Weihnachten 1945

Weihnachten! Sogar in unserer Lage beschwingt der Gedanke das Herz. In unserem Arbeitsbunker mache ich Röstbrot mit Zuckerüberguß. Nie habe ich die ersparten Portionen in der Baracke gelassen. Leo Schorf wurden gestern seine gestohlen. Wir teilen.

Abends, es wird ja schon um vier dunkel, versammelt sich Hutterichs Chor. Der Schnee rieselt wirklich leise. Die Baracken sind finster, es gibt kein elektrisches Licht, höchstens, daß eine Kerosinfunzel verbotener Weise blakt, Diesel, von einem Außenarbeiter eingetauscht. Alles liegt auf den Pritschen, stumm, muffig. Nicht nur der Mief von Tag und Nacht getragener Kleidung schlägt uns entgegen; man meint fast die Abwehr zu spüren, die Entschlossenheit, nichts und niemand am heutigen Tag herankommen zu lassen.

Hutterich summt den Ton: „Leise rieselt der Schnee, still und starr liegt der See..." „Ruhe!" Weihnachtlich glänzet der Wald... „Haut ab! Was wollt ihr eigentlich?" „Warte nur..." „Raus!" - „s`Christkind kommt bald!" Der erste Filzstiefel kommt geflogen. „In den Herzen wird`s warm. Still schweigt Kummer und Harm..." Kein Stiefel mehr? Alles bleibt ruhig. Mutiger singen wir „Horcht nur, wie lieblich es schallt: Wart´ nur, `s Christkind kommt bald!"Hat da nicht einer mitgesummt? Als Maria durch den Dornwald ging, kommt kein Einspruch mehr. In der Stille zwischen den Strophen knackt kaum das Pritschenholz. Als wir „Stille Nacht, heilige Nacht" anstimmen, räuspert es sich hier und dort und drüben im Dunkeln, rauh und ungeübt fallen ein paar Stimmen ein, mehrere kommen dazu, ein Hauch Weihnacht erwacht im Barackendunkel. „Christ, der Retter ist da!" singt schon die halbe Unterkunft.

Nachdem wir geendet haben, ist es einen Augenblick still. Dann sagt eine Stimme aus der Finsternis „Danke!" „Trotz allem", wünscht Hutterich ein Fest der Hoffnung im Gedenken an unsere Lieben, denen es vielleicht schlechter geht als uns, und daß Friede werde auf Erden, gerechter und dauerhafter Friede.

Durch die geöffnete Bunkertür fließt weißer Dampf um die Füße, der Schnee knirscht unter den Holzsohlen. Jeder gibt jedem die Hand. Wir trennen uns schweigend. Die Sternenpracht glitzert durchs Birkengeäst. Ich finde die drei Sterne des Orion, zu dem meine Eltern aufschauten, wenn sie meinen Bruder und mich suchten während des Krieges. Friede, wenn er nur schon wäre...

In der Baracke flüstert mir Fritz Handleger zu, er komme eben aus dem Krankenrevier. Hauptmann Habtmann aus Tirol liege im Sterben - Herzwassersucht. Jetzt, wo es zu spät ist, schaffen die Russen alles Mögliche an Medikamenten heran.

Ein Hindenburglicht hellt flackernd die Ecke des Krankenzimmers ein wenig auf. Sein Gesicht ist gedunsen, die Augen liegen tief in den Höhlen. Hat er immer eine so spitze Nase gehabt? Habtmann atmet schwer. Mühsam wendet er den Kopf mir zu. In dem weißen Bettzeug liegt er, als sei er schon aufgebahrt. „Grüß mir alle...alle...daheim..."

Er sucht meine Hand. Mir ist zum Heulen. Stumm sitze ich neben ihm. Eine lange Weile. Immer noch hält er meine Hand. Die Augen sind ihm zugefallen. Er schläft, denke ich, und will ihm behutsam die Hand entziehen. Da sieht er mich plötzlich mit großen Augen an, sagt aber kein Wort, folgt mir mit dem Blick zur Tür. Ich bleibe stehen, er versucht, die Hand zu heben, zum Gruß, wie zum Segen.

Mir ist so elend; auch nach den Jahren des Krieges bin ich dem Sterben nicht gewachsen.

