In der Banja

Hier in der Banja - das Bad und Wäscherei, werden keine Fragen gestellt. Der Chef ist kameradschaftlich, korrekt, was die Arbeit betrifft, und unauffällig. Wer weiß, warum er diesen Posten hat. Vielleicht schon seit der Aufbauzeit dieses Lagers, ebenso wie der Sanitäter Fritz. Im Juni 1948 steht vor dem Tor ein Transport aus Sewastopol! Nur Deutsche. Schon kreisen die Parolen. Sie sehen nicht schlechter aus als wir, und berichten auch nichts Aufregendes. Sie hoffen nach Hause zu kommen, und ihre Zusammensetzung berechtigt auch dazu. Was mich betrifft, so habe ich mich längst gegen aufkeimende Hoffnung durch lancierte Gerüchte gewappnet. Ich tue mir leichter, wenn ich mich taub stelle, und Tag für Tag ertrage, wie er mir aufgebürdet wird. Wenn ER mich kennt, wird ER wissen, welchen Weg und wie lange ich ihn gehen muß.

Daß dieses Lager Raswilka nicht nur vom Namen her einen Scheideweg für mich bedeutet, wird mir immer klarer. Habe ich mir nicht nach der Matura, als ich dachte, nun stünden mir alle Wege offen, ein ungewöhnliches Leben gewünscht? Ich habe mich - ein Zwerg-Faust, ha, ha! - einfach zu hoch gebläht. Nun will ER mich lehren, SEINEN Willen anzunehmen, nicht meinen durchzusetzen. Sind nicht alle Wünsche, die ich heiß erstrebte, anders, zu spät oder gar nicht erfüllt worden? Vielleicht aber will ER mich nicht demütigen, nur anders haben? Bin ich etwa in die falsche Richtung marschiert samt meinem Pfund?

Nun hat´s mich erwischt! Seit Wochen grassiert, vielleicht durch die Sewastopoler eingeschleppt, die Bartflechte im Lager. Der Ziegenpeter, der vor einem Monat die Spielgruppe lahmgelegt hatte, konnte mir nichts anhaben, da ich schon als Kind Mumps gehabt hatte. Seuchen wie Fleckfieber gab es bis jetzt in keinem der Lager, wo ich war. Wir hatten ja schon im Hauptlager in Riga eine Kombiimpfung bekommen. Aber nun marschieren morgens immer mehr Leute aus dem Lager, vom Sani Fritz einmal mit Teersalbe, dann wieder mit Brillantgrün und zur Abwechslung mit Schwefelsalbe eingeschmiert. Friseur Unger bekommt vom Russen ein zweites Rasiermesser, für die noch Gesunden. Mehr erreicht Dr. Tschunk, der deutsche Lagerarzt, nicht von der russischen Ärztin. Mehr kann wohl auch Frau Dr. Burstein nicht tun. Manche gehen nicht mehr zum Friseur, aber die Haarwurzeln der Bartstoppeln vereitern. Andere gehen frisch rasiert mit blutender Haut zum Sani, und Fritz betupft sie mit der gerade vorrätigen Farbe.

Als sich bei mir die Flechte von der Kinnspitze fünfmarkstückgroß auf beide Wangen ausbreitet, fällt mir meine Großmutter in Schlesien ein: Sie ließ uns bei Halsweh mit dem eigenen Harn gurgeln. Nach dem Rasieren wasche ich mir das Gesicht mit der frischen Pisse. Es brennt beachtlich! Und noch einmal drauf, solange der Vorrat reicht. Am Zaun laufe ich entlang, bis die Haut trocken ist. Ohne mich zu waschen, trete ich die Nachtschicht an. Kaum vierzehn Tage später ist die Flechte abgeheilt. Sani Fritz nimmt die Therapie mit Interesse zur Kenntnis, andere wenden sie an.

