Daß Norbert bei mir war, empfand ich als Trost. Er war älter, sein Urteil besonnen, er war ein guter Kamerad. Was Wunder, wenn wir, wie in Bsow, daran dachten, in der hiesigen Kulturgruppe mitzumachen, Theater zu spielen, zu singen.

Vielleicht brachte es diese Bereitwilligkeit mit sich, vielleicht war es Zufall, oder auch Absicht des Blauen, uns besser aushorchen zu können. Die zwölf im Lager befindlichen Offiziere wurden in ein Kämmerchen an der Stirnwand des Erdbunkers gelegt, 3 x 6 Meter, sonst die Unterkunft des Barackenstarschij, des Oberchefs. Außer einem Hocker und Tischchen am Fenster bestand die Einrichtung nur aus Stockpritschen.

Stubenältester war ein Ingenieur aus Berlin, der einen Propusk, einen Ausweis hatte, mit dem er das Lager allein, ohne Posten, verlassen konnte. Ich vermied, wegen dieser Vertrauensstellung, mehr als das Nötigste mit ihm zu sprechen. Auch unser Arzt wohnte hier. Viel konnte der bescheidene, unauffällige, freundliche Herr für uns nicht tun. Norbert und ich mußten ja als erste ausrücken, kehrten auch als letzte ins Lager zurück, todmüde und noch mit Essenempfang, Waschen, vielleicht auch noch beim Lagerfriseur, zu dem man sich anstellen mußte, beschäftigt, sodaß weder Lust noch Zeit für Geplauder blieb. Auch mußte ich noch das Formular für die „Menju raskladka", dem Speiseplan zeichnen.

Trotz der Beengtheit in unserer Unterkunft fühlte ich mich darin wohl. Wir behielten die Umgangsformen weitgehend bei, redeten einander zum Teil mit „Sie" und „Herr" an, und waren sehr darauf bedacht, den Stachelschweinabstand zu wahren. Wie es auf den Pritschen draußen zuging, hörten wir ja nur allzu deutlich herein.

Der Versuch des Stubenältesten, Norbert und mich, seiner Meinung nach als „Strafniki" untragbar für die anderen, aus der Kammer zu verbannen, scheitert. Besonders der Arzt griff ihn an, wirft ihm Schönmacherei beim Russen vor. Immerhin wissen wir, wie wir mit wem dran sind. In der Koje, in der Oblt. Scherer gelegen hatte, zieht Kulturgruppenchef Jürgen ein, ein blonder, schlanker Rheinländer, jünger als wir, und mädchenhaft wirkend. Er spielt auf der Bühne auch die Frauenrollen. Auch vor ihm nehmen wir uns in acht, berechtigt oder unberechtigt, wer kann das wissen? Jürgen geht nicht zur Arbeit, kehrt abends häufig und sehr spät in die Unterkunft zurück, hält sich manchmal auch tagsüber in seiner ebenerdigen Koje auf, die er mit einem grünen Laken verhängt hat.

Das Rollenstudium für´s Theater zur Oktoberrevolution fällt uns nicht leicht. Aber wie in Bsow versuchen wir auch hier, uns ein wenig geistig zu beschäftigen. Da ist das Auswendiglernen gerade recht. In dem Theaterstück spiele ich einen Industriellen, den der Schlag trifft, weil sein Unternehmen in einen „Volkseigenen Betrieb" (VEB) umgewandelt, und er enteignet wird.

Ende November schlägt der Strafzug Steine auf dem sechs Meter hohen Bahndamm des Industriegeländes von Sholkostroj, der Seidenfabrik. Hier gibt es keine Deckung vor dem eisigen Wind, auch hier werden die Steinzüge kurz vor Schichtende hereingeschoben, und wir schauen nachmittags angstvoll aus, ob wir die Rauchfahne der Lokomotive sehen. Manche Waggons können gekippt werden, die meisten müssen wir über Laufplanken ausladen.

Pausenlos pfeift der Schneesturm über den deckungslosen Damm. Nach wie vor kommt die Feldküche als letztes Kommando zu uns, mit kalter Suppe, ohne Kascha. Wenn die Suppe lauwarm ist, gibt ihr das eiskalte Kochgeschirr den Rest. Jetzt die klammen Finger wärmen können, die Büchse umfassend, die Wärme vom Bauch ausstrahlend fühlen! Auf der Treppe kleiner Wünsche hinunter gibt es offenbar noch immer ein bescheidenes Verlangen, das man uns streichen kann.

Tagsüber lassen uns die Posten in Ruhe. Sie sind froh, ums Feuer sitzen zu können. Aber wenn der Zug hereingeschoben wird, und die anderen Brigaden des Schneetreibens wegen ins Lager marschieren, beginnen sie, brutal anzutreiben. Der Zug muß ausgeladen werden.

Endlich stehen wir dampfend und schweißnaß bereit zur Zählung im eisigen Wind und beten, daß die Posten gleich beim ersten Mal die richtige Zahl finden, oder nicht einer von uns vor Kälte herumtrampelt, so daß die Reihe nicht stimmt.

