Verurteilung - 25 Jahre Arbeitsausbesserungslager

In der Zelle ist nichts. Wir liegen auf dem nackten Boden. Die Posten schikanieren uns, wollen wir auf die Latrine. Täglich fünfzehn Minuten läßt man uns Luft schnappen. An Bewegung, an einen Spaziergang ist nicht zu denken, dazu ist der mit Stacheldraht umzäunte Raum zu eng. Auch werden wir immer mehr; zu uns zehn Österreichern gesellen sich an die hundert Deutsche! Kein Luftschnappen mehr.

Am nächsten Tag legt mir der NKWD-Offizier von gestern die Anklageschrift vor. Ich unterschreibe sie nicht. „Ich habe nichts Strafbares begangen". „Ladno" - nun gut.

Geändert hat sich am weiteren Ablauf nichts. Am 12. 12. holt man uns aus dem Block. Wir stehen aufgereiht an der Mauer. Im „freien" Teil des Gefangenenlagers sind die Deutschen zum Heimtransport angetreten, mit dem Rücken zu uns her. Der Antifamann verabschiedet sie und fordert sie auf, die Wahrheit über die Sowjetunion und seine Werktätigen zu berichten.

„Und nun dreht Euch um und seht jene, die für ihre Kriegsverbrechen der gerechten Strafe entgegengehen!". Schweigend blicken sie zu uns herüber. Keiner winkt, niemand rührt sich. Was sollen sie auch tun? Durch eine unbedachte Handlung die Heimkehr gefährden?

„Gereinigt von diesem Geschmeiß kehrt ihr zurück und werdet alles tun, um unser Vaterland den Weg des Sozialismus zu führen ..." Sie marschieren aus dem Lagertor.

„Schaut her! Blut!" Der Schrei zerreißt die lähmende Stille in der Zelle. Tumult bricht los. Unter einer Pritsche fließt ein Bächlein Blut hervor. Ein Oberleutnant war insgeheim zurückgeblieben und hatte sich unter der Pritsche die Adern geöffnet. Aufregung bei den Russen. Für uns hat die Verzweiflungstat die Folge, daß das Regime, die strenge Behandlung mit allen Schikanen gelockert wird! Selbstmorde passen nicht in das Konzept, das nun heuchlerisch und selbstgerecht abrollt.

Immer noch Verhöre. Auch ich komme noch einmal dran. Wozu? Es ist meine 56. Vernehmung. Täglich werden an die zehn oder fünfzehn zum Blauen geholt. Unsere Stimmung wird immer trister. Um den 20. Dezember kehren die Abgeholten nicht mehr zurück. Wir werden unruhig.

In der Nacht zum 24. Dezember hat es geschneit. Es ist kalt. Aber obwohl die meisten wach auf der Pritsche sind, steht keiner auf. Nach 8 Uhr wird der erste geholt. Schon ist das Zähneklappern da. Die Hände zittern, und wer sich beherrschen kann, kann doch seine Unruhe nicht verbergen. Die einen packen zum wer weiß wievielten Male die Habseligkeiten um, andere hören einander ab wie Schulbuben; das sind jene, die hoffen, einer von beiden werde früher heimkommen und Nachricht geben. Ein paar stellen sich beim Eimer an, und sind nach wenigen Minuten schon wieder dort.

Und etwa alle zehn Minuten holt der Posten einen ab. Zu Mittag bringen die Essenholer eine Schreckensparole mit. „Alle bekommen 25 Jahre".

Wir schauen uns ungläubig an. Das kann doch nicht wahr sein. Immer wieder fragen wir sie, aber sie versichern, sich nicht verhört zu haben. Ein Posten habe gesagt: „fßjo dwazet pjat let" - alle fünfundzwanzig Jahre.

Einer hat eine Idee. Wer unter unseren Zellenfenstern vorbeigeführt wird, soll Zeichen geben: Linkes Ohr - fünf, rechtes - zehn. Linke Arschbacke - fünfzehn, rechte - zwanzig. Fährt er sich durch die Haare, kann er sich gleich aufhängen; dann hat er wirklich fünfundzwanzig.

Dr. Raspe meint, so schlimm werde es wohl nicht werden, aber auf vielleicht fünf Jahre müßten wir uns schon gefaßt machen. Wütender Protest allerseits.

