Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her

Ich bin auf die Deponie versetzt worden! Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Schon im Krieg war das so, daß eine Wende, eine Erleichterung eintrat - und wenn es einer meiner vier Lazarettaufenthalte war. Hier schleppt eine kleine Diesellok den Lorenzug den Hügel herauf, und ich muß Sand und Schotter entsprechend der Körnung in die Fächer kippen. Ich laufe hin und her, muß einmal da, dann wieder dort kippen, richte die Loren auf und fahre mit hinunter. Bis der nächste Zug kommt, habe ich Freizeit. Ich liege auf einem Sandhaufen, blinzle in die Sonne, wenn sie scheint, es ist, als hätte ich nie in der wassergefüllten vierten Sohle geschuftet.

Jede Brigade erörtert das Gerücht, daß wir weg, vielleicht sogar nach Hause kommen sollen. Viereinhalb Jahre - ist das nicht genug?

Sei still, mein Herz, und klage
Dein Schicksal nimmer an.
Es führt aus jeder Tiefe
ein Pfad zum Licht hinan.
Wenn auch die Wolken jagen
in wetterdunkler Nacht,
Du weißt: es strahlt darüber
der Sterne reine Pracht.
Der über Wolken wandelt
wie Du auf Ufersand,
ER hält in seiner Güte
auch Dich in Vaterhand.

Wie mir da leicht wird, wenn mir solches eingefallen ist! Manchmal wird mir ein Kamerad beigestellt - Pastor Siehs aus Württemberg. Dann liegen wir in voller Deckung zwischen den Schotterhügeln und schauen den Wolken nach. Gute Gespräche führen wir und sind für eine Viertelstunde weit weg - in einer Welt, in die wir gehören.

Auch Pastor Siehs hofft - und zweifelt, allzu unberechenbar ist die Macht, in die wir gegeben. Zwischen Moskau und uns Würmern tief unten sind viele kleine Götter gestellt, und von jedem einzelnen ist unser Schicksal abhängig. Es sind schon Leute in einen Transport gesteckt worden, von der Arbeit weg, ohne Vernehmung, in den Alltagslumpen, nur, weil plötzlich einer im Waggon krank wurde. Hier ist alles möglich, auch das Unwahrscheinlichste.

Ein schwerer Unfall erschüttert uns alle und macht uns bewußt, daß wir im Steinbruch täglich in Gefahr schweben. Einer ist ausgerutscht und in den Steinbrecher gestürzt. Entsetzlich. Bei den Russen herrscht große Aufregung. Wir sind wie gelähmt. Die Zeit ist vorbei - in Bsow war´s noch so - da die in der Nacht Verstorbenen im Sumpf versenkt wurden. Heute sind wir registriert, fast jeder hat Postverbindung mit der Heimat, wir stehen in Listen, hier wie daheim. Und wenn wir wirklich in Bälde heimfahren sollten? Die armen Angehörigen ...

Denn wir reden von nichts anderem als vom Heimfahren. Von der Antifa - und damit vom Russen - genährt, erreicht die Heimkehrerstimmung einen Höhepunkt, seit 1947 nicht mehr erlebt. Ist der Pessimismus, der sich unter den Österreichern ausbreitet, auch gesteuert? Oder machen wir uns gegenseitig verrückt?

Niemand lache, für den im Wohlstand Zähneputzen und Körperreinigung selbstverständlich ist. Inmitten der Schotterhaufen überkommt mich ein menschliches Rühren, dringend, unaufschiebbar. Aber weit und breit nichts als gebrochener Granitschotter. Während ich Umschau halte nach einem weniger scharfkantigen Stein, treibt - ein Wunder - der Wind ein Blatt Papier vorbei. Ich stürze hin, es der Brise wegzufangen, es stammt aus einem Buch. Immer interessiert, lese ich - Verse, wohlbekannt, wenn auch seit Ewigkeit nicht mehr vernommen, von Goethe! Als ob er mir in meiner gegenwärtigen, hilfsbedürftigen Lage lächelnd zuflüstern wollte, lese ich

ich liebe mir den heitern Mann
am meisten unter meinen Gästen;
wer sich nicht selbst zum Besten haben kann,
der ist gewiß nicht einer von den Besten.

Ich lese einmal, zweimal - und muß lachen. Ein blinder Zufall. Bedächtig falte ich das Blatt zusammen und stecke es in meine zerschlissene Wattejacke. Nun tut´s doch ein Stein.

Wir kommen weg! Nicht alle, aber ich bin dabei! Alles spielt sich in Hast und Überstürzung ab. Kaum haben wir die Suppe mehr getrunken als gelöffelt, marschieren wir auch schon zum Tor hinaus, am Friedhof, an jenem Hügel vorbei, den die Kulaken und Burschuas nach der Oktoberrevolution 1917 aufschichten mußten, 20 Meter hoch, als Abraum, um hier den Steinbruch zu eröffnen. Viele damals Verreckte und Erschossene sollen in ihm verscharrt worden sein von jenen, die die Schottertragen noch schleppen konnten. Noch heute sieht man die schmalen Trampelpfade der Geschundenen.

