Oktober 1948

Anfang Oktober kommen Neue. Auch ein Blinder ist darunter. Und Schmidt, der Schinder aus Bsow! Jämmerlich, wie er versucht, sich anzubiedern, als er mich in der Banja sieht. Er habe eingesehen, daß er mit seiner Liebedienerei vor dem Russen nichts erreicht habe. Er habe nicht weniger Angst als wir. Jämmerlich, wie er sich windet, als ich ihn an sein Verhalten in Bsow erinnere, an die Schläge, daß er sich über die Schonung der russischen Ärztin hinweggesetzt habe.

Jetzt beten, vergib uns, wie auch wir vergeben. Wer kann das?

Das Gerücht, ein Heimkehrertransport werde zusammengestellt, verdichtet sich. Wenn, dann geht er nach Deutschland; für mich ist nichts zu hoffen. Täglich bin ich mit Ludwig beisammen, sobald er von der Arbeit kommt. Er versucht, mir Mut zuzusprechen, wider bessere Einschätzung meiner Lage. Er betet mit mir den 12. Psalm.Wie lange noch, Herr? Hast Du mich ganz vergessen? Wie lange noch muß ich den Kummer im Herzen tragen, alltäglich? Wie lange noch wird mein Feind über mich triumphieren?Laß meine Gegner nicht jauchzen, daß ich zusammengebrochen,

weil ich auf Deine Barmherzigkeit baute ...

Ein längst vergessenes Gebet, das Memorare, bringt er mir wieder bei: Gedenke, o mildreichste Jungfrau Maria, es sei noch niemals erhört worden, daß du jemand verlassen hättest, der zu dir seine Zuflucht nahm, deine Hilfe anrief ...

Am Sonntag, dem 17. Oktober 1948 gehen Ludwig, Pastor Stepanek und Fritz Berghoff mit dem deutschen Transport weg. So bang mir ist, meine Verlassenheit wird mir erst bewußt, als sie über die Dünen hinaufgehen und dahinter verschwinden. In der Hand halte ich die kleine Blechbüchse mit dem Glasperlenrosenkranz, den mir Ludwig geschenkt hat. Etwas Trost geht von den Metallkanten aus, die sich in meine Handfläche pressen. Ich fühle mich wie einer, den man ausgesetzt hat.

Fritz habe ich das silberne Fünflatstück mitgegeben, das mir meine lettische Quartiersmutter schenkte, am Karfreitag 1945, und das ich bis hierher, in der selbstgefertigten Hose eingenäht, durchgebracht hatte. Er soll es meiner Frau geben, wenn er es durchbringt; oder sich etwas dafür kaufen.

Ludwig und Fritz kamen nach Hause, aber erst am 2. 12. 1949, mehr als ein Jahr später, zweiundzwanzig Tage vor dem Heiligen Abend, jenem Tag, an dem ich verurteilt werden würde.

Ein paar Tage später wird Raswilka aufgelöst! Wir 22 Österreicher und ein paar ebenfalls zurückgestellte Deutsche, darunter Schmidt aus Bsow, werden nach Darnitza bei Kiew gebracht. Dort soll ein Österreich-Transport zusammengestellt werden. Es ist ein kleines Lager mit winzigem Antreteplatz, kein Auslauf. Ich komme als Saprietnik gleich wieder in die Banja und treffe dort - Peter Behm. Er blieb im Lager Bsow, als ich ins Bunkerlazarett gebracht wurde. Nun ist er hier Banjachef, ein Beispiel, daß nicht alle „Oberplennies" Werkzeuge der Russen sein müssen. Auch Schmidt aus Bsow kommt als Wäscher in die Banja. Peter kriegt den litauisch-deutschen SS-Mann ganz schön klein!

Kaum ein paar Tage in der Banja, gibt es für mich ein Intermezzo besonderer Art. Der deutsche Lagerführer stellt eine Offiziersbrigade zusammen, die die Senkgrube ausschöpfen soll. Nun, Arbeit schändet nicht, für die Gemeinschaft schon gar nicht. Aber es dauert eine Weile, bis wir den Bogen heraushaben, mit dem - an einer langen Stange befestigten - Eimer, das Mannloch des Tankwagens zu treffen. Die Grube ist tief, der Jaucheneimer schwer. Uns Ungeübten ist es anfangs unmöglich, den Eimer hinaufzuschwingen. Dazu kommt noch die Angst und der Ekel, wir könnten uns bekleckern. Ohne das geht es nicht ab, bis wir schließlich gleichgültig werden.

