Waldarbeit

Im August werden die Offiziere aus den Brigaden herausgezogen und in einer zusammengefaßt. Wir wollen einen Major, den wir von Riga her schätzen, Eichenlaub mit Schwertern, zum Brigadier wählen, aber er weigert sich beharrlich. Seit ein NKWD-Offizier bei einer Vernehmung ihm mit einem Streifschuß die Kopfschwarte verletzt hat, hält sich der cholerische Draufgänger zurück.

Zuerst wird uns radikal das Haupthaar geschoren. Gut so, auch das war bisher ein Grund des Hasses, der uns manchmal entgegenschlug. In Bsow trug man immer schon eine Glatze - bis auf den ungarischen Hauptmann, eine in dieser Umgebung befremdend „geleckte" Erscheinung in braunen Stiefeln und Breecheshosen, der jeden Kontakt zu uns Kurländer-Offizieren, auch zu den Österreichern abgelehnt hat. Auch unsere Männer, die in Riga zum Lagerfriseur gegangen waren, gesellen sich nun zu den Geschorenen der Altmannschaft. Mir macht das nichts aus. „Du Offizer?", und schon hatten die Posten mich immer wieder zu irgendwelchen Dienstleistungen geholt. Nun bin ich getarnt. Ob Schmidt´s Haß uns die Glatze verpaßt hat, haben wir nie herausgefunden. Aber daß die Offiziersbrigade das „Waldkommando" bildet, ist seine Einteilung.

In den Hain uralter Bäume beim kaisergelben Häuschen sollen wir Baumstümpfe roden! Werkzeug: Brechstangen, Kreuzhacken und Schaufeln. Hole damit die Wurzelstöcke uralter Eichen aus dem Boden. Die wochenlange Deichgräberei ist mir schon schwer genug gefallen, aber sie hat mich gestählt. Denn diese Stumpenroderei ist wirklich Schwerarbeit.

Wieder ist es Peter, der weiß, wie man´s anpackt. Wenn der Humus im Umkreis weggeräumt ist, legen wir die arm- und schenkeldicken Wurzeln frei, immer tiefer, und hacken sie schließlich ab. Das ist in der mannstiefen Grube, behindert durch den riesigen Wurzelballen, eine nicht ungefährliche Arbeit. Doch die einzelnen Partien entwickeln bald große Übung, und Peter weiß immer eine Lösung. Ohne viel Kritik oder Tadel werden die Ungeschickten auf die Partien verteilt. Ein Traktor zieht die Baumstümpfe heraus, die Grube wird zugeschüttet.

In der Mittagspause genießen wir die Kühle des Wäldchens. Dort, in Gras und Unterholz, läßt es sich herrlich träumen, dem Wolkenzug nachschauen, die Gegenwart vergessen. Manchmal kriechen aus den Stümpfen aufgescheuchte Ringelnattern, grau meistens, aber auch graugrün, mit prachtvoll goldenen Ohrenflecken, oder Äskulapnattern noch länger, braun mit gelbem Bauch. Sie können aus der steilen Grube nicht entfliehen. Wir fangen sie, spielen wohl auch mit ihnen und bewundern den Totstellreflex, wenn sie sich wild zusammenkrümmen, den Rachen weit aufreißen und die schwarze Zunge heraushängen lassen. Sie sondern wohl auch ihr übelriechendes Sekret ab, auch nur, wenn ihnen das „Spiel" zu lange dauert, beißen aber nicht. Die Äskulapnattern versuchen zu zwicken. Wir freuen uns daran, wie sie sich aufrollen und ins Unterholz davongleiten.

Einziger Wehrmutstropfen - fast täglich müssen wir zu Fuß ins Lager zurückkehren - samt Werkzeug. Zu uns finden die Lastwagen nicht. Schmidt vergißt uns wohl gerne. Die Posten aber reißen sich nicht darum, zeitig ins Lager zurückzukommen, zu Dienst und politischer Schulung. Im Gegensatz zu unseren Landesschützen bewachen uns junge, aktive Soldaten, die - später sehe ich bei Garnisonsarbeiten einen solchen Dienstplan - bis zu sechzehn Stunden Politschulung erhalten!

Noch immer gibt´s die Salzfische. Als der Wasserfahrer kam, versuchte ich einen Trinkbecher zu ergattern. Aber zugleich mit mir stürzten so viele aus den Bunkertüren, der Fahrer schlug wie wild um sich, die Peitschenschnur hat mich übel quer übers Gesicht erwischt.