„Begreift Ihr denn nicht? Was sich hier abspielt, ist ein Politikum, eine Seelenmassage für die westliche Welt, ein Schreckschuß für die armen Teufel, die irgendwann wieder marschieren müssen, vielleicht sogar hierher! Was meint ihr, was das Wehrdienstverweigerer gibt! Erst Krieg, und dann eingesperrt werden? Dann lieber gleich in den Knast. So werden sich unsere Söhne denken, und niemand kann es ihnen übel nehmen! So läuft der Hase. Wir sind nur Statisten in diesem Spiel".

Das Schloß dröhnt. Ein Posten tritt ein, ein zweiter richtet die MPi in die Zelle. „Raspe!" liest er von dem Zettel ab. Hans packt sein Bündel, drückt mir die Hand und wird von den Posten in die Mitte genommen. Hart wird der Riegel vorgestoßen. Einige hängen am vergitterten Fensterchen. Nicht alle werden unten vorbeigeführt; aber wer vorbeikommt, fährt sich durch die Haare!

Es ist Nachmittag, als ich geholt werde. Der Weg durch den Ziegelbau ist ein Spießrutenlauf. Und doch beachtet mich keiner der Soldaten. Im Vorraum müssen wir warten. Der Posten sieht mich gleichgültig an. Eine Ewigkeit dünkt mich das Warten.

Um den Tisch vor den Fenstern sitzen vier Offiziere, ein Zivilist in schäbigem schwarzen Mantel, eine dralle Dolmetscherin in Uniform. Das junge Weib sitzt in kurzem blauen Rock und Soldatenrubaschka - dem Russenhemd - halb auf dem Tisch und baumelt mit dem Bein - wie in einem schlechten Propagadafilm. Neben dem Vorsitzenden liegt ein fettiges Papier, aus dem ein Heringschwanz ragt. Als ginge mich das alles nichts an, wie im Kino, sehe ich die Szene. Ich habe nichts zu hoffen.

„Boog Jogan Leopoldowitsch?"

Immer dehnen sie meinen Namen und grinsen. Auch jetzt schauen sie einander an. Bog heißt Gott.

„Die Anklageschrift lautet". Ich kenne sie ja schon.

„Bekennen Sie sich schuldig?" -

„Nein!"

„Aber Sie haben doch alles zugegeben?".

„Ich habe nichts Strafbares getan ..."

„Sie können später reden".

Ich werde hinausgeführt. Wieder warten. Warum? Als ich wieder hineingeführt werde, springt die Dolmetscherin vom Tisch. Jetzt erkenne ich sie! Sie hat meine Beschwerden in Bsow angehört, damals, als der Bunker abgebrannt ist. Auf russisch wird mir etwas vorgelesen, offenbar das Urteil. ... „dwazet pjat let" . .. verstehe ich.

Die Dolmetscherin übersetzt: ... „in Abänderung der Todesstrafe zu fünfundzwanzig Jahren Ausbesserungslager. Die Zeit der Haft beginnt seit 7. Dezember 1949..."

Der Vorsitzende läßt mir sagen, daß ich nach Verbüßung der Strafe der Repatriierung in ein demokratisches Deutschland unterliege. „Ich bin aber Österreicher!", keimt Hoffnung auf. Die Dolmetscherin bleibt gleichgültig „Dann nach Österreich".

Sinnlos, noch etwas zu sagen, dennoch fährt mir heraus. „Erinnern Sie sich an Bsow? An dieses miserable Lager? Sie haben meine Beschwerden entgegengenommen, am nächsten Tag dolmetschten Sie beim Verhör? Sie verurteilen mich für etwas, was Sie all die Jahre tun!"

„Wir dienen einer gerechten Sache; Sie aber kamen als Faschist und Landräuber zu uns. Beruhigen Sie sich, wenn ganz Deutschland demokratisch ist, fahren Sie auch nach Hause". „Ich bin aber Österreicher!" „Selbstverständlich nach Österreich!"

