Untersuchungshaft

Am 29. Jänner 1949 werde ich mit anderen auf offenem Studebaker nach Kiew ins Lager 7062/4 gebracht. An einer Kreuzung in der Stadt hält neben uns ein Autobus, durch Lüftungsschlitze ruft uns ein Insasse zu, er sei Ingenieur aus Dresden, sie alle seien hierher arbeitsverpflichtet ...

Der Lastwagen wartet an der Wache. Hohe Bäume, Asphaltwege, ein großes Areal. Es liegt an einem Hang. Der Antreteplatz liegt oben auf dem Hügel. Unterhalb ein Sportplatz, dahinter wieder Bäume. In den Hang sind zwei Reihen Erdbunker mit spitzem Dach gebaut. Andere Unterkünfte und die Wirtschaftsgebäude bestehen aus Baracken.

Ein schönes Lager, das offenbar schon lange besteht, vielleicht anderen Zwecken gedient haben mag. Um den Antreteplatz stehen Zwetschkenbäume.

Ich stolpere die vier, fünf Stufen in den Erdbunker hinunter, in den ich eingewiesen wurde. Die Stockpritschen stehen hier nicht in der Mitte, sondern rechts und links vom Gang. Licht fällt durch ein Fenster in der Tür und zwei im Dach.

Der Bunkerälteste stellt sich vor und weist mir einen Platz zu. Der Offiziersbunker ist vorwiegend mit Österreichern belegt, es wohnen aber auch mehrere rumänische und zwei polnische Herren hier. Einige Sudetendeutsche werden den Österreichern zugezählt.

Ich bin im berüchtigten Durchleuchtungslager des NKWD gelandet. Die „Kirche" in die wir zur „Beichte" geholt werden, befindet sich weit ab von den Unterkünften am Rande des Sportplatzes! Das sagt schon sehr viel!

Die Atmosphäre, der Geist hier ist bemerkenswert. Hier sind lauter „Gesiebte", SS-Leute, Wehrmachtsangehörige, deren Wohnsitz im heutigen „Sozialistischen Lager" und den dazugehörigen Ländern liegt, im Ostblock, und Angehörige sogenannter verbrecherischer Einheiten wie Sicherungsregimenter und Bataillone, die Partisanen bekämpft hatten, oder Namensdivisionen wie „Das Reich" oder „Prinz Eugen" oder „Großdeutschland". Zu den „verbrecherischen Einheiten" zählen aber auch Landesschützenbataillone, weil sie Kriegsgefangene bewachten.

Hier weiß jeder, was man ihm zur Last legt. Jeder hat auch mehr oder weniger klare Vorstellungen, was seiner wartet. Nicht, weil er sich eines Verbrechens nach westlicher Auffassung schuldig weiß sondern, weil der Maßstab sowjetisch, weil es der Tenor der Sieger ist. Wir sind auf dem Wege, keine Kriegsgefangenen mehr zu sein sondern Agenten, Kriegsverbrecher, Handlanger des Faschismus, Verräter der Arbeiterklasse. Letzten Endes nichts als ein Arbeitskontingent als Ersatz für die Rekrutenjahrgänge, die nach dem Morgenthauplan zehn oder mehr Jahre Reparationsleistungen erbringen sollten. Churchill - gewiß kein Freund der Deutschen - soll in Jalta dem blinden Deutschenhasser und kurzsichtigen Stalinanbeter Roosevelt entschieden widersprochen haben.

Hier hat aber auch keiner Angst vor Spitzeln! Was sollten sie auch schon berichten, was der Blaue vom NKWD nicht ohnehin schon wüßte? Und schon längst für seine Zwecke umgemodelt hat. Weil mein Vater Schneider war, bin ich ein Verräter der Arbeiterklasse, wenn ich mich zum Mittelstand rechne; weil es an der Lomonossow-Universität in Moskau eine Fakultät für marxistisch-leninistische Philosophie gibt, muß ich natürlich in Wien an der „faschistischen" Philosophischen Fakultät studiert haben!

Für jeden brauchbaren, verurteilungsreifen Straftenor gibt es eine Prämie für den NKWD-Offizier. Da lohnt es sich schon in Form und Inhalt ein wenig zu feilen und in die kommunistische Terminologie zu übersetzen. Die dialektische Phraseologie eignet sich hervorragend dazu.

