Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen...

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen... Offenbar wird dieser unsoziale Grundsatz einer sozial sich gebenden Gesellschaftsordnung konsequent auf uns angewendet. Die Krautsuppe wird dünner, je näher der Winter kommt, der Kascha aus zerkochten Kartoffeln wässeriger, und gar das Brot! 600 Gramm sollen wir täglich in drei Teilen erhalten; wir bekommen es auch, aber es ist so naß, daß das Wasser heraustropft, wenn man es zusammendrückt. Es wird in rechteckigen Blechkästen "gekocht", die Formen werden mit Kerosin ausgeschmiert, damit es nicht hängen bleibt. So schmeckt das Klitschbrot nach Diesel. Nachts stehen wir auf, nicht nur, weil wir austreten müssen - wir schauen, ob die Bäckerei raucht. Dann wissen wir, daß sie Mehl erhalten hat, und daß es morgens Brot gibt. Tagelang aber steht sie finster und kalt da, einmal gibt es vierzehn Tage kein Brot. Auch keinen Ersatz. Die Wassersuppe und das bißchen Brei füllen den Magen kaum und stillen den Hunger gar nicht. In dieser Zeit lerne ich die Brösel mit dem Finger aufzutupfen, eine Gewohnheit, die mich bis heute nicht verlassen hat.

Wir werden scharfe Beobachter und lernen sehr gut abschätzen, ob eine Brotportion 200 Gramm hat oder nicht, der Mann, zum Brot- und Zuckerverteiler erwählt, hat kein leichtes Dasein. Zum Produktempfang wird er stets begleitet. Geteilt wird der "Buchanken", das Kastenbrot, mit einem Holzmesser. Auf einer gebastelten Balkenwaage gewogen. Licht gibt ein Kienspan, aus dem Feuerholz geschnitten. Während in seinem warmen Schein der Teiler werkt, beugen sich im Halbkreis die Hungrigen um ihn, und auch die Schatten schauen zu. Oft denke ich, was das für ein Gemälde gäbe. Wenn der Span erlöscht, und das Brot samt dem Löffel Zucker verdrückt ist, liegen wir wieder auf den nackten Brettern und starren ins Dunkel. Mich hält der selbstgeschneiderte Schlafsack aus der Luftwaffenplache wärmer als die anderen.

Wann es begonnen hat, weiß ich nicht mehr, aber es ist der Hunger, der uns nicht mehr verläßt, auch nicht nach den Mahlzeiten: Wir erzählen einander unsere Lieblingsgerichte, ja, wir kochen sie im Geiste mit allen Feinheiten gar.

Wir: Da ist Dr. Küster, der Richter. Mit ihm verstehe ich mich am besten. Neben mir liegt Dr. med. Fritz Handleger. Er hat ein Photo seiner Frau mit dem Söhnchen auf dem Arm, ähnlich dem meinen, das mir vom Hochstand heruntergefallen ist. Kopf an Kopf mit uns liegt Leo Schorf, der Weinbauernsohn träumt davon, Zahnarzt zu werden. Neben ihm Phummer, der Apotheker, der Cellist aus dem Kongregationsorchester. Wie alt" kam er mir vor, dem Fünfzehnjährigen, wenn er seine Soli strich!

Geheimnisvoll weiht uns Phummer ein: Ob wir bei der Malzproduktion mitmachen wollen? Man könne aus Kartoffelschalen Stärke auswaschen, aus der mit Hilfe gekeimter Gerste Malz zu gewinnen sei. Die müsse er freilich der russischen Ärztin abliefern, sie interessiere sich sehr für seinen Vorschlag, aber irgend etwas werde schon für uns herausspringen. Wir schauen uns an, und sind dabei. Am nächsten Morgen schon ziehen wir, von den anderen als "Phummer-Bummerln" verlacht, in den Erdbunker ein, der unsere Arbeitsstätte werden soll.