Die Uhr auf dem Flur zeigt 15.10 Uhr an. Ich werde in ein anderes Gebäude geführt. Eine Tür wird aufgesperrt. Ein Hallo empfängt mich. Wir sind alle wieder beisammen. Jubelnd fragen sie, während ich sie verständnislos anstarre. „Fünfundzwanzig!" - „Hurra! wir auch alle!".

Vom Tisch mitten unter uns erhebt sich ein Posten und sagt „Norma jest! Nitschewo! Skoro domoi!" Wie merkwürdig; eben noch als Kriegsverbrecher verurteilt, sitzt nun mitten unter uns 144 Prestupniki, die wir in der großen Halle untergebracht sind, ein waffenloser Posten! Also doch nur alles Theater?

Ich krieche auf ein noch freies Stockbett. Lese den Wisch, der mir ausgehädigt wurde. Auf holzigem, gelblichen Papier steht mit violetter Tinte gut leserlich in derber Handschrift - ist es die der Dolmetscherin? - geschrieben:

 

VERURTEILUNG:

Namens der Union der Sowjetrepubliken am 24. 12. 1949 der Militärtribunal der Truppen-MWD für Regierungsbezirk Shitomir im Bestand von Vorsitzenden Hauptmann Sodomtschuk, Volksbeisitzender Ob. Lt. Jeher und Lt. Sejeda, bei Sekretar Oblt. Kruglikow mit Verteidigung Cholodnije in geschlossener Gerichtssitzung von

Bogg Johann Leopold 1919

hat der Militärtribunal durch Voruntersuchung und Gerichtsuntersuchung festgestellt:

Daß Bogg hat der Verbrechen, die mit Artikel 19 des Strafgesetzbuches der UdSSR, I. Teil des Erlasses vonm 19. 4. 43, vom 27. 5. 47 über die Abänderung der Todesstrafe, zu 25 Jahre (fünfundzwanzig) Bewährungsarbeit im Arbeitsausbesserungslager zu verurteilen. Die Zeit der Strafe begann seit 7. Dezember 1949. Die Verurteilung kann im Laufe von fünf Tagen nach Militärtribunal Reg. Bez. Kiew mit Kassaz beschwerdet werden.

Anna Krukowa (Dolmetscher)

Hauptm. Sodomtschuk (Vorsitzender)

 

Der im schwarzen Mantel war bei Beginn der Urteilsverlesung hinausgegangen. Er hatte mich gefragt, wieviele Frauen ich vergewaltigt, wieviele Gefangene ich erschossen hätte, und wo die von mir vernommenen Partisanen hingekommen wären. „Ich dachte, Sie wären der Verteidiger? Offenbar sind Sie der Ankläger?" - er, der deutsch gesprochen hat, antwortete nichts.

Das Abendessen wird in einem großen Kessel hereingebracht. Während des Austeilens verliest der MWD-Offizier die restlichen Urteilsschriften. Dabei stellt sich heraus, daß die Urteile offenbar wegen der großen Zahl der „Prozesse", vorgefertigt worden waren. Bei Namensgleichheit wurde manchem das Urteil eines Kameraden ausgefolgt, der noch gar nicht vor dem Tribunal stand! Nitschewo!

Als wir uns wieder auf die Pritschen zurückziehen, dreht ein kleiner, kurzgeschorener Schwabe, Lehrer, Vater von vier Kindern die Platte des Tisches um, lehnt sie an den großen, gemauerten Ofen in der Mitte der Halle und beginnt zu zeichnen. Mit ein paar Kreidestrichen entsteht ein Christbaum, und mir fällt wie ein Blitz ein, heute ist Heiliger Abend. Erst mit leiser, dann fester Stimme beginnt er das Weihnachtsevangelium zu predigen. Keiner protestiert, alle verhalten sich ruhig. Staunen merkt man dem Posten an, der noch immer unter uns sitzt, und dem einer auf seine Frage „schto takoje?" - Was ist das? - antwortet: „U nas roshdestwo!" - wir haben Weihnachten.

Die altvertrauten Worte überwinden alles, was sich gegen die Botschaft vom Frieden auf Erden stemmen möchte. Als dann der Schwabe das „Stille Nacht" anstimmt, und wir in die vertraute Melodie einfallen, schauen die Posten vor der Tür durchs Guckloch herein. „Die Verbrecher feiern Weihnachten heute ..."