Zwischen den Zügen beladen wir Studebaker (Amerikanischer LKW als Kriegshilfe für die Sowjets) mit dem von uns geschlagenen Schotter. Stets gibt es zu wenig Schottergabeln, wer den Kampf ums Werkzeug verliert, muß mit den Händen laden! Die Arbeitshandschuhe sind längst nur Fetzen. Aber nicht nur die Posten treiben. Einige von uns, die auf Prozentbrot arbeiten, sind gegen die Schwachen oder Ungeschickten rücksichtslos bis zur Denunziation.

Wer sich traut und frech genug ist, reißt Bretter von einem eingestürzten Schuppen und versorgt damit die Posten oder die Fahrer, die in einem Zelt warten. Dafür darf er dann ein paar Minuten sich die Hände wärmen. Die Kraftfahrer, alle Kriegsdiener, zeigen sich bisweilen mitfühlend und lassen uns länger um ihren Kanonenofen sitzen, uns wohl auch das gefrorene Brot auftauen. Die jungen Posten kennen solche Regungen nicht, noch dazu, wenn sie tags zuvor vom Kommissar aufgemöbelt wurden.

An einem besonders kalten Nachmittag werden wieder Waggons herangeschoben. Schon bricht die Dämmerung herein. Die Doppelachsdrehgestelle quietschen in den Schienen. Ganz langsam drehen sich die Löcher in den voll gegossenen Rädern. Als hypnotisierte mich dieses Drehen, so starre ich die Räder an. Zeit genug, mich zwischen den Gestellen auf die Schienen zu legen. Ein Knacks, und alles aus. Keine Kälte, kein Hunger mehr, keine Antreiberei ... „Hans! Bleib! Wach auf!" Norbert reißt mich zurück.

In diesem Lager ist der „Blaue", der blaubemützte Offizier des Narodnij Kommissariat wnutrennich djel. d. h. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten NKWD, besonders aktiv. Wenn nach dem Einrücken der Brigaden, nach Waschen, Essenempfang, Brot teilen, Zucker messen, wenn nach dem endlosen Schlangestehen an jedem Schalter, auch am Heißwasserkessel in der Banja endlich Ruhe eintritt, kommt der allseits gehasste Läufer des Blauen, und holt diesen und jenen zur „Beichte". Wer Glück hat, kommt abends dran. Pechvögel nimmt der Vernehmungsoffizier nachts in die Ziehung, wegen des stärkeren psychologischen Drucks. Die Befragung wird oft von Prügeln und Faustschlägen begleitet: "Sie ljugen!" Nachts erregt ein geschlagenes Opfer weniger Aufsehen, wenn es auf die Pritsche schleicht.

Einmal schleppe ich mich nach einer solchen Vernehmung in die Baracke. Wieder will der Blaue Angaben über Werner wissen. Bis jetzt habe ich den Namen „Hortung" weder hier noch früher genannt. Ich gehe quer über den Antreteplatz zur Latrine und dann zum Bunker; da merke ich im Fenster der Nachbarbaracke, daß mir ein Mitbewohner unserer Kammer folgt. Er nennt sich Spichinsky und gibt sich als Oberleutnant aus. Kurz vor dem Windfang unseres Erdbunkers, als ich die paar Stufen hinuntersteigen will, ruft er hinter mir her: „Hortung! Hortung!" Ich drehe mich aber nicht um, öffne die Tür, will eintreten, da stoße ich mit eben dem NKWD-Offizier zusammen, der mich gerade vernommen hat! Natürlich kann das Zufall sein; aber ist es Zufall?

24. Dezember 1947. Auch das ist ein Heiliger Abend. Ein klarer, bitterkalter Tag. Bin immer noch im Strafzug. Schlage aber wieder Steine bei den Krautmieten. Zwischendurch schiebe ich Loren, von anderen Arbeitsbrigaden beladen, zum Abkipplatz. Es geht teilweise bergab, ich stelle mich zwischen zwei Loren. Durch die Erschütterung eines Schienenstoßes rutsche ich mit dem vereisten Filzstiefel ab. Wie es zuging, daß ich weder zwischen den Loren noch den Schienenschwellen zu Schaden kam, weiß ich nicht. Ich hatte unwahrscheinliches Glück, oder einen Schutzengel. Ich bin so bleich, daß es den anderen auffällt. Das hätte noch gefehlt, hier beim Schuften für die Kanaken ein Bein zu verlieren!

Auch heute rücken wir nicht früher ein. In der Banja ist das heiße Wasser fast verbraucht. In unserer Kammer hat sich Dr. Roßmann breit gemacht, spielt damit, Weihnachtsbäckerei aus Röstbrot zu machen. Gereizt, weil ich nicht zu meiner Pritsche kann, verliere ich die Fassung. Erbitterter Streit mit dem Arzt, der sauber, warm und ausgeruht im Lager lebt. Auch morgen, Christtag, ist Arbeitstag.

Na, so was! Als ich heute auf der Latrine hocke, in dem riesigen Gelände die einzige, kommt ein russisches Mädchen, eine Normenrechnerin, herein, fragt höflich: „Moschna?" - darf man, gestatten Sie? - und hockt sich, Kittel hoch, neben mich. Ich kann nichts mehr, ziehe die Hose wieder hoch und haue ab. Und ärgere mich, daß mich, Plenny im dritten Dienstjahr, das Schamgefühl aus dem Gleichgewicht bringt.