September 1945

Das Gerücht, ein Heimtransport werde zusammengestellt, bewahrheitet sich. Eine traurige Auslese. Nur Kranke und Arbeitsunfähige, mit Wasser bis zu den Knien. Auch der Hauptschullehrer aus der Stutterheimstraße in Wien, dem ich meine Berufssorgen anvertraut hatte, ist dabei. Ich gebe ihm die Adresse der Eltern. Als er endlich im Oktober heimkommt, überbringt er ihnen die erste Nachricht seit Februar von mir.

Den Zurückgebliebenen gibt die Antifa Rot-Kreuz-Karten aus! Es hängt eine Rückantwortkarte dran. Datum und Ort dürfen nicht geschrieben werden. Die Karte muß so bald wieder abgegeben werden, daß kaum Zeit bleibt, den Text zu überlegen. Und dabei ist dieses erste Lebenszeichen so wichtig. Ob die Karte überhaupt ankommt? Und ob ich jemals Antwort erhalte? Und woher Schreibzeug nehmen? Ein österreichischer Sanitäter leiht mir Feder und Tinte.

Bogg Johann Leopoldowitsch, SSSR - Moskau, Postfach 277.

"Hoffentlich erreicht Euch mein Lebenszeichen . Bin mit Lage zufrieden. Große Sorge um Euch. Grüble um künftigen Beruf, habe aber Zutrauen in Zukunft. Wir werden es schaffen, um so mehr, als ich den Krieg gesund überstanden habe und der Spuk vorbei ist. Wenn Ihr nur alle die letzten schrecklichen Wochen heil überstanden habt. Euer Hans!"

12. September 1945. „Österreichische Offiziere mit Gepäck am Lagertor antreten". An das bange Gefühl, das solche Befehle auslösen, werde ich mich nie gewöhnen. Schon im Krieg haßte ich jede Veränderung und dieses „Zur-Verfügung-Stehen". Immerhin gewährte Verantwortung und Pflichtgefühl im Dienen Freiheit, ob wir nun willig oder ungern dem „Führer" und der „Großen Zeit" folgten, einer Zeit, unter deren Räder wir gekommen waren.

Jetzt aber erfahren wir den grimmigsten Verlust, den ein Wesen erleiden kann. Noch sind die Gedanken frei, aber was ist ein Gedanke wert, der sich nicht äußern darf? Dazu der eingeengte Lebensraum, der halbe Meter Liegefläche auf strohsackloser Holzpritsche, die Bewegungsfreiheit beschränkt auf die Gänge zum Essenschalter, zum Bad - Banja heißt es, zur Latrine, und in die dunkle Baracke des „Blauen", des blaubemützten NKWD-Offiziers, der uns immer wieder, in jedem Lager aufs neue die 46 Fragen stellen wird. Viel später wird sich herausstellen, wieviel Ungemach trotz allem ich mir erspart habe, dadurch daß ich in Windau alle Angaben wahrheitsgemäß gemacht habe! Meine Antworten lauten in mehr als 60 Vernehmungen, in Strafzug und Durchleuchtungslager und Untersuchungshaft immer gleich, auch wenn ich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werde.

 

Aber nun haben wir die Abschiedsfilzung hinter uns, das Gittertor öffnet sich, der Natschalnikkonvoi brüllt „dawai!", und wir ziehen wieder einem unbekannten Ziel entgegen, diesmal ohne Gleichschritt und Gesang wie bei unserem Einzug in Riga, dafür aber pausenlos getrieben. Nach den Vororten eine Chaussee mit Alleebäumen, der Düna entlang.

Das goldene Birkenlaub raschelt auf dem Bankett, auf das uns die Militärlastwagen immer wieder drängen. Mein Gepäck macht mir keine Beschwerde, wohl aber der Odysseeband aus der Diederich`schen Reihe, übersetzt von Tassilo v. Scheffer, den ich mir im Hauptlager gegen Papirossi eingetauscht habe. Unter Hemd und Hosenriemen verborgen, rutscht das Buch beim Gehen immer tiefer. Meine größte Sorge ist, ich könnte beim Zurechtrücken die Aufmerksamkeit der Posten erregen.

Und kein Halt, keine Pause zum Austreten! Aber die männliche Anatomie ermöglicht das Pissen im Gehen, wohlgezielt unter Bedacht auf die Vordermänner.

