Der Weg in russische Gefangenschaft

Am 15. Juni 1945, nach einem Marsch von mehr als dreihundert Kilometern, halten wir vor einem Erdbunkerlager. Zehn Holzhütten, halb in die Erde versenkt, mit Fenstern, die aus Schächten blicken, halbhohe Holzpritschen, auf die 25 bis 30 Mann gepfercht werden - uns erscheinen sie nach den vergangenen Tagen und Nächten als der Gipfel der Bequemlichkeit. Kein Zaun. Zwei Maschinengewehre, diagonal aufgestellt, ersetzen ihn. Wer mag früher hier gehaust haben? Wir erfahren es nicht; jedenfalls keine Gefangenen.

Nun lernen wir auch den bisherigen Kolonnenführer kennen, jetzt Kommandant unseres Lagers: Leutnant, etwa 24, hager, aschblond, 1,70 m, Karelier. Dienstplan wie bisher. Drei Mahlzeiten, in der Küche jenseits der Straße zubereitet und in Kesseln herüber getragen. Zweimal täglich Zählappell.

Nach einigen Tagen ein Arbeitseinsatz, der erste und letzte hier, der die Wiese bei Windau mit ihren Erdbunkern - vielleicht ein Holzfällerlager einst - in ein Kriegsgefangenencamp verwandelt. Es kommt Stacheldraht, und wir holen Kiefernstämme, um den Zaun zu errichten.

Als wir hinter dem beladenen Lastwagen ins Lager trotten, stecken mir zwei entgegenkommende Mädchen ein kleines Päckchen zu. Niemand hat es bemerkt. Auch im Lager mache ich kein Aufhebens davon. Die Mädchen müssen ihr Tun geplant und vorbereitet haben.

Aber ein solches Risiko einzugehen? Mitleid mit dem Feind! Das Päckchen enthält ein Stück schlichten Kuchen. Auf dem Einwickelpapier stehen mit Bleistift geschrieben zwei lettische Worte: „Milais bralins" - liebe Brüder. Helfen kann uns niemand, aber wir sind nicht allein.

Auch das Leben, das wir hier im Lager Windau führen, scheint allen Vorhersagen zu spotten. Am dritten Tag entdecke ich beim Herumschlendern hinter einer der Baracken eine Versammlung, die sich als Englischkurs entpuppt! Ich stelle mich Oberstleutnant Butler vor, und er nimmt mich in den Kurs auf.

In den nächsten Tagen bilden sich zahlreiche andere Zirkel. Ich besuche ein „botanisches Seminar" mit Bestimmungsübungen. Der leitende Biologe erhält vom karelischen Kommandanten die Erlaubnis, mit seinen Kursanten einen Korb Pflanzen und Blumen ins Lager zu holen. Die bemerkenswerteste Vortragsreihe hält ein Gerichtsmediziner: Selbstmordmethoden! Er rät vom Ertränken ab, schildert den langen Todeskampf und empfiehlt - begründet - Erhängen.

Der Karelier erlaubt einem von uns, russische Nachrichten im Wachlokal abzuhören und bei der Zählung zu verlesen.

In Wien wurden Sanitätsstellen eingerichtet, vor denen die Frauen Schlange stehen, um sich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Vorübergehend sollen Abtreibungen freigegeben worden sein.

Dem Karelier wird hinterbracht, daß Pistolen im Lager sein sollen. Der Verdacht richtet sich gegen eine Gruppe Offiziere, die einem Divisionsstab angehörten und bis hierher ihr Gepäck durchgebracht haben. Die rigorose Filzung bringt zwei Pistolen und eine Reiseschreibmaschine an den Tag. Ohne schlimme Folgen für uns werden die Dinge eingezogen. Kleinere Dinge persönlichen Eigentums kauft der Karelier ab: Uhren, Füllfedern, Lupen, Signalpfeifchen usw. Ein Kurvenmesser sticht ihm in die Augen. Der Besitzer gibt ihn als „Weltuhr" aus! Am kreisenden Zeiger könne man an den bunten Maßstäben die Ortszeit der einzelnen Erdzonen ablesen. „Was seid ihr Deutschen doch für Leute, daß ihr mit einem solchen Gerät in den Krieg zieht!"

