Das Taschentuch

Immer mehr Kranbahnteile schweißen wir zusammen. Sie werden aber nicht abtransportiert, sondern gelagert. Dann bauen wir Stahlsäulen mit Konsolen, auf die die Kranbahn montiert werden soll. Das Kommando wird verstärkt. Eine Ungarnbrigade aus unserem Lager soll die ausgehobenen Fundamente betonieren. Neben Katja und den beiden anderen Mädchen arbeitet auch ein junger Bursche als Schweißer auf unserer Stellage. Er spricht fließend Deutsch!

In diesen Hochsommertagen zeigt sich täglich ein bemerkenswertes Naturschauspiel. Gegen halb zehn wandert über die Ebene südlich von uns eine große gelbe Windhose. Wenig später setzt ein heftiger Wolkenbruch mit Blitz und Donner ein, und alles hetzt in den Speiseraum. Nach einer halben Stunde ist der Zauber vorbei, und die Sonne scheint, als ob nichts gewesen wäre. Freilich können wir nicht gleich weiterarbeiten, denn die nassen Stellagen stehen unter Strom.

Der junge Schweißer hat für sich ein Zelt aus einer Wagenplache aufgebaut, und es fügt sich, daß ich mit darunterkrieche. Er war in einem ukrainischen Kinderheim untergebracht, als die deutschen Truppen kamen. Mit den anderen Kindern wurde er im rückwärtigem Gebiet in ein Heim gebracht, das von deutschen Schwestern geleitet wurde. Hier im Unterricht, später bei den Soldaten, bei deren Feldküche er sich herumtrieb, hat er Deutsch gelernt, und zwar sehr gut. Einmal, als der Wolkenbruch auf die Plache trommelt, singt er den "Westerwald" und die "Blauen Dragoner", ich singe mit. Oder erzählt russische Märchen in meiner Muttersprache, daß ich vergesse, einen Ukrainer neben mir zu haben. Wie unsinnig ist doch, was die Mächtigen mit uns treiben.
Eines Tages zeigt mir Pjotr ein Taschentuch, bunt mit Kreuzstichmustern bestickt.

"Meinem lieben Pjotr mit vielen Küssen und herzlichen Grüßen von seiner Mutter!". So steht es in alle vier Ecken gestickt. "Von meiner Mutter. Sie ist in Workuta. Sie hat zehn Jahre ausgefaßt, weil sie im Gärtchen selbst gezogene Krautköpfe auf dem Schwarzen Markt verkaufte. Ein Neidischer hat sie angezeigt. Straftenor "Spekulation". Pjotr: "Bei uns gibt´s in jeder Familie einen wenigstens, der im Lager sitzt".

Anfang August beginnen wir, die von uns gefertigten Säulen auf die Fundamente zu schrauben. Später werden Stahlbinder montiert, und ich lerne, auf den Doppel-T-Trägern zu balanzieren. Der Autokran hebt die Krahnbahnteile hoch, wir schrauben sie hoch oben an.

Gleichzeitig wird per Bahn eine riesige Halle, in Österreich, in Aspern demontiert, angeliefert. Sie soll auf die von den Ungarn betonierten Fundamente gestellt werden. Langweilig ist uns nach wie vor nicht. Wir sind mit den Gedanken bei der Arbeit, überanstrengen uns nicht, kassieren Prozentebrot und ein paar Rubel, und bilden eine Brigade, in der es weder Spitzel noch Probleme gibt. Wir vertragen uns ausgesprochen gut. Etwas bedrückt uns: Seit der Untersuchungshaft sind wir mit Schreibverbot belegt. Unsere Lieben wissen, daß wir verurteilt wurden, aber seit etwa zehn Monaten haben sie abermals kein Lebenszeichen von uns. Die armen Frauen! Manchmal kommen ja vereinzelt Karten, und sogar Briefe ins Lager, und werden auch ausgegeben; aber die meisten Angehörigen versuchen nicht, auf´s Geradewohl zu schreiben.