Aber düstere Gedanken haben heute keinen Raum. Wir marschieren, nein, wir rennen querfeldein zum Bahnhof, nur von einem Posten mit Pistole begleitet, der ebenso wie wir rennt, lachend, anfeuernd „Skoro domoi!" Ohne zur Ordnung, oder zum Schweigen angehalten zu werden, aber immer wieder angetrieben, „büjstree! dawai! domoi, domoi!" - schneller, los, nach Hause!

Lachend, scherzend, übermütig rennen wir weglos die Äcker hinunter. Kaum hält uns der Posten auf der ländlichen Eisenbahnstation zusammen, obwohl Landleute mit Bündeln und Packen auf den Zug warten. Auch sie sagen immer wieder lachend „domoi!".

Da kommt der Zug, wir klettern in den für uns angehängten Güterwagen, der Posten mit uns, aber die Tür bleibt offen! Halten wir irgendwo, dürfen wir aussteigen. Wer will, kann seine paar Rubel im Gedränge des Schwarzen Marktes ausgeben. Wir, die fünfzehn Österreicher aus Norinsk, Dr. Raspe und Bodner, beide aus Tirol, sind auch dabei, stoßen im Hauptlager Korosten auf eine größere Gruppe schon versammelter Landsleute. Auch Kameraden aus Darnitza treffen wir wieder, die in einen anderen Steinbruch gebracht worden waren. Nun geht es nach Hause?

Aber am 4. Dezember beginnen wieder Vernehmungen bis in die Nacht, am Morgen geht der Österreicher-Transport ab - ohne mich und Dr. Raspe. Bodner, mit dem ich gut zusammengearbeitet hatte, vermacht mir schriftlich seine etwa noch ankommenden Pakete und verspricht, meine Lieben zu verständigen, was er auch getan hat. Daheim finde ich seinen Brief, Jahre später. Rudi Krach aus Langenlois, den der Blaue in Darnitza zusammengeschlagen hatte, ist auch beim Transport. Ich begleite ihn bis zum Tor. Beiden ist uns zum Heulen. Die Niedergeschlagenheit der Zurückgebliebenen ist nicht zu beschreiben. Ich trete in Hungerstreik. Drei Tage liege ich auf der Pritsche in der leeren Baracke. Niemand kommt, niemand fragt, Dr. Raspe versucht, mich zu überreden, den sinnlosen Streik aufzugeben. Unterdessen treffen Deutsche im Lager ein. Auch Pfarrer Siehs ist unter ihnen. Immer mehr Deutsche werden gesammelt. Pfarrer Siehs verspricht auch, meine Angehörigen zu verständigen. Am 7. Dezember werde ich zum Blauen geholt.

Am 23. Jänner 1950 erhält mein Schwiegervater einen Brief von Pfarrer Siehs aus Sinsheim.

„Im Auftrag von Herrn Oblt. Bogg, der mir in der letzten Zeit unserer gemeinsamen Gefangenschaft ein lieber Freund geworden ist, schreibe ich diesen Brief.

Anfang Dezember mußte er mehrmals zum Verhör und wurde dann aus folgenden Gründen unter Anklage gestellt:

Er war Offizier in einem Sicherungsregiment, das die Aufgabe hatte, Bahnlinien und Straßen zu sichern; als solcher hatte er mehrmals Partisanen zu verhören. Das genügte, um ihn eines Abends aus unserem Kreis abzurufen. Darauf wurde er mit noch vielen anderen Kameraden (so etwa 150) in einen gesonderten Block gebracht, der für uns unzugänglich war.

Als wir am 12. 12. 49 mit 500 Mann die Heimreise angetreten haben, hatte sich an ihrer Lage noch nichts geändert.

Ein Kamerad, der mit einem späteren Transport gefahren war, (20. 12.) hat mir dann berichtet, daß all diese armen Menschen in kleinen Trupps weggeschafft worden wären. Wohin, ist nicht sicher; zum Teil nach Shitomir, zum Teil nach Kiew.

Was dann weiter aus meinem lieben Freund Hans geworden ist, blieb mir leider unbekannt.

Aber eines weiß ich, daß Hans seinen Weg geht im Glauben an Gott, der ihm die Kraft schenkt, was auch kommen mag, und im Bewußtsein, daß er unschuldig ist, diesen Weg des Leidens zu gehen.

Gern hätte ich Ihnen schon gleich nach meiner Ankunft geschrieben, aber ich wollte den letzten Transport abwarten, um eventuell noch Näheres zu erfahren.

Ich grüße Sie und all Ihre Lieben im Namen des lieben Hans und verbleibe mit herzlichem Gottbefohlen - Ihr Günther Siehs

NB Mitteilung habe ich bereits an das evangelische Hilfswerk in Amberg/Oberpfalz gemacht."

„Sie wollen wissen, warum Sie zurückgeblieben sind? Sie waren Mitglied der Hitler-Wehrmacht?"

„Ja".

„Sie haben gegen Partisanen gekämpft, die ihre Heimat gegen Euch Landräuber verteidigten?"

„Ja".

„Sie waren in Ihrem Regiment Ordonnanzoffizier?"

„Ja".

„Und haben an die 15 kriegsgefangene Partisanen - das haben Sie selbst zugegeben - ausgefragt und die Ergebnisse an SS-Dienststellen weitergeleitet?"

„Ich war Wehrmachtsangehöriger und hatte mit SS nichts zu tun".

„Nitschewo".

Das ist meine Anklageschrift. Seit heute datiert meine Untersuchungshaft.