Stahlarbeiter

Nein. Wenn es irgendwie geht, rühre ich weder Schaufel noch Krampen an. Immer wieder überlege ich, was ich angeben könnte, um nicht mehr „tschornij rabotschi", Schwarzarbeiter zu sein. Aber das war ich all die Jahre immer, ausgenommen in der Textilfabrik. Die Erörterungen anderer bringen mich auf eine Idee. Ich habe einmal beim Armaturenbiegen zugeschaut. Beim Arbeitseinsatzleiter gebe ich Armaturtschik an. „Kannst Du anreißen?" - „Konetschno!" -"Selbstverständlich" Ich weiß zwar nicht, was er meint, aber getreu meinem Entschluß bin ich bereit, alles zu tun, wenn es nur nach „Spezialist" ausschaut.

„Gut. Morgen Stahlmontage, 18. Zug". Ich melde mich beim Kommandoführer, er teilt mich einer Brigade zu, und ich übersiedle in deren Baracke. Geweckt werde ich durch den Lautsprecher, aus dem die Sowjethymne ertönt. Nach der Morgensuppe trete ich zu meiner Brigade. Wie staune ich, daß sie fast nur aus Offizieren besteht! Ich stelle mich dem Brigadier, einem Berliner Oberstleutnant, im Zivilberuf Diplomingenieur, mit Dienstgrad vor. Ich bin in einen Nobelklub geraten. Verurteilt natürlich alle, spricht man sich mit „Herr" und „Sie" an. Mir kann´s recht sein. Ich nenne auch meinen Straftenor und Urteilsbegründung.

„Sie sind der neue Anreißer? Bei der Materialausgabe bekommen Sie eine Reißnadel". Immerhin weiß ich jetzt wie mein Werkzeug heißt. Der Werkzeugausgeber ist Tiroler. „Was ich da hab, ist nichts wert; zu weich. Vielleicht finde ich ein Stück Sprungfederstahl". Ich leere meine Tabakbüchse. In einer halben Stunde gibt er mir die Nadel; sie ist etwa 15 cm lang, hat oben einen Ring, unten eine scharfe, gehärtete Spitze.

Herr Foss, der Brigadier, nimmt mich zur Baustellenleitung mit. Hier ist auch die Küche und der Speisesaal untergebracht. Herr Foss breitet eine violette Lichtpause auf dem Tisch aus. „Das ist der Plan eines Hochspannungsmastes. Hier der eigentliche Mast, da der Isolatorenträger. Die einzelnen Teile ersehen Sie aus dieser Stückliste. Die Zeichen bedeuten U- und Winkeleisen, teils mit ungleichen Schenkeln. Stückzahl und Länge ist in dieser Rubrik angegeben. Lage und Durchmesser der Bohrungen ersehen Sie aus der Zeichnung. So - Sie können doch Planlesen, und russische Schrift auch?"

Herr Foss läßt mich allein. Aber schon wird mir klar, daß ich noch ein Winkeleisen und ein Maßband brauche. Nun sehe ich - anreißen heißt anzeichnen, anritzen in Metall. Der Tiroler gibt mir auch einen Körner, um die angerissenen Linien und den Mittelpunkt der Bohrungen einzuschlagen.

Wenig später hab ich die Stückliste abgeschrieben, die Winkeleisen auf dem Materialplatz herausgesucht, und reiße an. Mit dem Körner schlage ich kleine Grübchen in die Linien, die sonst unter dem Schneidbrenner verschwinden würden. Versteifungen zeichne ich auf Flacheisen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Endlich wieder eine Arbeit, bei der man denken muß. Voll Eifer merke ich nicht, daß Herr Foss hinter mir steht.

„Wenn Sie zu den vier Maststehern kommen und den Querträgern, holen Sie mich, das machen wir gemeinsam". Einer der Ungarn unserer Brigade hat die Streben geschnitten. Mit Hammer und Meißel entgrate ich sie und lege sie entsprechend der Stückliste zusammen. Ich arbeite für mich allein; niemand treibt mich an. Mich freut, was ich mache. Wäre ich frei, würde ich sagen, ein Gefühl des Glücks erfüllt mich. Nur in der Textilfabrik in Riga empfand ich ähnliche Zufriedenheit. Herr Foss äußert sich zufrieden. Ich bin stolz.