Seit Tagen zieht vom Horizont im Süden weißer Rauch über unser Lager. Es heißt, dort brenne ein großer Wald. Ein Gerücht geht um, daß wir am Sonntag dort eingesetzt werden sollen. Wir müssen immer sonntags arbeiten, wenn ein Monat fünf Sonntage hat.

Norbert und ich sagen einander Gedichte auf, die wir einmal lernten. Peter meint, wir sollten etwas zusammenstellen, um die Leute auf andere Gedanken zu bringen. Ich sage, ich könnte die Lederhosenballade beisteuern. Der Fliegeroberleutnant, der trotz aller Anfeindungen seine blaue Bluse bis hierher gerettet hat, stellt ein Programm zusammen. Er ist Sudetendeutscher, nahe der Heimat meiner Mutter daheim. Aus dem Witz von den drei Manschettenknöpfen wird ein Sketch gemacht, und Norbert wird das Gedicht von Helene, der der Grammatiklehrer „er, sie, es" beibringt, aufsagen. Am 5. August wollen wir die Vorstellung halten.

Am 5. August liege ich mit Furunkulose im Revierbunker. Durch das winzige Fenster kann ich auf die Bühne schauen - vier Fässer und einige darüber gelegte Bretter.

Im Herbst arbeite ich wieder auf dem Autobahndamm. Im November komme ich in die Sandgrube. Immer noch bin ich in der Offiziersbrigade. Schon beginnt der Boden zu frieren. Als Schnee fällt, schickt Schmidt die Offiziersbrigade in jenen Wald im Süden, wo im Sommer der Waldbrand wütete.

Der Schnee liegt hüfttief. Die Kiefern sind glashart gefroren. Die Sägen schlecht geschränkt. Es gibt keine Unterkunft, kein Feuer, kein Essen. Die Posten treiben uns unter Schlägen an. Aber wer von uns hat je einen Baum gefällt? Am anderen Ende der Zugsäge hängen zwei; der eine hat Wasserödeme, der andere Schweißdrüsenabszesse. Wir drei bringen nichts weiter. Der Posten drischt, befiehlt die Wattejacke auszuziehen. „Du frieren, du gut arbeiten!" Eine Kiefer, die sich in Kopfhöhe in drei Stämme teilt, erledigt uns. Ich halte dem Posten die weißen Hände entgegen, rissig vom Frost und sage: „Streljai!" - Schieß! Da stößt er die beiden anderen weg, tritt mich in den Hintern, hängt die MPi um und packt die Säge. „Dawai!" Wie wild reißt er an der Säge, im Nu bin ich ausgepumpt. Mir ist alles egal. Ich knie im Schnee und weine in mich hinein.

Zermürbt, mißhandelt, verspottet, gäbe es nur eine Tat, seine Würde zu bewahren: Den Posten angreifen, in seine Waffe hineinlaufen - aber wir hängen immer noch am Leben, sind zu schwach und willenlos. Peter hilft auch hier wo er kann. Die Stämme müssen entästet werden, manche sind nur als Brennholz zu gebrauchen - wer von uns kann einen Baum in die Richtung fällen, in die er fallen soll? So stürzen sie übereinander, und brechen. Das verzögert die Erfüllung der geforderten Norm. Es wird schon dämmerig, als wir die Stammstücke von vier Meter Länge auf Lkw´s verladen - sechs Mann im Trippelschritt durch den tiefen Schnee. Ein Kettentraktor zieht den Lkw aus dem Wald. Die Konvois treiben an, es wird ihnen schon zu dunkel. Aber der Lastwagen, der uns ins Lager zurückbringen soll, 45 Kilometer weit, muß erst mit Prügelholz beladen werden, hoch bis zum Dach des Führerhauses. Wir hocken im eisigen Wind oben drauf. Unterwegs verkaufen die Posten das Brennholz gegen ein paar Flaschen Samogonka, den selbstgebrannten Kartoffelschnaps. Aber bis dahin klammern wir uns mit steifgefrorenen Fingern an, wo und wie immer es gehen mag, um nicht von der getürmten Ladung geschleudert zu werden. Der Wagen schwankt gefährlich in den hart gefrorenen Gleisen des Waldweges. Draußen aber auf der Ebene packt uns der Schneesturm. So war es gestern, so ist es jeden Tag, so wird es sein, solange wir auf diesem verfluchten Kommando sind. Täglich müssen ein paar ausgetauscht werden, die sich Finger und Zehen erfroren haben. Schmidt findet immer neue Sündenböcke.

