Karfreitag 1945 - Dawai Plennij

Am Karfreitag 1945 gegen Mitternacht verabschiedet sich unser Kommando von den lettischen Quartiersleuten. Die Kinder werden aus den Betten geholt. Alle weinen. Die Mutter schlägt etwas wie einen Segen über uns. Jeder weiß: Die nächsten Soldaten, die das Haus betreten, tragen andere Uniform ... Die Nacht ist ruhig. Kein Artilleriefeuer aus Richtung Prekuln ist zu hören. Wir besteigen den Wagen, der uns zum Regiment bringen soll.

Der Großvater steht vor dem Stall und winkt. Wir verlassen den westlichen Abschnitt des Festungsringes Libau, den wir in den vergangenen Wochen ausgebaut haben für die letzte Kurlandschlacht. Hier im Kessel war Endstation unseres Rückzuges, den wir im Februar des vorigen Jahres im Raum südlich von Leningrad angetreten hatten. Wer wird sich hier verteidigen? Wird sich hier jemand verteidigen? In den Panzer- und Schützengräben gluckst das Schmelzwasser, die Bunker und MG-Stände, die wir des Grundwassers wegen kaum in den Sand bauen konnten, heben sich wie Hügel und Mauern aus dem Dunkel. Gegen Morgen erreichen wir das Bunkerdorf, mitten im Kiefernhochwald. Wir lösen eine Einheit ab, die nach Deutschland verlegt wird. "Heim ins Reich!"

Kaum zu glauben. Aber wer weiß, wohin. Wir gehören laut Einsatzbefehl zum 10. Armeekorps des General Tomaschke. Die Division führt - ohne Nummer - Oberst von Giese. Unser Sicherungsregimentsstab heißt - wohl zum letzten Mal - Kampfgruppe 130 und besteht aus dem Füsilierbataillon 126 unter Hauptmann Hutterich, dem 13. litauischen Bataillon und zwei Landesschützenkompanien. Unser Frontabschnitt beginnt ostwärts des Sumpfes des Grobiner Sees, läuft im Bogen südlich des Sees aus dem deckungslosen Wiesengelände in den Wald und endet mit dreißig Metern Stacheldrahtverhaus in der Ostsee. Der Graben eines Waldbaches ist das Niemandsland. Deutlich sind die russischen Bunker und Schützenstände im Dickicht zu sehen. Nichts regt sich. Wie lange noch?

Ende April große Aufregung! Drei Mann der Stabskompanie sind übergelaufen! Aber vor der russischen Stellung gingen Minen hoch, nur einer kam durch.

Am 30. April, kaum, dass es dämmert, hämmert ein Melder an die Tür des Bunkers, in dem ich allein schlafe. "Alarm! Der Russe kommt"!

Das Füsilierbataillon wird von dem drüben liegenden Strafbataillon angegriffen. Alles rennt durcheinander. Über uns jault die eigene Artillerie. Mit der Eingreifreserve gehe ich nach vorn. Aber Hauptmann Hutterich hat den Iwan im Gegenstoß schon wieder über den Bach zurückgeworfen. Wir hatten keine Verluste.

Am 2. Mai 1945, es wird gerade licht, und ich will mich rasieren, poltert mein treuer ostpreußischer Bursche in den Bunker. "Herr Leutnant, Hitler ist tot!" Längst schon bereit, das Schicksal des Soldaten auf uns zu nehmen, fragen wir uns, was nun? Wir sehen einander an, und geben uns schweigend die Hand. Nun ist alles aus.

Später hören wir, der Fahneneid gehe auf Großadmiral Dönitz über. Manche glauben, nun, da die Alliierten ihr Ziel, Deutschland zu zerschlagen, erreicht haben, würden sie mit uns gegen die Sowjets gehen. Die Kurlandarmee ist ja vollkommen intakt, und schon macht ein Gerücht die Runde: Die Homefleet sei ausgelaufen, um uns herauszuholen!" Am 7. Mai abends kommt ein Fernschreiben von der Division Oberst von Giese. Der Stab wird zusammengerufen, denn antreten kann man diese Art der Versammlung nicht nennen. Der Adjutant verliest den Kapitulationsbefehl: ... ab 8. Mai 1945, 14 Uhr ruhen die Waffen. In den Stellungen sind weiße Fahnen zu zeigen. Die Truppe verbleibt in ihren Räumen ..."

Alles schweigt. So einfach ist es, nach einem solchen Krieg zu kapitulieren. Man verbleibt einfach in seinen Räumen. "Und was ist, wenn der Russe kommt?" Die Männer schauen auf die Offiziere. Aber wer begreift schon diese Situation? Kapitulieren wurde nie geübt. "Der Russe wird euch schon sagen, was ihr tun müßt." Dann gehe ich in meinen Bunker und verbrenne Papiere und Akten.