Hochgestimmt trete ich mit der Brigade an, als die Schiene zur Mittagspause bimmelt. Die Suppe gibt ein General aus. An seiner spitzen Nase hängt ein Nasentröpfchen. Der Schlag Hirsekascha ist ordentlich und steif. Wer arbeitet, soll auch essen. Aber wie viel schwerer habe ich schon rabotiert, und es gab - ohne Verurteilung - nur dünne Kartoffelscheibensuppe? Ob das so bleiben wird?

Die anderen Brigademitglieder kennen sich offenbar schon länger. Ich halte mich zurück. Ich weiß, daß es die beste Art ist, das anfängliche Mißtrauen dem Neuen gegenüber abzubauen. Umso mehr, als Herr Foss sicher gemerkt hat, daß ich nicht „aus der Branche" bin. Kein Wunder, wenn sie vielleicht denken, der Blaue habe mich zu ihnen gesteckt.

Ein Schweißer ist Wiener, merke ich; ein anderer stammt aus dem Ennstal. Er ist der einzige, der mich anspricht. Nach der Pause zeichnet Herr Foss einen Querträger an. Er besteht aus einem Ober- und Unterteil, seitenverkehrt, und wird aus U-Eisen geschnitten. Jeder Teil wird viermal geknickt, dort reißt Herr Foss ein Dreieck an, das später herausgeschnitten wird.

Nach dem Abendessen berichte ich Dr. Raspe meine Eindrücke. Obwohl wir bei Einbruch der Dämmerung einrückten, zeigten die Konvois keine Nervosität. Hans sinnt, was mit ihm und den anderen fünf Österreichern geschehen wird, deren Voruntersuchung eingestellt worden war. Wird sie etwa wieder aufgenommen? Auch unter den Deutschen gibt es eine Anzahl Nichtverurteilter; einige sind bereits beim Blauen vorstellig geworden, Sie verlangen, von den Kriegsverbrechern getrennt zu werden!

Wieder in der Baracke, fragt mich der Steirer ziemlich aggressiv, wo ich gewesen, so, als verdächtige er mich, etwa beim MWDisten, wie neuerdings der NKWD heißt, berichtet zu haben. Ich sage es ihm; von Dr. Raspe hat er schon gehört. Nun lädt er mich ein, an den Brigadetisch zu kommen.

Am Morgen verzögert sich unser Ausmarsch. Draußen werden die Zivilgefangenen vorbeigeführt. Was die Kleidung betrifft, unterscheiden sie sich kaum von uns; höchstens, daß es bei uns noch einige Wehrmachts- und Luftwaffenmäntel gibt. Ihre Haltung ist gedrückt, demoralisiert möchte ich sagen. Am Ende des Zuges werden zehn Katorschani - in Ketten nachgeführt! Aneinander gefesselt und von zehn Konvois mit zwei Hunden bewacht, schlurfen sie durch Schlamm und Pfützen. Sie dürfen nicht dem Wasser ausweichen! Wir schauen uns betreten an. Wir haben einen Blick tief unter uns getan. Seit 15. Jänner dieses Jahres ist die Todesstrafe - laut Anschlag im Lager - wieder eingeführt worden, für Saboteure und Hochverräter. 1947 war sie abgeschafft worden. Aber wenn ich an Bsow und die dortigen Verhältnisse denke, oder an die Katorschani, die eben durch die Pfütze wateten, dann weiß ich, wie leicht man auch ohne Todesstrafe hier verrecken kann.

Die Straßenbahnendstelle, wo wir nach Süden biegen, und die paar verwahrlosten Wohnblocks bleiben zurück. Zu beiden Seiten Werkshallen und Lagerschuppen. Nach zwanzig Minuten halten wir vor unserem riesigen Gelände. Nachdem die Posten die Türme besetzt haben und wir gezählt sind, strömen die Brigaden zu ihren Plätzen. Die Trafos werden angeschlossen, wenn das die russischen Schweißerinnen noch nicht getan haben. Denn wir arbeiten neben und zum Teil mit Zivilarbeitern! Auf geerdeten Stellagen werden die Hochspannungsmasten zusammengesetzt. Einige von uns dürfen heften, andere haben einen Propusk, eine Erlaubnis, durchgehende Schweißnähte anzulegen, wie der Wiener und der Steirer. Mit uns arbeiten zwei Mädchen als Schweißerinnen auf der gleichen Stellage. Sie stecken zwar in olivgrünen, derben Leinenoveralls und haben das Haar unter Schlägermützen, Schirm nach hinten, verborgen; aber man weiß doch, daß es Mädchen sind ...