Ich bin nicht der einzige, der am Zaun entlang läuft. Einer der Sewastopoler fällt mir auf, einige Jahre älter, in sich gekehrt, irgendwie gesammelt. Als ob ihm die Gefangenschaft wenig anhaben könnte. Ich richte es so ein, daß wir uns immer wieder begegnen, und beginne zu grüßen. Er erwidert lächelnd, spricht mich aber nicht an. Eines Abends geht mir ein Licht auf: Der betet! Als die Sewastopoler baden, und ich das heiße Wasser ausgebe, frage ich einen, der mir geeignet erscheint, ob unter ihnen etwa ein Priester sei? Er ist es.

Am gleichen Abend stelle ich mich vor. Kaplan Ludwig Scharf aus Bayern, Jahrgang 1915, wurde noch kurz vor der Einberufung im Schnellverfahren zum Priester geweiht und erlebte den Krieg als Luftwaffennachrichtensoldat, nicht etwa als Sanitäter. Im übrigen bleibt er zurückhaltend, denn die Art, wie ich mich an ihn herangemacht habe, paßt ganz gut auf einen Spitzel.

Nach einigen Tagen ändert sich sein Verhalten. Fritz Berghoff, der Sanitäter, der einer der ältesten Lagerinsassen ist, weil er 1947 das Lager Raswilka mit aufgebaut hat, früher in der evangelischen Jugendbewegung tätig, ist schon vertraut mit dem Kaplan. Ludwig erzählt ihm von mir, Fritz erkundigt sich über mich, und am nächsten Sonntag laden sie mich ein, eine Andachtsstunde mit ihnen zu feiern. Auch ein Pastor aus Ostpreußen, Stepanek heißt er, gehört dazu. In den Brennholzstapeln versteckt hält Ludwig Scharf eine Predigt. Aber das ist sie nicht! Keine frommen Phrasen, keine billigen Floskeln. Da spricht einer, der sich seiner Angst nicht schämt, seine Sorge nicht verheimlicht und bekennt, wie schwach seine Hoffnung ist! Vom Ölberg spricht er, und vom Kelch, der an uns vorübergehen möge, und doch hat Ludwig die Kraft, zu bitten, nicht unser, sondern Gottes Wille geschehe! Und in mir wird kein Widerwille wach. Sie lehren mich ein Lied, Fritz hat es beigesteuert, das ein junges baltisches Mädchen, eine Adelige, ihren Leidensgenossen im bolschewistischen Kerker sang, bis auch sie vor das Erschießungspeloton gezerrt wurde.

Weiß ich auch nicht den Weg,
Du weißt ihn wohl!
Das macht die Seele still
und friedevoll.
Ist´s doch umsonst,
daß ich mich sorg´ und müh´
daß ängstlich schlägt mein Herz
sei´s spät, sei´s früh.

Du weißt, woher der Wind
so stürmisch weht,
doch Du gebietest ihm,
kommst nie zu spät.
Ich preise Dich
ob Deiner Liebe Macht
und rühm´ die Gnade,
die mir Heil gebracht.

Du weißt den Weg für mich,
Du weißt die Zeit.
Dein Plan ist fertig schon
und liegt bereit.
Drum wart ich still,
Dein Wort ist ohne Trug:
Du weißt den Weg für mich,
das ist genug.

Am nächsten Sonntag spricht Pastor Stepanek, und wir singen Lieder, die Katholiken und Evangelische gemeinsam haben. Immer trennen wir uns mit dem Lied des baltischen Mädchens - „Weiß ich auch nicht den Weg, Du weißt ihn wohl ..."

Noch weiß ich nicht, daß noch sieben Jahre Gefangenschaft vor mir liegen. Das Lied begleitet mich und wird mir noch oft Trost spenden, ebenso wie das Gedenken an das Mädchen, das in die bolschewistischen Gewehrläufe sah ...

Mir dämmert, daß der Sinn des Lebens einfach im Tragen des Schicksals besteht, eines Schicksals, das wir uns oft genug selbst bereitet haben. Wir sind gefordert, bewußt - nicht widerwillig - unser Los zu tragen. Der große Herausforderer verlangt: Nimm Dein Kreuz und folge mir nach; sei größer als Dein Schicksal.