Als der Adjutant zu mir kommt, nickt er befriedigt. Aber er weiß, dass ich Tagebuch führte. Seite für Seite muss ich verbrennen. Auch die Wehrpässe werden verbrannt. Nur mein Soldbuch habe ich noch. Langsam nehme ich die ovale Erkennungsmarke vom Hals mit der Stammrollennummer der 1. Kompanie I. R. 134. Die brauche ich jetzt nicht mehr. Aber was tun, wenn die Russen kommen? Das kann sich keiner vorstellen.

Manche halten die Spannung nicht aus. Wir haben zu viel erlebt auf Rückzug und Gegenstoß. Sie schlagen alle Warnungen in den Wind und hauen auf eigene Faust ab. Ohne Plan, unvorbereitet, ohne Überlegung. Nichts fruchtet. Kein Vorhalt, dass Kurland seit Monaten ein Kessel ist, dass die wenigen Straßen zwischen den Sümpfen durch russische Heerlager führen, dass die Russen mit einzelnen Soldaten im Walde sicher kein Federlesen machen. Auch Schiffe gibt es keine mehr; was in Libau vor Anker lag, ist längst von Truppen und Stäben gestürmt ...

Mir geht Werner Hortungs Telefonanruf von vorgestern nicht aus dem Sinn. Werner war noch im April dieses unseligen Jahres, schon 42 Jahre alt, auf einen Offizierslehrgang nach Libau kommandiert worden. Vor zwei Tagen hatte er mich angerufen. "Leb wohl! Du warst mir ein guter Freund. Viel Glück für das, was kommt. Vielleicht sehen wir uns nie wieder. Leb wohl!" Meine Frage beantwortete er nicht mehr, er hatte eingehängt.

Über Funk hören wir, dass eine benachbarte Panzereinheit einen letzten Einsatz fährt, bis zur letzten Granate. Der Stab des Oberst v. Giese verbarrikadiert sich - und erwartet den Russen. Wer wollte, wurde entlassen ... Rund um uns liegen Strafeinheiten, aus sowjetischen Konzentrationslagern rekrutiert ...

Niemand schläft in dieser Nacht. Wen der Dienstgrad bisher einsam machte, sucht nun die enge Gemeinschaft. Ich sitze beim Nachrichtenzug. Aus dem Funkgerät ertönt Svendsens Romanze für Violine und Orchester wie ein Abgesang. Die Leute rätseln über die Zukunft ...

Irgendwie geht die Nacht vorbei, ein Sonnenmorgen bricht an. Von den Russen ist nichts zu merken. Ich gehe durch den Kiefernhochwald, über die Dünen, und steige auf einen Hochsitz, von wo ich so oft den Sonnenuntergang im Meer betrachtet habe. Auf die Bank lege ich die Brieftasche mit den Bildern der Meinen und - die Pistole.

Es gibt keinen wahnwitzigeren Gegensatz als diese Frühlingspracht, diesen Aufruf zum Leben, der sich an alle Sinne drängt im Rauschen der Wellen und des Waldes, in dem die Vögel jubilieren, im Geruch von Salz und Harz, und dem Glanz des Lichtes - und dem verzweifelten Entschluss, der mich hierher geführt hat.

Diese Bilder vom letzten Urlaub im September 1943, in Dirndlkleid und Lederhose, und jenes, auf dem meine Frau unseren Buben, rund und pausbäckig, trägt. Und die anderen alle, Zeugnisse glücklicher Stunden, die nun unwiederbringlich ein Ende finden ...

Es ist schwer, inmitten dieses Sonnentages den inneren Blick auf das große Dunkel zu richten, während die Finger über die ungehobelte Bank nach der Waffe tasten - "Ist dort oben jemand?" Habe ich ja gesagt? Langsam kehren die Dinge in den Blick zurück. "Das ist Ihnen hinuntergefallen". Ein Kopf erhebt sich über den Boden des Hochstandes, eine Hand, die eine Fotografie heraufreicht. Es ist die mit dem pausbäckigen Gesicht Dieters. Dann sieht er die Pistole. "Sie auch...?"

Er betrachtet meine Fotos, zeigt mir seine Bilder. Der Frühling ist kein Gegensatz mehr. Die Heimat ersteht und die Hoffnung.

Wir klettern hinunter, die Pistolen fliegen in die See, und wir tun die ersten Schritte in einen anderen Lebensabschnitt, der schon nach wenigen Stunden diesen Namen nicht mehr verdient:

In die Gefangenschaft.

 

 

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