Einer verkauft dem Starschij-Sergeant, dem Postenführer, eine alte, noch mit dem Schlüssel aufzuziehende Uhr. Jeden zweiten Tag kommt der Soldat wieder zu ihm: „Urr kaputt!" Der einstige Besitzer verspricht die Uhr zu richten, zieht sie heimlich auf und bestellt den Starschij für den nächsten Tag. Der kommt mit einem halben Wecken Brot, und ist für eine Weile zufrieden.

Ein schöner Sommer. Sollte es stimmen, daß unser Karelier, der Gelegenheit gibt, uns mit geistigen Dingen zu beschäftigen, die Gerüchteküche als psychologisches Führungsmittel nicht notwendig hat? Hier gibt es keine Parolen.

Eines Tages führt er uns an die nahe Windau zum Baden! Bis zum Grenzbalken dürfen wir schwimmen. Herrlich! Ein Gefühl der Freiheit. Draußen am Balken komme ich mit einem bärtigen Kameraden ins Gespräch. Erstaunt stellen wir fest, daß wir beide Wiener sind; so sehr haben wir uns beim Truppenteil den Dialekt abgewöhnt. Noch mehr staunen wir, daß wir beide im Kongregationsorchester Präses´ Werner Taschner gespielt haben, ich erste Geige am siebenten Pult und er - ist Erich Phummer, der Cellist! Wie ist die Welt doch klein! In Abendgesprächen ersteht Heimat und Jugendzeit.

Überraschung! Hauptmann Hutterich hat insgeheim ein „Schatzkästlein" zusammengestellt. Unter seiner Leitung singt ein Chor Volkslieder. Sketches werden gespielt, ich sage die "Lederhosenballade", "Die Wunderwirkung der Latinität" und "Die alten Landsknechte im Himmel" von Münchhausen auf, einer liest aus einem uralten Lexikon von 1830 geschraubte Artikel vor, und als sich die Dämmerung über die Windauwiesen senkt, singt einer hinter der Kulissenplane mit weicher, warmer Stimme "Heimat, deine Sterne ... " Mancher weint. Ich auch ...

Aber Hunger haben wir auch. Aus Munitionskisten bauen wir Schlagfallen. Sechs junge Spatzen ergeben eine Suppe mit Fettaugen! Aber bald sind die Vögel klug geworden. Vogelmiere, Melde ergeben teils Salat, teils Suppeneinlage.

Hinter dem Stacheldraht, deutlich zu sehen doch himmelweit, liegt die unerreichbare Welt. Ein quälendes Gefühl, daß uns nur ein Meter, freilich vom hohen Stacheldrahtzaun besetzt, von der Freiheit trennt. Im Norden dehnt sich die grüne Weite, Wiesen, Weide, Büsche und ein Himmel, der um Mitternacht noch dämmerig, zwei Stunden später schon wieder hell wird. Im Süden, einige hundert Meter weit, dunkelt Kiefernwald. Und Häuser können nicht weit sein; ich denke an die beiden Mädchen. Wenn ich mir vorstelle, daß ich mit gesunden Füßen jede Entfernung überwinden könnte, daß ich Schritt für Schritt gehen müßte, dreimillionenmal, um nach Hause zu kommen ... es ist zum Verrücktwerden. Man behandelt uns, als hätten wir keine Zeit zu verlieren, als stehe die Zeit für uns still, als gelte es nicht, einen Beruf zu erlernen, ein Leben nachzuholen, ein Ziel zu erreichen. Und die zu Hause? Wie mag es ihnen gehen? Geängstigt, gejagt, vergewaltigt, hungernd, um das Morgen bangend? Zum Denken kommen sie sicherlich weniger als wir.

Gerücht: Wir werden registriert. Am nächsten Tag wird ein Tisch in die Wiese gestellt, ein Offizier mit blauer Mütze stellt 46 Fragen und notiert, was der unbeholfene Dolmetscher übersetzt. Personaldaten, Vatersname, Schulbildung, soziale Herkunft der Eltern, eigene soziale Schicht, militärische Laufbahn, Verwendung, Einsätze, Zugehörigkeit zur Nazipartei. Bei mir schreibt der Offizier einfach „Nazi". Ich war vor dem Einrücken bei der Hitlerjugend. Er schüttelt den Kopf: „Keiner war dabei, nur ein paar Nazis!" Der NKWD-Offizier starrt mich an, dann geht er kopfschüttelnd weiter. Bevor wir zum Bahnhof abmarschieren, wieder Filzung. Wieder wird eine Pistole gefunden.