Nach Arbeitsschluß lassen uns die Kameraden nicht in die Baracke, verständlich. Wir stehen auf dem Hof und beraten. Vorläufig verbietet uns der Stolz, uns an den deutschen Lagerleiter zu wenden. Aber man verjagt uns auch vom Essenschalter. Und aus der Banja, wir haben ja keine Kleider zum Wechseln.

Mitten in die erregte Debatte kommt die Ärztin dazu, die das Essen gekostet hat. Was als Demütigung gedacht war, schlägt zum Guten aus! Wir dürfen sofort baden, bekommen künftig täglich frische Wäsche und außerdem eine zweite Garnitur Arbeitskleidung. Die Ärztin verschafft uns auch einen Nachschlag zu jeder Mahlzeit! Als wir nach einigen Tagen die Grube ausgeschöpft haben und unser Kommando aufgelöst wird, bedauern wir das Ende unserer ertragreichen Tätigkeit. Wir waren gut eingespielt, sauber, satt und - zu dieser Gruppe war sicher kein Spitzel gesteckt worden!

Anders in der Banja, wohin ich als „Gesperrter" gleich wieder gesteckt werde. Da warnt mich jeder, von Peter, dem Chef bis zu Schmidt, der immer noch bellt und poltert wie in Bsow, aber nun „geheilt" ist, vor einem, der „Natter" genannt wird, und Vertrauensmann des NKWD sei. Einmal höre ich, wie Schmidt der Natter in seinem rüden Ton klarmacht, daß die Russendienste ihm nur die Verachtung der Russen und der Kameraden einbringt.

Tatsächlich wird ein Österreichertransport zusammengestellt. Ich werde aus der Banja entlassen. Peter beglückwünscht mich, einmal müsse es ja klappen. Wir sitzen einen, einen zweiten Tag in der von Arbeitsbrigaden leeren Baracke zusammen. Die Stimmung ist gedämpft, jeder hat schon mehrmals die Enttäuschung erlebt, zurückgestellt zu werden und „die alten Klamotten empfangen zu müssen". Deshalb tauschen wir auch Anschriften und Nachrichten aus. Schon scheint uns wichtig, daheim mitzuteilen, wann wer das letzte Mal gesehen worden ist.

Die Weihnachtsfeier der Kulturgruppe ist sehr stimmungsvoll. Anders als in früheren Jahren fehlt jedes propagandistische Beiwerk der Antifa. Ein Maler hat ein wunderbares winterliches Bergwaldbild geschaffen, über dessen Lichtung in der Mitte der Stern von Bethlehem strahlt. Der kleine Chor, die Kapelle geben das Beste. Auch die Küche müht sich, zu zeigen, daß Weihnachten ist. Im Kameradenkreis gelingt es, die schwermütige Stimmung zu überwinden.

Eine neue Jahreszahl. Heuer werde ich dreißig. „Wer mit zwanzig nichts kann,

mit dreißig nichts ist, und mit vierzig nichts hat, der wird´s nicht weit bringen ..."

Gerade am Jahrestag unserer Verlobung, dem siebenten, werde ich zur 49. Vernehmung, der ersten in diesem Jahr 1949, geholt. Da ich „zum Tor" kommen muß, ziehe ich mich transportmäßig an, stecke das Wichtigste ein und verberge auch meine Daten. Diesmal werde ich nicht geschlagen, obwohl ich aus dem Dunkel heraus jeden Augenblick einen Hieb erwarte. Als Variante möglicher Vernehmungstaktiken werde ich von einer sehr starken Lampe angestrahlt. Der Offizier sitzt im Finstern vor mir, der Dolmetscher hinter mir. Sogar die Pelzmütze muß ich aufbehalten, „damit ich mich besser erinnern kann2. Ich sehe schon nichts mehr, der Schweiß rinnt mir in Bächen übers Gesicht, mein Hemd ist zum Auswinden.

Eine Stunde später werfe ich mich erschöpft auf die Pritsche. Am nächsten Morgen werde ich einem Außenkommando zugeteilt - „Finski domiki2. Ist die Zonensprerre aufgehoben? Keinen der Brigadeleute kenne ich. Wird sich wieder irgendeiner an mich heranmachen? Wir betonieren Fundamente für die Finnenhäuser. Am nächsten Morgen werde ich am Tor zurückgehalten. „Du bleibst im Lager!"

Wieder bereite ich mich auf den Abtransport vor, wiederhole insgeheim meine Aufzeichnungen, vernichte ein paar Zettel, schiebe meinem Pritschennachbar einen Zettel mit meiner Heimatanschrift unter die Decke.