Neben mir liegt Landesgerichtsrat Dr. Richard Wanecek aus dem Waldviertel. Links neben mir hat Werner Altzauer aus Graz, aber zuletzt wohnhaft im jetzigen Ostgebiet, seinen Platz. Auf der gegenüberliegenden Pritsche unten „wohnt" Walter Bereny. Ein norddeutscher Wiener, aber hier fragt keiner, unter welcher Flagge einer segelt. Als aber Bereny den 12. Wiener Bezirk erwähnt und das Gymnasium der Rosasgasse, stutze ich doch. Als er erklärend sagt, er hätte eine Schulkollegin von mir geheiratet, staune ich noch mehr! Es ist Emmi Hart, die Tochter eines Rechtsanwaltes, die mit ihrer Schwester Bärbel einige Klassen unter mir das Gymnasium besuchte. Lebhaft steht das Bild der beiden blondbezopften Mädchen im blauen Dirndlkleid vor mir!

Erschüttert freilich bin ich, als er weiter erzählt, Emmi sei ihm gegen Kriegsende, als er in Böhmen eingesetzt war, mit dem Baby nachgefahren. "Was soll ich bloß mit Euch machen? Morgen greifen wir an!" Sein Panzer habe einen Treffer bekommen; mit einem Splitter in der Brust habe er seine Frau an einen Baum gelehnt, nach wenigen Atemzügen sei sie gestorben. Auch das Kind - glaube ich mich zu erinnern - so erzählte er, sei umgekommen.

Ich lerne Englisch. Ein Volksdeutscher aus Jugoslawien, hat Schwierigkeiten mit der Aussprache. So bekomme ich Kontakt mit dem schweigsamen, zurückgezogenen Einzelgänger. Jahre später schreibt mir Herr Doppler aus Kanada.

Erinnere ich mich recht? Gab es im Mai 1949 eine Sonnenfinsternis?

Fast haben wir vergessen, in welcher Art Lager wir leben, da werden die Vernehmungen wieder aufgenommen. Besonders hat das NKWD einen italienischen Wehrmachtsgeistlichen in der Ziehung. Don Breve soll zugeben, Agent des Vatikan zu sein. Eines Sonntags sehe ich ihn stundenlang an der Wache stehen, ohne Schatten, dürstend, schwankend, aber er darf sich nicht setzen, um sich besser erinnern zu können. Viel später werde ich dem Roten Kreuz melden, wann und wo ich ihn gesehen habe.

Eines Abends kommt Fähnrich Grünwald aus Graz zu Dr. Wanecek. „Was soll ich machen? Wenn ich nicht über Sie hier im Bunker berichte, will mich der Blaue in ein Straflager stecken!" „Einmal wirst Du nach Hause kommen, dann mußt Du verantworten, was Du gemacht hast. Der Hans war ein halbes Jahr im Strafzug, Du wirst das auch aushalten. Aber es gibt Dinge, die tut man einfach nicht." Am nächsten Tag kommt Grünwald im Einzeltransport weg.

Die schwer leserliche Schrift meiner Frau kann ein Grund sein, daß ich so wenig Post von ihr bekomme; aber warum schmiert sie so? Der Dolmetscher wird sich keine große Mühe machen und die Karten einfach wegwerfen. Und warum schreibt sie so nichtssagend? Nichts, woraus ich mir ein Bild machen kann. Ich bin nicht nur räumlich weit, weit von ihr entfernt. Ich bin wohl aus ihrem Leben getreten.

Der österreichische Antifaleiter lebt im Lager mit einer Luftnachrichtenhelferin zusammen; als er allein wegkommt - angeblich fährt er nach Hause - findet sie die Rot-Kreuz-Karten an seine Eltern, die er auch von ihr unterschreiben ließ, aber nicht abgab! Er hat immer doppelt geschrieben.

Aber in diesem Lager lebt auch ein echtes Ehepaar! Beide adelig, flog die Frau ein Roteskreuzflugzeug in der Nähe des Einsatzabschnitts ihres Gatten. Als die Situation kritisch wurde, weigerte sie sich, zu fliehen, suchte ihren Gatten auf und ging mit ihm in Gefangenschaft!