Ludwig, der Kaplan, arbeitet am Steinbrecher. Kommt er abends in die Banja, ist er über und über voll mit Steinstaub bedeckt. Nach einer Woche wird er zum Teer Kochen eingeteilt. Die Leute dort sind verrußt, bis unter die Wäsche dringen die Teerspritzer und Absprengsel, wenn sie die Teerbrocken vorher mit der Kreuzhacke zerschlagen. Auch diese Arbeitseinteilung ist wohl kein Zufall. Wenn schon nicht der Blaue den Priester zu solcher Arbeit bestimmt hat, dann sicher Willy, der Propagandist aus Wojenskij, der jetzt Lagerführer in Raswilka spielt, immer noch in Breeches und Offiziersuniform.

Heimlich lasse ich Ludwig das Hemd öfter wechseln, was sonst nur einmal in der Woche geschieht. Aber das bleibt nicht verborgen, ebenso wie der Nachschlag, den ich ein einziges Mal, nachts, als wir von der Nachtschicht ihn gegen Mitternacht bekommen, zu ihm hinaustrage. Ludwig schläft, wie viele andere auch, wegen der Wanzen im Sand zwischen den Baracken. Aber Willy, haßerfüllt, sadistisch, russischer als die Russen, hat seine Zuträger. Den Banjaleuten, und auch gleich dem Sanitäter Fritz, der die nächtliche Entlausung beaufsichtigt, wird der Nachschlag für Nachtschicht gestrichen.

Unsere Andachtsstunden platzen! Wir vier müssen zur Vernehmung. Nach den üblichen 46 Fragen fragt die Dolmetscherin plötzlich: - „Sie beten wohl viel?" - „Ja". „Da müssen Sie aber ein sehr schlechtes Gewissen haben!" Alles erfährt der Blaue. Ludwig hat mich den freudenreichen Rosenkranz gelehrt. Ich habe dieses endlose Abrakadabra alter Weiber immer verabscheut. Ludwig erläutert die einzelnen Bilder, und auf einmal wird´s eine Meditationsübung, die sänftigt und beruhigt.

Dennoch, manchmal meine ich, mich in den Stacheldraht werfen zu müssen, so unerträglich drückt die Unfreiheit. Und die Erkenntnis, rein gar nichts zu sein, keinen Beruf zu haben, keine Ausbildung, während hier die Zeit verrinnt wie Blut aus geöffneten Adern, und Weib und Kind warten, warten ... Warum? Warum ...

Um mich herum liegen Schläfer im Sand. Ich bin nicht allein. Wie süß die Nachtigall singt. Das Siebengestirn steigt herauf, es geht gegen den Morgen. Herr, dein Wille geschehe.

8. September 1948. Ein strahlender Tag. Kurz vor dem Essen wird Norbert zur Wache gerufen. Bleich kommt er zurück. Er muß sich fertigmachen, er kommt weg! Ich helfe ihm, die Marschverpflegung, lauter Trockenprodukte, in Zeitungspapier einzuwickeln, seine Hände zittern so sehr, daß er es nicht fertig bringt.

Schweigend umarmen wir uns, ich kann ihn nicht zum Tor begleiten. Sie erzählen, daß er wie ein Schwerverbrecher von sechs Mann unter einem Offizier mit Hunden und gezogenen Pistolen abgeführt wird. Einzeltransport ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Heute ist sein 38. Geburtstag. Als ich früh den Speisenplan schreibe, ergänze ich meine Daten insgeheim bis zu Norberts Abtransport. Ab heute bete ich für ihn. Jahre lang. Nur langsam weicht das bleierne Gefühl der Verlassenheit. Seit September 1945, seit Riga, waren wir beisammen. Drei Jahre lang. Wie wird es ihm ergehen? Er findet sich in schwere Arbeit schlecht hinein. Wenn er ins Bergwerk kommt, ist er erledigt. Enger noch schließe ich mich an Ludwig und Fritz an.