Mitten auf der Ebene hält der Wagen, die Soldaten verschwinden in dem einsamen Haus, und wir müssen das Prügelholz abladen. Aber dann hocken wir auf dem Blechboden, kaum durch die Bordwand vor Schnee und Sturm geschützt, und warten auf die betrunkenen Posten. Hoffentlich findet der auch nicht nüchterne Fahrer durch die Schneewehen.

Niemand spricht, als wir steifgefroren und mürrisch nach der Zählung zur Küche hasten. „Schmidt hat Lungenentzündung!" „Verrecken soll das Schwein!" Brotempfang, Zuckerteilen, Machorkaportionieren, Abendappell. Der Tag nimmt kein Ende. Der Deshurnijoffizier kommt wieder nicht von der Krankenschwester los.

Endlich auf der Pritsche. Wattejacke und Mütze bleiben an, mit der Schuba, dem Pelzmantel, decke ich mich zu. Auch die Filzstiefel lasse ich an, ich muß ja mehrmals hinaus - Reizblase sagt der Arzt.

Ich wollte, ich gehörte zu denen, die morgens nicht mehr aufstehen werden, die die OK-Männer während der Zählung von der Pritsche holen, nackt ausziehen, in den Schnee legen, und - wenn der Deshurnijoffizier sich überzeugt hat, daß keiner markiert (!) - auf den Kastenwagen werfen. Im Sumpf, dem einzigen Grund, der nicht tief gefroren ist, werden sie versenkt.

Im Lager geht man uns aus dem Weg. Alle wissen, wenn die aus dem Wald kommen, ist Alarmstufe, so gereizt sind wir. Es hat sich eingebürgert, die Oberplennies am Tor, wenn wir einrücken, zu fragen: „ist das Schwein noch nicht hin?" Wer hat gedichtet: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her...

In diesen elenden Tagen liegt eines Abends eine Rot-Kreuz-Karte auf meinem Pritschenplatz! Mein Bruder schreibt, die Eltern seien gesund. Nicht mehr über sie. Aber sie leben!

Heute ist Heiliger Abend. Alles wie sonst. Nur Suppe gibt es vor der Zählung nicht, auch nicht nachher. Es ist keine übrig geblieben! Wir kochen vor Haß. Er entlädt sich über die OK-Männer, die eine kleine Kiefer besorgt haben und aus Patronenhülsen, Draht, Werg - aus der Wattejacke gezogen - und Kerosin Kerzen fabriziert haben. Der Haß wandelt sich zum Hohn, weil diese Lichter lange nicht brennen wollen. Als endlich die warmen Flämmchen das Bunkerdunkel erhellen, stimmen sie tatsächlich „Stille Nacht" an. Mir fällt Salaspils ein, vor einem Jahr. Wie tief liegt die Grenze, wo das Unerträgliche beginnt? Ob der Pastor, der das inszeniert hat, seine Worte ernst meint, oder nur glaubt, das Theater seinem Beruf schuldig zu sein? „Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!" Die Tür fliegt auf, Soldaten stolpern in den Erdbunker, brüllen irgend etwas, packen das Christbäumchen und den Pastor, und weg sind sie.

Keine der Brigaden traut sich, eine Kerosinfunzel anzuzünden. Verdrossen liegen wir auf den Pritschen. Später kommt einer von der Latrine. Der Pastor sei im Karzer. Nach einer Weile kramt Peter in seinem Brotbeutel. „Ich bring ihm meine Brotportion". „Da, nimm meine auch mit". Peter verschwindet. Ich würde mich nicht trauen, zum Gefängnisbunker zu robben und das Brot durch das Ofenrohr hineinzuwerfen. Das Rohr dient mehr zur Lüftung, geheizt wird der Karzer nicht, er ist nur ein Erdloch, die Decke wölbt sich nur ein wenig über den Lagerhof. Jetzt im Winter ist es wenigstens nicht mehr naß darin, aber die ganze Nacht in dem niedrigen Loch hocken, ohne sich warm machen zu können? Der Arme - wenn er seine Botschaft ernst meinte...

Nach einer Weile flüstert Peter „erledigt". Er ist ganz naß, mußte er doch seine Kriechspur verwischen, aber es schneit gottseidank. Genug Spitzel unter uns, vielleicht will einer vom Holzkommando weg.

Schmidt stirbt nicht. Welche Wünsche gehen eigentlich in Erfüllung, wenn nicht einmal die Inbrünstigen?