh spielte: "Kur tu teci, kur tu teci, gailiti man?" - "Wohin fliegst du, mein Hähnchen . . .".

Und all die Zivilisten, die mit Hand und Gespann Schanzdienste leisteten? Oblt. Hans von der Stabskompanie und ich hatten immer mehr Leute und Gespanne, weil wir ihnen nicht nur einen sondern zwei Tage in der Woche freigaben, abgesehen vom Sonntag. In den anderen beiden Abschnitten liefen Greifkommandos herum, und brachten die Letten gegen uns auf. Die Versuchung, mich in den nächsten Graben fallen zu lassen, ist da - freilich gleich von kühleren Überlegungen verdrängt.