Eingepfercht in Viehwaggons, die Fenster eng vergittert, wissen wir nicht, wohin es geht. Nach Osten, erkennen wir. Das drückt die Stimmung. An einem Bahnschranken wartet eine Kolonne Kriegsgefangener. „Riga!" rufen sie uns zu, winken und lachen. Die Posten grinsen, keine Anzeichen schlechter Behandlung.

Nach dem Ausladen wird unser bisheriger deutscher Lagerleiter, ein baumlanger Oberst, zum russischen Transportführer gerufen. Der Oberst wird verantwortlich gemacht für einwandfreie Marschdisziplin! Wir treten an, zu fünft allerdings, zählen ab, der Oberst meldet mit Kopfwendung dem russischen Offizier, und dann marschieren wir im Gleichschritt durch Riga! Damit nicht genug, der Russe verlangt, daß gesungen werde. So singen wir „Die blauen Dragoner" und „Ein Heller und ein Batzen", auch den „Westerwald" und „Es zittern die morschen Knochen"! Die Passanten gehen auf dem Gehsteig mit, die Kinder laufen neben her, wir reißen uns zusammen, und es ist, als hätten wir keinen Krieg verloren! Aus den Fenstern fliegen Zigaretten und Blumen, Hände winken, winken ... Wer hätte das gedacht! Die Konvois bekommen gar nicht genug. „Dawai, Fritz! Pietj! Singen!"

Das Hauptlager Riga beherbergt gewiß tausend Gefangene, vielleicht noch mehr. Während der Übergabeverhandlung stehen wir außerhalb im knöcheltiefen Sand. Weit und breit kein Schatten. Es dauert eine Stunde, ein zweite. Die Posten lassen uns nicht niedersetzen, der Durst wird quälend. Voll düsterer Ahnung nestle ich, möglichst bewegungslos, das Kettchen mit dem goldenen Widder vom Hals und behalte es in der Faust. Das silberne Fünf-Lat-Stück, das mir Frau Christmann, meine Quartiersfrau, geschenkt hat. Damals, als wir uns um Mitternacht verabschiedeten, habe ich es noch in Windau in eine Sporthose genäht. Ich schnitt sie aus der Plache eines Luftwaffen-Lastautos, die ich während des langen Marsches nach Windau am Wegrand fand. Die Plache dient mir seither als Schlafsack. Die steife Sporthose trage ich am Leib. Als sich die Garnison auf uns stürzt und eine barbarische Filzung beginnt, ist es für viele zu spät, etwas zu verstecken.

Noch immer gibt es Pistolen! Zwei arme Teufel - oder Dummköpfe - werden zusammengeschlagen und abgeführt. Die Pritschen, aus Betoneisen zusammengeschweißt, dreistöckig, reichen bis unter die Decke. Die Trennung der Österreicher von den Deutschen geschah so schnell, daß ich mich von den Kameraden unseres Regimentsstabes, mit denen ich bis jetzt beisammen war, nicht verabschieden konnte. Ich verziehe mich auf eine mittlere Pritsche und warte, bis sich der Wirbel gelegt hat. Als die Alten uns „Neue" beschnüffeln, merke ich, daß in der Baracke nur österreichische Offiziere zusammengelegt wurden.

Beim Antreten zur Zählung sehen wir erst, wie stark die Belegschaft ist. Das größte Kontingent stellen die Deutschen; das zweitgrößte, bei

dem wir Neuen antreten, die Österreicher. Aber es gibt noch Ungarn, Rumänen, Tschechen, das sind Sudetendeutsche, und Franzosen! Der kleine Haufen besteht aus Elsässern.

Und alle tragen an der Mütze die Landesfarben ihrer Heimatländer. Die Kommandos zum Antreten und zur Meldung an den russischen Lagerkommandanten werden in der Landessprache, bei den Elsässern in Französisch; bei den Sudetendeutschen in Tschechisch gegeben.

Ehe die Russen zählen, begrüßt uns ein kleiner Oberplennij, dessen Uniformbluse anzusehen ist, daß er Offizier war. Er stellt sich als Dr. Sowieso aus Graz vor; er sei Antifaleiter. Es mißfalle ihm, daß wir zum Teil noch Schulterstücke und Offiziersspiegel tragen, aber keine rotweißrote Kokarde auf der Mütze haben.

