Neuankömmlinge

Anfang Oktober trifft ein Transport Österreicher aus Workuta ein! Sie werden in die leere Voyeurbaracke gelegt und hinter einem Zaun in Quarantäne gehalten. Natürlich suchen wir nach Bekannten; aber der erste Eindruck ist niederschmetternd. Alle Neuankömmlinge sind kahl geschoren. Viele wirken verroht, brutal - wie die russischen „Blatnois“ (russ. „Vetternwirtschaft“, heute würde man "MAFIA" sagen) - die Plattenbrüder, die „Steher“ oder auch die „Dichten“, weil sie dichthalten. Tatsächlich lebten sie in den Lagern dieser Strafregion im hohen Norden mit Russen zusammen, die sie misshandelten, unterdrückten, quälten. Kein Wunder, dass sie unter dieser Tyrannei Umgangsformen angenommen haben, auch in der Sprechweise, die abstößt.

Der eine oder andere trifft Kameraden, erfährt und erzählt, was diese armen Kerle mitgemacht haben unter schrecklichen Arbeitsbedingungen in der Tundra, in einer Gegend, so aussichtslos für einen Fluchtversuch, dass die nach Hunderten zählenden Arbeitskommandos nur von wenigen Posten begleitet wurden.
Fast beschämt, wie milde uns das Plenny-Schicksal bisher angefasst hat, teilen wir Brot und Tabak mit ihnen, und langsam, langsam verlieren sie ihre fordernde Angriffslust, ihr unflätiges Schimpfen, die Neigung, einfach zu nehmen oder gar mit Gewalt zu rauben. Vollends passen sie sich an, als sie auf die Brigaden der Altmannschaft aufgeteilt werden und - ihnen die Haare wieder wachsen.

Am 28. 10. feiert Oberst Masera seinen 60. Geburtstag. Ich denke an meinen Vater, der neun Tage vorher sechzig geworden ist, nur mit Mühe gelingt es mir, dem Oberst ein paar Rubel aufzudrängen. Er muß ja, da er, wie die anderen älteren und kranken Stabsoffiziere, nicht aus dem Lager kommt, sein Auslangen mit der Verpflegung ohne jeden Zusatz finden. Krchnawy, ein guter Zeichner, malt ein Bild nach meinen Angaben: Deutsche Soldaten marschieren an einem Oberst in österreichischer Uniform vorbei, der neben einem schwarz-gelben Schilderhaus die Parade abnimmt. Oberst Masera versteht die Ehrenbezeigung gerührt. Seit diesem Tag darf ich „Du, Herr Oberst!“ zu ihm sagen.

Auf Stahlmontage haben jetzt die Ungarn das Sagen. Sie fachen die Felder zwischen den Säulen der großen Halle mit Mauerwerk aus. Ich reiße zwar noch irgendwelche Winkeleisen an, aber wir machen nichts Rechtes mehr. Vorbei die Sonnentage. Am Morgen sind die Pfützen mit Eis bedeckt. Die Koreatafel blättert ab…

Die, die Russisch verstehen, hören in den Nachrichten, dass die Chinesen mit „Freiwilligen“ in Korea eingreifen! Wir haben keine Vorstellung vom Frontverlauf. Wo stehen die Amerikaner? Ist der 38. Breitengrad nun nach Norden überschritten, dass die Chinesen Hanoi unterstützen? Ist das noch ein Testkrieg oder schon mehr? Jeder fühlt die unsichere Ungewissheit unserer Lage. Wir sind ausgeliefert. Das Gerücht, dass wir nach Osten verlegt werden sollen, geistert wieder herum, und beunruhigt uns. Wie weit nach Osten? Während wir vorm Essenschalter anstehen, meint Herr Balduin, mit dem ich neuerdings zusammenarbeite: „Ich verstehe Ihre Abneigung gegen einen Lagerwechsel, die Filzungen, die Unannehmlichkeiten des Transports, die Ungewißheit, wohin es geht, und was uns dort erwartet - aber denken Sie zurück an die Zeit, da wir alle halben Jahr verlegt wurden. Haben Sie nicht mehr erlebt, mehr Erinnerungen gesammelt als zum Beispiel hier im letzten Jahr? Ohne Abwechslung schrumpft die Zeit zusammen. Mag es auch noch so schwierig und unerträglich sein, es ist mein Leben, mein Schicksal, der Inhalt meiner Tage. Ich mühe mich, jede Einzelheit, jedes Erlebnis, jede Bewegung zu speichern. Vielleicht gestalte ich daheim einmal diesen scheinbar so verlorenen Lebensabschnitt…“

Die Weihnachtsfeier der Kulturgruppe lenkt von dem, was vielleicht kommt, für eine Stunde ab. Ein holländischer Hauptmann mit blondem Vollbart singt mit guter Stimme die „Nacht - so schön bist du“ und Rückerts „Du bist die Ruh´“.
Auf dem Heimweg hatte ich eine schwere Auseinandersetzung. „Es gibt kein Weihnachten! Schwachheit, Rührseligkeit, das alles! Friede auf Erden, wo ist er? Hier, die Konvois, unser Urteil, das ist die Wirklichkeit!“

„Das, wonach ich mich sehne, was ich liebe, die Heimat, Kindheit, Eltern, dieses innere Reich kann mir niemand nehmen, lasse ich mir nicht nehmen, wo immer ich vielleicht untergehe…“
„Kontschai rasgowor!“ - Schluß mit der Unterhaltung! - schnauzt uns der Posten an, dem wir zu laut gestritten hatten.
Nun ist er doch mitgegangen; allein in der leeren Baracke wollte er doch nicht auf der Pritsche liegen bleiben.

„…kehr ein bei Dir und schließe Du still hinter Dir die Pforte zu".
Vielleicht ist´s nur ein Versprecher, vielleicht hat der Holländer ähnliche Gedanken, daß er singt, kehr ein bei dir statt: mir.
Recht hast Du gehabt, sagt der, der nicht gehen wollte, als wir in die Baracke schlendern.
Der Christtag ist ein Sonntag, und deshalb arbeitsfrei. Aber nun ist es klar: Morgen kommen wir weg. Wir Österreicher bleiben morgen im Lager.