Zuerst karren wir Kartoffelschalen und -abfälle aus der Küche in unseren Bunker, der früher Waschküche des KZ war. In einem Betonbecken werden sie gestampft und geschlämmt. Die Schlämpe schöpfen wir ab, damit sie sich absetze. Es geht uns nicht schlecht dabei. Wir karren und stampfen, schlämpen und schöpfen, wochenlang. Die zartlila Stärke, die sich absetzt, schneidet Phummer nach dem Festwerden ab und - verschwindet. Produktionsgeheimnis. Den tieferen Bodensatz, durch Sand mehr oder weniger verunreinigt, verwenden wir für uns. Ein paar Löffel davon in die Wassersuppe gegeben und auf unserem Öfchen noch einmal aufgekocht, gibt eine wunderbar "sämige" Suppe - auch ein Wort, das ich erst jetzt kennenlerne. Herrlich füllt die sämige Suppe den Magen, aus ist's mit den Kochgesprächen! Außerdem rösten in einer Konservenbüchse Kartoffelstückchen, ausgeschnitten aus fauligen Kartoffeln, von trägen privilegierten Schälkommandos allzu schnell verworfen.

Manche haben uns ob des freiwilligen Arbeitseinsatzes geschmäht; Erich sei für diese Chance, den ersten Kriegsgefangenenwinter wochenlang gut zu überstehen, von Herzen gedankt.

Die Gerste keimt in der Wärme unseres Bunkers, in dem wir so herrlich aus der Masse herausgehoben sind, dann holt sie Erich ab, um sie in den geheimen Herstellungsprozeß zu mischen. Eines Tages läßt er uns eine Büchse mit Melasseresten ausschlecken. Hm, nicht schlecht! Das wird auch die Ärztin anerkennen.

Längst verlacht uns niemand mehr. Man sieht deutlich, was uns diese Spielerei" einbringt, und neidet sie uns. Ich beginne, Brot und Zucker zu sparen. Schon ist Advent, und Weihnachten kommt heran. Ich habe gelernt, auf Röstbrot mit feuchtem Zucker einen Überguß zu machen. Besitz macht mißtrauisch, und Hungrige sind schwache Menschen, auch wenn sie Offiziere gewesen sind. Beim Zählappell wird ein junger evangelischer Geistlicher, Leutnant der Flakartillerie, als Brotdieb bloßgestellt. Ein Schrei der Entrüstung. Mir erstirbt mit Knacklaut die Stimme in der Kehle. Gott sei Dank! Pharisäer! Ich bin satt und muß nicht stehlen. Der arme Pfarrer. Kameraden bestehlender Offizier hätte schon genügt. Aber die Hemmschwellen liegen verschieden hoch. Richte niemand, auf daß du nicht gerichtet werdest . . Abends proben wir unter Hauptmann Hutterichs Leitung Weihnachtslieder; der Pastor fehlt . . .

Nachts muß ich auf die Latrine. Die Bäckerei raucht, es gibt also Brot. Ich sehe nicht, daß die Senkgrube randvoll ist. Wie die Bombe ins Loch fällt, bespritze ich mir den Hintern mit Jauche. Mensch, ekelt mich! Wie ein Hund, der Würmer hat, fahre ich im Schnee herum, ehe ich in die Hose schlüpfe. Dr. Handleger, dem ich auf der Pritsche mein Mißgeschick berichte, murmelt im Halbschlaf: "Lauter gesunde Leute hier . . .!"

Läuse haben wir in Salaspils keine, aber Flöhe, Flöhe! Das Erste morgens ist, die körperwarme Decke in die Kälte zu hängen und die Flöhe abzusuchen, die sich mit dem Kopf in die Kotze bohren. Ein Dutzend ist eine magere Strecke. Das mache ich meist mit nacktem Oberkörper, dazu ein paar Turnübungen. Aus Mangel an Wasser, Zahnbürste und -pasta massiere ich das Zahnfleisch mit dem Finger. Zum Waschen reicht Schnee. Die Banja ist für uns nur einmal wöchentlich zugänglich; die Arbeitskommandos haben überall Vorrang.