Vorne ein Aufschrei, ein Brüllen, der Zug gerät ins Stocken, in Unordnung. Sofort richten die Posten die Maschinenpistolen auf uns. An einem vorbeifahrenden Lastwagen hat sich die Türe geöffnet - drei Plennies sind niedergestoßen und im Rücken verletzt worden. Keiner von uns glaubt an einen Zufall. Weiter geht`s. Die Verletzten werden mehr geschleppt als gestützt. Gott sei Dank sind wir bald am Ziel. Stacheldrahtzaun direkt neben der Straße, fünf Wohnbaracken, Verwaltungsgebäude unter hohen Birken und Pappeln. Wir biegen rechts ab in eine Birkenallee, die sich im Lager fortsetzt. Wir werden ohne Filzung eingelassen. Die beiden Baracken, in denen Offiziere hausen, sind durch Zaun vom übrigen Lager getrennt, doch können wir uns innerhalb des Areals frei bewegen. Zwischen den Unterkünften Grünflächen. Hinter dem Lager glitzert die Düna. Im Schatten Tische und Bänke und in einer Ecke - ein Hochreck!

Es heißt, zur deutschen Zeit sei hier ein KZ gewesen. Wir beziehen die letzte Baracke. Einstöckige Holzpritschen, gehobelte Bretter, keine Strohsäcke. Um den Pritschenbau führt ein Gang; wir liegen Kopf an Kopf. Die Altmannschaft schaut hinterm Zaun unserm Einzug zu: 800 Mann, und 300 Offiziere, mit uns, die auch hier nicht zu arbeiten brauchen. Wieder Mißgunst und unterschwellige Streitlust, zu Beflegelungen kommt es aber nicht. Seltsam, daß sich die Abneigung nicht gegen den Russen richtet, in dessen Armee es sehr wohl Rangklassenunterschiede, z. B. bei der Verpflegung gibt, schlecht vereinbar mit einer sozialistischen, klassenlosen Gesellschaft. Abends streifen unsere Männer durch die Baracke und erbitten oder tauschen Papirossi.

Die Oktoberrevolution wird am 7. November mit Antifavorträgen gefeiert. Zwei Tage sind arbeitsfrei, aber vorher gab es eine grimmige Filzung nach Messern. Im Lager wird alles Werkzeug, geeignet für tätliche Angriffe versperrt, in der Küche der Gebrauch der Messer überwacht.

Im Speisesaal der Arbeitsbrigaden sehen wir einen Film aus dem Kolchosenmilieu. Ein Mädchen übererfüllt die Norm, die geforderte Arbeitsleistung, gewinnt ein Fahrrad und den ersehnten Bräutigam. Der Titel des Films: „Die reiche Braut". Szenen der Landarbeit auf riesigen Feldern, die mit Maschinengiganten bearbeitet werden, machen ihn interessant, die folkloristischen Einlagen, Tanz und Gesang, lassen das für uns lächerliche Drehbuch vergessen.

Während des Politvortrages „Die Sowjetunion als Hort des Friedens und der Völkerfreundschaft" ertönt ganz in der Nähe eine heftige Detonation. Alles lacht; schließlich lacht der Politruk auch mit.

Einer der deutschen Offiziere hat sich als Antifa-Aktivist etabliert, hält einige Vorträge - der Prozeß gegen die als Hauptkriegsverbrecher vor das Militärtribunal in Nürnberg gestellten Mitglieder der ehemaligen Reichsregierung soll beginnen. Aber bald wird dem Deutschen vom Russen die Tätigkeit untersagt. Seine antifaschistische Einstellung würden ihm vielleicht die Engländer glauben, die Russen nicht!

Begierig warten wir auf weitere Nachrichten. Wenige Tage nach Beginn des Nürnberger Prozesses finden die ersten freien Wahlen in Österreich statt. Tief befriedigt nehmen wir das Wahlergebnis zur Kenntnis: Die konservative Österreichische Volkspartei (früher Christlichsoziale) gewinnt 85, die Sozialistische (nicht mehr Sozialdemokraten) 76, die Kommunisten 4 Mandate! Ein solches Ergebnis trotz der vier Besatzungszonen! Auch Wien ist unter den Siegern, zu denen auch die Franzosen zählen, aufgeteilt. Die Älteren unter uns erklären erleichtert, daß die Bevölkerung trotz des Intermezzos seit 1938 zu innenpolitischen Vorkriegsverhältnissen zurückgekehrt ist. Die Antifa hat Schwierigkeiten, dieses Wahlergebnis zu kommentieren.

Als die Alliierten die von Dr. Figl (Österreichische Volkspartei) gebildete Koalitionsregierung anerkennen, erwacht gelinder Optimismus, und schon sehen sich einige im Zug nach Wien.

In unseren abendlichen Unterhaltungen steigen alte Erinnerungen auf. Erich Phummer, der Pharmazeut, hält einen Vortrag über Wiener Brunnen, und mit ihm spazieren wir durch vertraute Parks und Straßen unserer Heimatstadt.