Schweißerlehrgang

Ich bin beschämt. Meine Gebete, auch für Norbert, an den ich immer noch denke, sind kurz und trotzig geworden, etwa wie bei Binding: „Gott, wenn es Dich gibt, hilf mir, wenn Du kannst..." Norbert aber hat niemand gesehen, niemand ist ihm begegnet, wo immer ich auch fragte... Das Gerücht bewahrheitet sich! So viele hat der Russe begnadigt, daß ein Transport zusammengestellt wird! Österreicher sind nicht dabei. Die Abgestumpftheit bricht auf. Längst sind sich die glücklichen Kameraden der Pflicht bewußt, Nachricht und Botschaft zu überbringen, vielleicht die letzte, wenn sich die politische Situation wieder verschlechtert. Rußland ist riesengroß, und es gibt Strafregionen wie Workuta am Polarkreis oder Karaganda, und Schweigelager. Der Brust einen Riegel vorstoßen!

Als im Lager ein 14tägiger Schweißerlehrgang organisiert wird, nehme ich daran teil. Auch ein österreichischer Stabsoffizier macht mit, denn seit der Verurteilung müssen auch sie arbeiten. Durch ihn werde ich mit unserem Kontingentältesten, Oberst Masera, bekannt. Er ist fast auf den Tag so alt wie mein Vater, ein Umstand, der mich zu ihm hinzieht. Mit sechzig in Gefangenschaft, verurteilt zu so langer Strafdauer - wenn ich schon manchmal ob meiner Zukunft verzweifeln möchte, welche Gedanken mögen dann ihn in schlaflosen Nächten quälen? Die begnadigten Deutschen sind fort als wir von der Arbeit ins Lager kommen.

Ende April bekomme ich Geld ausbezahlt! Zwar verdiente ich auch in der Textilfabrik ein paar Rubel, sie reichten für Brot und Margarine am Sonntag, aber sonst war Ebbe, von kümmerlichen Gelegenheiten abgesehen. So schnitzte ich einmal Vogelköper, in die ich lange Hobelspäne als Schwanz und Flügel einleimte. Mit Wasserfarben bunt bemalt, die hatte ich von Antifaarbeiten abgezweigt, waren sie zu verkaufen. Im Straßenbau, im Steinbruch war nichts zu verdienen. 120 Rubel! Ich lobe mich für die Idee, als „Spezialist" zu arbeiten. Dabei habe ich an sich mehr erwartet, denn jeder Plenny muß erst für Kost und Quartier so um die 456 Rubel verdienen; erst wenn der Lagerdurchschnitt erreicht ist, wird an die guten Arbeitsbrigaden etwas ausbezahlt. Zug- und Kommandoführer verdienen natürlich mehr, auch manche Brigadiere, wenn das Geld reicht, und natürlich die deutsche Lagerführung mit allen, die dazu gehören. Aber nach Hause schreiben dürfen wir nicht.

Nun sollen auch die nichtverurteilten und begnadigten Österreicher heimfahren. Abend für Abend sitze ich bei Hans, sei es auf der Pritsche, sei es im Kultursaal, wo man eher sieht, wer zuhört. Auch Hans hofft, aber sind nicht schon Heimkehrer von Brest-Litowsk oder Marmoros-Sziget wieder zurückgeschickt worden? Wir haben ja den Eindruck, daß sich zwar die materielle Lage seit der Verurteilung gebessert habe, aber wir dafür verstärkter „Seelenmassage" unterworfen werden. Geduldig wiederholt er alles, was ich ihm einschärfe, einen letzten Willen könnte man es nennen. Auch über Erziehung meines Buben mache ich mir Gedanken.

Am 2. Mai wird Hans mit 41 anderen Landsleuten nach Kiew gebracht. Ich - auf Arbeit - konnte mich nicht verabschieden. Viel, viel später lese ich die treuen Briefe, die Hans, Ludwig Scharf und Fritz Berghoff geschrieben haben. Fritz schickte über Ludwig, den Kaplan, mit einem Ordensgeistlichen das Fünf-Latstück an meine Frau.