Hutterich wird zur Antifa zitiert. Wie er sich unterstehen könne, kirchliche Feiern zu veranstalten. Als er vom Politoffizier zurückkommt, berichtet er, der Jude sei weit weniger aufgebracht gewesen als der Deutsche; solche Vorhaben müssen gemeldet werden, sei alles gewesen, was er gesagt habe.

Gegen Mittag des Christtages kommt Dr. Handleger aus dem Krankenrevier. Hauptmann Habtmann ist tot. 55 Jahre, wie mein Vater. Im Waldviertel beten sie auch für den, der als nächster dem Verstorbenen folgen wird, so wohl auch in Tirol. Habtmann war der erste von uns. Wieviele von uns werden ihm folgen? Unter den Mannschaften sind schon eine ganze Reihe gestorben. Sie werden meist nach dem Ausrücken zur Arbeit von den Pritschen gesammelt und aus dem Lager getragen. Die Verpflegung wird immer schlechter. Die Suppe besteht aus Wasser und schwarzen Kartoffelschalen.

Bewegung in der Baracke, es gibt Post! Der Läufer vom Blauen verliest die Empfänger der Rot-Kreuz-Rückantwortkarten. Im Augenblick ist alles totenstill. Spannung beklemmt das Herz. „Boog!" - Ein fremder Name. Noch einmal „Boog!" Bin das ich? Fritz stößt mich an. „Du bist dran!" „Hier!" Als hätte ich blind ein Los ziehen müssen, schwarz oder weiß, sitze ich auf der Pritsche, die Karte in der Hand. Der Text steht auf der Unterseite. Meine Frau. Nicht mehr die waldviertler Adresse, wohin sie mit dem Buben evakuiert worden war, sie ist in Wien.

„Lies doch endlich!" Dieter und sie gesund. Macht mit meinem Bruder Heimarbeit. Also keine Rückkehr in ihren Beruf als Lehrerin. Nichts von ihren Eltern, kein Wort von den meinen. „Wenn nur endlich Ruhe wäre..." Der Tag vergeht also nicht ungestört, die Nacht wohl auch nicht... „Mal dir doch nicht das Schlimmste aus! Denk nicht gleich das Ärgste." tröstet Fritz. Er hat keine Post bekommen, hat auch Frau und Kind, einen Buben, wie ich.

Man hält viel aus. Nicht auf den Weg kommt es an, sondern auf den Standpunkt, die Gesinnung, die ihn bewältigt. Zu Hause fangen wir von vorne an. Die Liebe wäscht alles rein...

Unsere Lage wird immer schlechter, der Hunger unerträglich. Ich wiege 65 Kilo, Dr. Wenzel, unser Regimentsarzt, den ich in der deutschen Baracke besuche, 58 Kilo. Bei gleicher Größe und ähnlicher Statur wie ich, aber ohne bummerl´schen Stärkezuschuß. „Noch keine Gefahr", meint er. Er hat keine Post, seine Familie ist in der Ostzone. Wie mag es Oblt. Hans gehen, der angeblich in einen estnischen Ölschieferbruch kam?

In der Banja, im Gedränge unter der tröpfelnden Brause, kommt mir mein goldenes Halskettchen mit dem Widder, Geschenk meiner Frau beim letzten Abschied, abhanden. Wir heben den Lattenrost hoch, nichts. Sollte es geschickte Langfinger unter uns geben? Diesmal habe ich es nicht in der Faust gehalten...

Es heißt, daß Neue ins Lager kommen sollen, andere wollen wissen, daß ein Heimkehrertransport zusammengestellt wird. Die Parolen kommen fast immer aus den Mannschaftsbaracken. Dort gibt es Leute, die die russische Seife essen und Machorkatee trinken, weil nur Dystrophiker - auch ein Wort, das früher keiner kannte - nach Hause geschickt werden. Dabei fordert dieser erste Winter in Gefangenschaft ohnehin seine Opfer. Täglich fast werden auf Bahren, mit einer Zeltbahn zugedeckt, die hinausgetragen, die nicht mehr von der Pritsche heruntergestiegen sind. Manche haben sich im Tode nicht gestreckt, sondern verkrampft, das sieht dann aus, als decke die Zeltbahn einen sperrigen Kiefernast zu.