Wir Neuen werden in Gruppen zu zehn Mann eingeteilt. Wir wählen einen Brotschneider und Zuckerportionierer und einen, der unsere Gruppe vertreten soll. So hat uns der eine oder andere Bekannte unter den Alten ins Lagerleben eingeweiht.

Abends - der Sommer 1945 beschert uns zum Glück einen schönen Tag nach dem anderen - hocken wir in der lauen Luft um die Baracke erfragen bisheriges Ergehen, mutmaßen über die nächste Zukunft, denken an daheim. Neben dem Lager steht eine kleine orthodoxe Kirche mit mehreren Zwiebeltürmen und -türmchen. Statt der Glocken hängen zugeschnittene Eisentraversen in den Bogenöffnungen einer Mauer neben der Kirche. Wer sie schlägt, können wir nicht sehen, es ist kein Abendgeläute zum friedlichen Feierabend, vielmehr ein Gebimmel, hastig, und gequält, fremd.

Jeden Morgen marschieren Arbeitskommandos, „Brigaden" genannt, aus dem Lager. Offiziere arbeiten nicht. Für sie wird auch eine eigene Offiziersverpflegung, bei der es etwas mehr Fett, mehr Zucker und statt gehäckselter Tabakstengel - „Machorka" - einige Zigaretten mit Mundstück- „Papirossi" - ausgegeben. Dieser Vorzug, bei der deutschen Wehrmacht unbekannt, schafft im Nu eine gespannte, gereizte Stimmung gegen die Offiziere. Die „Antifa" , in Windau unbekannt, dieses antifaschistische Kommitee tut das Seine, zu trennen und zu isolieren.

Nahe dem Ausgang der Baracke sitzt oben auf der Pritsche ein Oberleutnant mit stark geschwollenen Beinen! Dr. Küster ist Wiener, Jurist und Richter, neun Jahre älter als ich. Gesprächsanknüpfungspunkt in diesen Tagen, da jeder in Traum und Gedanken an der Heimat, der Vorkriegszeit, da die Welt noch heil war, hängt, mein Ferienaufenthalt in Gresten bei Scheibbs, einer Nachbargemeinde von Ybbsitz, wo Dr. Küster Frau und Kinder hat.

Keiner ahnt, daß wir fast die längste Zeit der Gefangenschaft gemeinsam erleben werden, bis zur Heimkehr.

Antifaversammlung. Die Amerikaner haben eine Atombombe auf Hiroshima abgeworfen! 200.000 Tote. Sogar hinter Stacheldraht bewirkt die Nachricht lähmendes Entsetzen. Wir haben ganz vergessen, daß die Japaner noch kämpften. Dunkel ahnen wir, daß dieser apokalyptische Paukenschlag nicht nur den Krieg beendet, sondern eine Ära einleitet, in der nicht Hoffnung, sondern Angst die Welt erfüllen wird. Der Gedanke, der Amerikaner hätte sich als Experimentierfeld Deutschland aussuchen können, läßt uns fühlen wie der Reiter über den Bodensee.

Aus der von der Antifa angebotenen Diskussion wird nichts. Wir können den Jubel des kleinen Grazer Doktors nicht teilen. 200.000 auf einen Streich! Einer sagt, die Deutschen hätten ihr Hiroshima im Februar schon erlitten, als Engländer und Amerikaner Dresden auslöschten, das Elbflorenz, vollgestopft mit Flüchtlingen ...

Noch eine Jubelmeldung: Heute, am 8. August erklärt die Sowjetunion, zwei Tage nach Hiroshima, Japan den Krieg! Und besetzt die Mandschurei. Eine Million japanischer Kriegsgefangene, Arbeitssklaven für die Russen, wenn das kein Coup ist!

Und noch eine Atombombe, noch wirksamer, diesmal auf Nagasaki! Wehe dem Besiegten!

Aber es gibt Verteidiger. Die Aktivisten um den Grazer Doktor fordern zur Diskussion heraus, auch in unserer Baracke hält uns einer die 6 Millionen umgebrachter Juden vor. Unser Volk scheint im Heldenhaften wie im Verbrecherischen gigantischer Leistungen fähig.

„Das Gericht der Sieger werde furchtbar sein!" Aber hat der Sieger je zum Richter getaugt?